Donnerstag, 11. Mai 2017

Sinn


Gott und ich haben uns schrecklich gestritten. Warum? Wegen eines Plissee-Rollos! An diesem Tag war ich nämlich der festen Überzeugung, dass wir es unbedingt - und zwar Jetzt, und SOFORT - aufhängen sollten. Gott sah das anders, hatte aber - wie so oft - ein Einsehen mit hysterischer Gedankenkonsturktion. Dementsprechend schritten wir zur Tat. Gott packte das Teil aus und studierte die Anleitung. Ich verstehe das System, sagte er dann nachdenklich. Und ich wusste direkt: Gleich gibt’s wieder Streit. Mabel musterte uns und legte sich schützend neben Poires Wagen. Ich verstehe das System, sagte Gott dann erneut, doch … Sag nicht, Du kannst das Rollo nicht anbringen, fiel ich ihm unwirsch ins Wort. Jeder hat diese Dinger inzwischen am Fenster - wirklich jeder. Daher wollte ich eigentlich auch keins, aber es ist nun mal praktisch konstruiert, von oben fällt die Abendsonne in den Raum, in der Mitte ist Passanten der Blick verschlossen. Und unten können die Höllenhunde Mabel und Walker liegen und hinausschauen, so dass jeder, der etwas Böses im Sinn hat, umgehend davon Abstand nimmt. Hunde im Haus! Dann müsste ich hier bohren, sagte Gott und zeigt auf eine Stelle direkt am Glasrand. Das kriegst Du nie hin, stellte ich fest. Gott zürnte. Der Rahmen ist zu schmal, räumte er dann allerdings ein. Um dann erneut zu wiederholen: Ich verstehe das … usw. Problemorientiertes Arbeiten liegt mir nicht. Ich nahm ihm das Teil weg, ergriff die Initiative und zog zwei Bindfäden durch zwei Löcher, knotete die um die Stange vom alten Rollo und? Fertig. Es hängt schief, stellt Gott fest. Wir justierten nach. Jetzt kann man es nicht verschieben, murrte Gott. Will ja auch niemand, wie sind die einzigen mit neuem, chicen Plissee-Rollo, das man nicht bewegen kann. Was soll's. Indes: Von oben fällt die Abendsonne in den Raum, in der Mitte usw. Problem gelöst! Leider gab es das geniale Plissee-Rollo nicht in Rot, wie ich es wollte. Sondern in der Türgröße lediglich in elegantem Beige. Wieso?, fragte ich den Verkäufer, dem das ebenfalls schleierhaft schien. Es gibt unterschiedliche Größen in unterschiedlichen Farben, erklärte er. Das hatte ich nach Sondierung des Sortiments bereits bemerkt. Aber Rollos für Türen werden wohl ausschließlich in Uni-Beige hergestellt. Basta. Und sei’s drum. Dann musst Du eben die Tür Rot streichen, sagte ich nachdenklich beim Betrachten meines Werkes zu Gott. Die Tür braucht eh einen Anstrich. Das wird hübsch aussehen. Gott bestätigte das. Doch ich fürchte, bis Gott mit dem Anstreichprojekt beginnt, wird es wieder Monate dauern. In ihm steckt einfach kein Heimhandwerker. Er hat mal etwas Nützliches gelernt. Und ist ein Gott geworden. Dann reinigen wir wenigstens noch den Eingang, befahl ich und holte den Hochdruckreiniger aus der Garage. Es ist nämlich so, um ein Leben zu beenden, um aus all dem Erlebten, eine runde Sache zu machen, sollten die Hinterbliebenen für die Verstorbenen eine Anzeige schalten. Man nennt das? Ritus. Dementsprechend hab ich das getan, und die Anzeige erscheint demnächst. Ich habe sie selbst entworfen. Dazu eine chinesisch-japanische Kalligraphie ausgesucht, die niemand verstehen wird. Die aber die Idee des vorangestellten Spruches aufnimmt. Doch, doch, die Sache ist gut durchdacht. Ich habe sogar soweit gedacht, dass ich die Nachbarn bereits am Frühstückstisch vor ihren Zeitungen sitzen sehe. Sie werden die Kalligraphie sehen und überlegen, ob es ein einfacher Engel, oder ein entlaubter Baum im Sturm nicht auch getan hätte. Das Zeichen versteht doch keiner, werden sie sagen. Wer weiß. Womöglich. Wie auch immer. Mit so einer Anzeige rundet man das Leben also endgültig ab. Der Bestatter war sehr zufrieden mit meiner Vorarbeit und zeigte mir eine andere Anzeige. Dort stand so ungefähr, dass die Familie von einem geliebten Mann usw. Abschied genommen hat, der zu Lebzeiten von allen unverstanden war. Der arme Kerl. Und dass man darum bittet, von jeglicher Beileidsbekundung Abstand zu nehmen, da diese eh nur geheuchelt sein könnten. Tja. Der Bestatter hatte gute Laune. Und - bei so viel Ehrlichkeit der Hinterbliebenen - ich plötzlich auch. Eine runde Sache also - so eine Anzeige. Und dann kommen gleich wieder die Menschen um die Kurve, die sie falsch interpretieren und direkt vor der Tür stehen und fragen, ob sie dies kaufen können. Oder das. Oder das nicht einfach haben können, braucht doch anscheinend eh niemand usw. Das hatte ich alles schon, und daher haben wir nun ein herrliches Plissee-Rollo in Beige aufgehängt, das signalisiert: Hier tut sich was!!! Dazu der gereinigte Eingang. Da mag man sich fragen? Ist das längst verkauft? Wieso sieht hier alles so anders aus? Was ist da mal wieder los? Ich ruf gleich mal die Dings an, die weiß ja immer alles etc. Die Reinigung war allerdings in der Tat dringend nötig, denn im letzten Herbst ist dort auf den Stufen bereits jemand auf dem Moos gestürzt. Warum? Was wollte der da? Durch das alte kaputte Rollo ins Haus schauen? Also. Ich hakte nach, wieso waren Sie denn auf dem Grundstück? Und mit dieser Frage fand die Unterhaltung direkt ihr abruptes Ende. Keine weiteren Forderungen nach Schadensersatz. Schmerzensgeld. Unangenehme Begegnungen. A propos. Gestern traf ich den Dings, und mit dem wollte ich ebenfalls nicht sprechen. Auch er war bei der Trauerfeier. Wir haben Sie beim Kaffee vermisst, sagte er anstelle einer Begrüßung. Ich nickte, ich wäre wirklich gern … Er lachte, Sie sind wie meine Frau, sagte er dann. War seine Frau etwa auch eine verschreckte Aggro-Maus? Sie ist auch gern weggelaufen, wenn es brenzlig wurde, sagte er. Ich nickte. Ich vermisse sie, seufzte er und schien tatsächlich den Tränen nahe. Ob Gott mich auch eines Tages so vermissen wird? Ich bin mir nicht sicher. Aber in der Tat - hinter der Fassade trauern auch andere Menschen. Und machen Sie sich keine Sorgen, sagte er noch, es war dennoch eine schöne Feier. Und niemand hat über Sie gesprochen. Ich fürchte, die letzte Bemerkung fiel aus Höflichkeit. Aber man weiß nie, die Menschen tratschen gern. Haben allerdings für mehr Dinge Verständnis, als man oft glauben mag. Als Gott und ich nach all der Streiterei und der vielen Arbeit daheim ankamen, stiefelte Chief Walks durch den Garten. Was ist los?, fragte ich Robin. Walker schien seit Tagen wie gelähmt. Er konnte die linke Hüfte nicht mehr bewegen und nur noch mit einer Stütze laufen. Gott und ich stritten die ganze Zeit, ob wir ihn quälten. Der Walks beobachtete unseren Streit mit wachem Blick. Dann schmiegte er sein Köpfchen an seine Flamme Mabel, die sich schützend neben ihn gelegt hatte. Schau ihn dir doch an, rief ich hysterisch. Ist das ein Hund, der umgebracht werden will? Gott starrte ratlos in eine imaginäre Weite. Robin, der im Rollstuhl sitzt, räusperte sich. Ich wünschte, sagte er dann, ich könnte mich auch noch mal so erheben. Wir alle schwiegen. Und beobachteten den Walks, der umhertapperte und gerade seinen Vorgarten erkundet. So weit von seiner Couch war er schon seit Tagen nicht mehr. Er bewegte sich gemächlich. Folgte seiner Flamme Mabs. Ich nickte zufrieden. Und bereitete ein Weißbrot mit Braunschweiger. Ohne böses Gluten isst der Walks seit gestern auch keine Wurst mehr. Wer weiß, warum. Und wie viele Tage er noch hat. Und was ein beiges Plissee-Rollo für ein Zeichen setzen kann. Manche Dinge ergeben einfach keinen Sinn. Und müssen das ja auch nicht.     


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