Montag, 8. Mai 2017

Haltung



Bei der letzten Beisetzung bin ich weggelaufen. Ich hab mir Poire geschnappt, Mabel, die andächtig zwischen Gott und mir saß, ordentlich an der Leine hinter mir hergezogen. Und weg waren wir. Quer durch die Mitte. Haben die ... - wie nennt man sie - hat die Trauergemeinde wenigstens was zum Tratschen. Wie stets bestätigt sich, dass ohne Gott nix läuft. Kaum hatte er die Situation efasst, switchte er umgehend seine Miene von andächtig trauernd auf besorgt, souverän trauernd um. Und kümmerte sich um alle weiteren Formalitäten. Die da waren? Zuhören, nicken und Menschen die Hände schütteln, die man zuvor noch nie gesehen hatte. Ich habe das genau beobachtet. Ich war in den Wald auf meinen Hügel gelaufen, und so konnten wir das Procedere aus der Ferne beobachten. Mabel legt viel Wert auf Haltung und warf mir verständige, aber vorwurfsvolle Blicke zu. Ich entschuldigte mich bei ihr. Man läuft nicht heulend in den Wald, schon klar. Du konntest nicht mal spazieren, erinnerte ich sie. Als du zu uns gekommen bist. Mabel stimmte zu. Manchmal ist die Sachlage längst nicht so kompliziert, wie man denkt. Irgendwann kam Gott den Hügel heraufgeschnauft. Musst du immer hier hochrennen?, fragte er außer Atem. Wir müssen unbedingt etwas für unsere Kondition tun, antwortete ich. Gut, dass Gottes Antrag auf Unsterblichkeit durchgekommen ist! Wenn Du mich jetzt auch noch verlassen würdest, überlegte ich. Wer sollte dann bloß auf mich aufpassen! Langsam weiß ich das auch nicht mehr, seufzte Gott und hockte sich neben uns. Poire breitete ihre Arme aus, und Gott nahm sie. Was haben sie gesagt?, fragte ich. Bestimmt höflich freundliche Bosheiten. Nein. Gar nicht, beruhigte mich Gott. Der Dings hat sogar erzählt, er war mal auf einer Beerdigung, da mussten alle Schnaps trinken. Ich luaschte interessiert. Am Ende haben sie eine Pulle Schnaps ins offene Grab gekippt, fuhr Gott fort. Ich wiegte leicht den Kopf. Wer weiß, woran der arme Kerl im Grab gestorben ist. Wir wissen es nicht. Ausnahmesituationen, sagte Gott und zuckte die Achseln. Du warst tapfer, lobte er mich dann. Ich nickte. Ziemlich genau 19 Minuten Tapferkeit. Dann schnell auf einen Hügel geflüchtet, was soll's. Die Verstorbenen kennen mich. Gott inzwischen ebenfalls. Und wie er die Lage gemanagt hat, war Weltmeisterklasse. Er sollte in unseren Filmprojekten die Hauptrolle übernehmen. Wie läuft's mit unserem Touquet-Streifen?, fragte ich. Oh, antwortete Gott. Grandios, sagte er und rieb sich die Hände. Denn das Leben geht immer weiter. Man trägt es mit Haltung und Freude. Solange man kann. Seit wir wissen, dass der nächste französische Präsident - wie schreiben die Blätter? - sein Nest mit seiner Frau in unserem Lieblingsort gebaut hat, schreibt Gott das Skript rasch um. Die politische Komponente hatte er bislang nicht berücksichtigt. Intrigen, Ränke, Triumphe und gescheiterte Existenzen. Wir lassen das alles in unsere Weihnachts-Drama-Komödie hineinspielen. Prima. Und ich habe das gesamte Projekt erweitert. Es wird eine Trilogie. Eine Seebad-Trilogie. Eine leichte heiter-tragische Touquet-Polit-Gesellschafts-Satire. Eine melancholische Elegie in Stella-Plage. Und eine absurde Studie über Erotik und Hochstapler im dokumentarischen Kunstfilm-Stil. Die wird dann in Deauville spielen. Alles sehr mondän dort. Chicer als in LT, indes ... Ebenso absurder womöglich. Ich erinner mich an den Typen, der mir mal erzählte, er habe dort früher von dem Filmfestival berichtet. Interessant! Und an den Philosophen, der mich mal heiraten wollte. Und - meinst Du, fragte ich Gott, der Scooby Walks kann wieder durch die Gegend rasen, wie er es früher getan hat. Wenn auch er abgetreten ist? Gott, der Zweifler nickte. Selbstverständlich, behauptete er. Wie die Gestorbenen keinen Schmerz mehr empfinden. Die, die mit aller Kraft und Würde abgetreten sind. Beim Übergang in die Ewigkeit hapert's allerdings noch, seufzte er. Da hat sich womöglich einer der Götter einen schrecklichen Spaß erlaubt. Zu viel Schmerz und Leid. Und die Menschen glauben, sie müssten all dem mit Haltung begegnen. Ich seufzte. Wir waren allein im Wald, spazierten noch ein wenig durch die Gegend. Fuhren bald nach Hause, ich briet dem ChieWa einen Cheeseburger. Denn die letzten Tage darf man sündigen! Und genießen. Und überhaupt - was ist Haltung ...


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