Samstag, 22. Oktober 2016

Erkenntnis


Wie stets im Leben gestalten sich die Dinge angenehmer, als ich sie mir zuvor ausmale. Neuerdings habe ich es vornehmlich mit Mädels zu tun, die alle direkt vom Reiterhof stammen. Denen bin ich bislang aus dem Weg gegangen, bereits in der Schule umgab sie eine sonderbar aufgesetzt wirkende, eitle Kumpelhaftigkeit. Ja, mit ihnen konnte man Pferde stehlen, aber eigentlich ... waren sie was Bessres. Vielleicht habe ich mir das allerdings nur eingebildet, denn momentan entpuppen sich die Mädels in der Tat als echte Kumpels. Prima! A propos - was mir bislang auch nicht untergekommen ist, dass mich jemand Alter nennt. Mensch, Alter ... Das hat mich verwirrt, doch war es nett, aufmunternd und beruhigend gemeint. Ich überlege, ob es ein Zeichen ist, dass mich sogar die Jungs-Truppe akzeptiert hat. Das wäre nämlich in der Tat ganz nett, ich deute es einfach als gutes Zeichen und das Sensibelchen in mir reibt sich zufrieden die Hände. Zu viel hätt ich dann nicht falsch gemacht. Prima. Und dann noch mein Chef aus Dings. Auch er scheint ein Typ, um den ich seit Jahrzehnten einen großen Bogen ziehe. Als hätte er nach seinem Abschluss an der Elite-Uni zunächst eine mehrjährige abenteuerliche Weltreise unternommen Morgens joggt er mindestens eine Stunde, bevor er mit einem grünen Smoothie dynamisch in die Bürostunden startet. Er schreibt mir stets nach Arbeitsschluss, denn er ist sehr beschäftigt. Doch dann findet er noch ein wenig Zeit zum 'bavarder'. Danach geht's vermutlich zum Polo. Wer weiß, Phantasie. Ich stecke voller Vorurteile, an einem kühnen Tag werden wir den Mut haben, sie alle abzustreifen. Auch solche Typen verachte ich dementsprechend ab nun nicht mehr, im Gegenteil, ich mag ihn. Wir verhandeln grad über den Tarif, demnächst mag ich ihn womöglich noch lieber, in uns allen steckt Potential!
So eben auch in mir. Ich verfasse den x-ten Text über Freiburg. Langsam gehen mir die unzähligen kulturellen und architektonischen Sehenswürdigkeiten aus. Zudem ist es ein heißes Pflaster, letztlich wurde eine Studentin nach einem Sexualdelikt getötet, nun wurde ein Wildpinkler zu Tode geprügelt. Na ja, die Kriminalität lass ich weg. Ein heißes Pflaster also. Lieber schreibe ich über das mittelalterliche Kopfsteinpflaster und die Bächle, die sich idyllisch ... Doch Obacht, diese Wahrzeichen der Stadt können sich als fiese Stolperfalle erweisen, bin ich doch selbst einst über eins der Bächle ..., das lass ich auch weg. Da sich kein Text gleichen darf, knöpfe ich mir mal die Sehenswürdigkeiten genauer vor. Das Münster - wow - die Kathedrale kann man besichtigen. Da wäre: der Kappelenkranz, der Chor, das Fastentuch, das Triumphkreuz, die Orgel, der Turm, der Panoramablick, das Geläut. Die Hosanna. Und 15. Oder 18? Weitere Glocken? Ich denke an den aktuellen Tarif und schreibe: imposante Anzahl an weiteren ... Und dann flugs nach Freiburg Süd. Das bietet? Direkt an der Autobahnabfahrt gelegen? Kostenfreie Parkplätze. Ich schwärme von kostenfreien Parkplätzen und dem hervorragend ausgebauten Nahverkehrsystem. Kurze Recherche ergibt? Das Nahverkehrsystem hat 2,2 von 10 möglichen Punkten erhalten. Kann man mir das ankreiden? Weiter geht's zu den zahlreichen Ausflugsmöglichkeiten ins attraktive Umland. Zuletzt konzentriere ich mich noch einmal aufs Thema. In einer durchdachten Erörterung muss man zu argumentieren wissen. Dementsprechend schwärme ich zunächst im Sinne der Frühbucher, die ihren Urlaub umsichtig ... Denn wer seinen Urlaub beizeiten plant, kann auch bzgl. der Unterkunft usw. Dann ist Umdenken angesagt, denn auch als Kurzentschlossener, der ganz spontan ... Was sind Bikinitouren durchs Breisgau?, fragt Gott, der einen vorherigen Text Korrektur liest. Ich runzle die Stirn, gerade möchte ich nämlich als romantischer last-minute-kandidat ... Bikingtouren, sage ich verärgert - einfach mal mitdenken. Gott korrigiert das. Wie viele Günstige-Pensions-Texte haben wir noch?, fragt er dann. Ich reibe mir die Hände. Nur noch zwei, sage ich strahlend. Gott wiegt den Kopf. Das ist bedauerlich, murmelt er. Praktisch liegt er da völlig falsch, doch theoretisch ist er selbstredend im Recht. Wer vermag schon die Vorteile einer günstigen Pension adäquat zu vermitteln? Obschon ich mir stets Mühe gebe, das Thema vielschichtig und erkenntnisreich zu durchleuchten, bleibt doch letztlich immer ein Zweifel. Welche Destinationen?, fragt Gott. Oh, es verbleiben noch Unterbächle im sonnenverwöhnten Schwachelstein sowie der klimatische Heilkurort Oberstutzlingen. Gott nickt finster. Dann ist die 80-seitige Pensions-Liste schon abgearbeitet? Ich nicke strahlend. Ich schreib das, entscheidet Gott. Irgendwann muss man nämlich auch auf den Punkt kommen. Eine göttlich philosophische Abhandlung über Pensionen - für geschäftlich Reisende, Frühbucher, Kurzentschlossene, Budget-Sparer, für familiäre, persönliche Atmosphäre-Genießer. Kurzum eine Erörterung zu einem äußerst komplexen, vielschichtigen Thema. Ich konnte ihm nicht gerecht werden. Erkenntnis. Endlich. Zum Abschluss.



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