Mittwoch, 28. September 2016

Schludrig


Was war denn auf Norderney los?, fragte Gott und hielt mir meinen Text vor die Nase. Also ... Auf der ersten Seite keinen Fehler, stellte er fest, blätterte um und ... Wow! Da hab ich wohl vergessen, noch mal einen Blick drauf zu werfen. Ehm, ich räusperte mich. Schludirgkeiten. Aber hier arbeiten alle so. Weil ich das Näschen momentan von den ewig gleichen Texten voll hab, ich aber keine Lichtgestalt bin, bestimmte ich: Du schreibst jetzt einen Bestseller. Gott hatte keine Lust. Ich gab weitere Anweisungen: eine anti-bourgeoise Elegie auf den Schwerenöter, Gott dachte darüber womöglich nach. Ich reichte ihm Stift und Papier: Mann, Meer, Stadt. Und die Frauen. Das gibt's schon, murrte Gott. Lass deine Phantasie galoppieren, ich machte eine große Geste ins Reich der Imagination. Und sodann den Staubsauger an. Und keine Ahnung, was dann passierte. Der Chief, der - wenn er nicht schläft - stets neben mir steht, hat entweder irgendwie einen gewischt gekriegt, oder der Lärm hat ihn erschreckt. Er hört ja nicht mehr so gut, vielleicht war's einfach zu laut. Auf alle Fälle ist er zusammengezuckt und dann völlig in Panik geraten. Und hat, irre bellend, einen Hindernisparcours durchs Haus absolviert. Halt ihn fest, rief ich, in Extremsituationen tendiere ich ja selbst schnell zur Hysterie. Man kann einen panischen Hund nicht festhalten, behauptete Gott, selbst er schien verunsichert. Also griff ich zu. Man kann nämlich auch nicht zusehen, wie ein alter panischer Hund, der auf seinen vier Pfoten unsicher ist, ständig stürzt. Weil der Chief nun mal von Grund auf lieb ist, hat er nicht mal geschnappt. Der Chief zappelte wild in meinen Armen, Gott holte ein Halfter, dann konnte man ihn wenigstens packen. Und ab in den Garten. Und wie irre wieder rauf und runter - immer wild bellend. Ich ruf den Tierarzt, sagte Gott irgendwann. Aber so hat er sich schon mal benommen, ich schüttelte den Kopf. Ich geb ihm ein paar Panik-Globuli, sagte ich. Was soll ein Tierarzt tun? Eine Beruhigungsspritze? Bei so einem alten Herrn? Wann hat er sich schon mal so benommen?, hakte Gott nach. Damals, als ich Rasen mähte, erinnerte ich Gott. Das war exakt so. Er hat sich erschreckt und ist immer durchs Haus und den Garten gerast. Wie bekloppt. Gott resümierte: Also immer, wenn du ein elektrisches Gerät schiebst, sagte er nachdenklich. Genau! Das werd ich ab jetzt schön sein lassen. Hier wid nicht mehr gesaugt! Hier wird auch nicht mehr Rasen gemäht! Ich fasste nach dem Chief und schob ihm drei arsenicum album unter die Oberlippe. In 5 Minuten, sagte ich zu Gott. Wir wartetet. Ein bisschen schien der Chief auf Herzinfarkt aus. Doch nach den von mir angekündigten 5 Minuten beruhigte er sich etwas. Ich nickte zufrieden. Dann noch einen Jin Shin Jyutsu-Griff, der wirkt sogar meist bei Poire - und. Gott konnte den schlafenden Chief auf seinen Teppich tragen. Dann saßen wir noch eine Weile zusammen und lauschten seinem kehligen Schnarchen. Alles wieder gut, stellte ich fest. Gott seufzte.


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