Sonntag, 4. September 2016

Entweder


Ich hatte eine Idee. Die Jungs sind nämlich sehr nett. Gott seufzt, seit er sich intensiv mit weiblicher Wahrnehmung auseinandersetzt - durch seine engen Beziehungen mit Capucine, Sylvie und notgedrungen auch mit mir - ist er argwöhnisch geworden. Männern blind zu vertrauen, grenzt nicht selten an selbstzerstörerische Kühnheit. Doch, doch, verbleibe ich optimistisch. Es ist nur wie im echten Leben, am besten knöpft man sie sich einzeln vor. Gott wiegt den Kopf. Meine Idee kam dennoch nicht wirklich gut an. Ich dachte nämlich - was die wenigen Einzigsten können ... Wie wär's, wenn wir das Niveau heben?, fragte ich also. Darauf folgte Schweigen. Nachdenkliches Schweigen eventuell. Missmutiges Schweigen womöglich, schwer zu sagen. Ich nannte ein paar Dinge, die ich vermisse, die Mauer des Schweigens konnte ich so nicht durchbrechen. Wenn du's erst mal kannst, begann einer und ließ das Gesagte im Raum verklingen. Das ist nämlich in der Tat noch ein Problem, ich kann's noch gar nicht richtig. Also stimmte ich dem zu. Sobald ich's kann, gehen wir die Sache an. Wir schauen mal, antwortete der Dings - vage. Also hab ich mal selbst geschaut. Und ich schätze, ich versteh langsam, was unsere Perspektiven trennt. Sie arbeiten an einem anderen Niveau, sie beliefern ein Publikum, das teilweise unvorstellbar viel Ahnung von etwas hat, das ich nicht mal kenne. Blöd. Einarbeitung. Ich zog meinen Antrag zurück, wenn ich's kann, schlug ich vor, könnten wir die Interessengebiete womöglich etwas ausweiten. Ich stieß auf Zustimmung! Wenn du's kannst, meinte der Dings. Ja. Dann aber ... Man darf ja wirklich niemals unterschätzen, wie beschränkt die eigene Wahrnehmung doch ist. Beim Dings aber eventuell nicht. Die Dings hat nämlich einen neuen Freund, der ziemlich gut aussieht. Und er kann überall hinschauen. Gleichzeitig. So wirkt es zumindest. Das ist faszinierend. Also fragte ich ihn, wo schaust du grad hin?, fragte ich und blickte mich um, um ebenfalls einen Blick in die Ferne zu werfen. Ich schau dich an, sagte er und lachte. Ist verwirrend, aber ich bin dran gewöhnt, sagte er und zuckte die Achseln. Man wird auch im Alter quasi wie in der Schule dafür gehänselt, sagte er. Schien mir aber meine Verwirrung nicht wirklich übel zu nehmen. Ich entschuldigte mich, aber Fakt ist: Es steht ihm. Es ist einfach nur verwirrend. Für die anderen. Dann treffen wir den Dings, dessen neue Freundin ist bestimmt 15 Jahre älter als er. Seither wird darüber viel und oft gelästert. Hinter seinem Rücken, versteht sich. Verstehst du das?, frage ich Gott, der immerhin mit Sylvie eine beachtlich jüngere Partnerin an seiner Seite hat. Auch wenn wir aus reiner Eifersucht dafür sorgten, dass an seiner Seite aktuell in Japan ist. Wir mussten die Turteltauben voneinander trennen. Aus Egoismus, klar. Gott sagt, er habe mit Altersunterschied kein Problem. Würdest du mich heiraten? Wenn ich zehn Jahre älter wär als du?, hake ich nach. Gott zuckt die Achseln, ich würde dich auch nicht heiraten, wenn du zehn Jahre jünger wärst, sagt er dann. So schaut's also aus. Man sollte nie zu viele Fragen stellen. Man möchte die Antworten ja gar nicht hören. Ich hab wieder eine Idee. Hier ist schönes Licht, sage ich. Mach mal ein Künstlerfoto! Ich sollte meine Schuhe ausziehen, eigentlich sollte ich mich hinsetzen. Aber der Boden ist kalt und matschig, ich behalte erst mal alles an. Und steh nur rum. Klappt's?, frage ich. Entweder - oder, sagt Gott. Die Blume und die Füße, sage ich. Du musst mit der Schärfe spielen, nicht Automatik, ich verliere mich in Anweisungen. Zudem fotografiert Gott von oben, hock dich mal richtig hin, bestimme ich. Von unten - durch die Blume und den Sonnenschein. Bis zu den Füßen. Und nicht im Querformat. Obwohl es hier um Können und Virtuosität geht, verweigert Gott meine Besserwisserei. Und deshalb - gibt's auch mal wieder keine Kunst! Nur zwei sinnlose Fotos. Meine Stimmung kann das nicht verderben. Stell du dich mal dahin. Und zieh die Schuhe aus, bestimme ich. Gott zeigt mir einen Vogel. Das Leben ist schrecklich kompliziert. Und die Kunst ...!







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