Freitag, 23. September 2016

Die Flamme


Gott sitzt am Tisch und futtert Kekse. Er hat inzwischen womöglich den dreißigsten Text zu 'Pension in Dings' geschrieben. Ja, er stellt sich der Herausforderung. Das Schwierigste, beginnt er grad, sind Texte zu: einem romantischen Trip zu zweit in einer billigen Pension. Ich nicke. Doch auch Menschen mit kleinerem Budget, die ihre Reisekasse schonen wollen usw. Inzwischen erkenne ich im Schlaf, wenn jemand einen Text geschrieben hat, der pro Wort bezahlt wurde. Wir drücken alles sehr umständlich aus. Und wiederholen uns stets. Nein, wiederholen uns nicht selten, macht zwei Wörter! Vor allem lieben wir den grandiosen Blick auf den Untergang der Sonne über dem azurblauen Meer. Korrektur: azur-blauen Meer. Sonnenuntergang? Pah, Ein-Wort-Spreche macht arm. 
Na, da dieser Urlaub viel anstrengeder war als Kein-Urlaub, plane ich schon mal die Birthday-Sause. Der Chief muss mit. Er kommt zwar im Hort gut klar, aber wenn er dort mehrere Tage ist, geht er unter. Er könnte höchstens bei der Dings bleiben, weil die sich adäquat um seine neurologischen Probleme kümmern könnte. Die Dings kann aber nicht! Klar. Also? Suche ich zum ersten Mal in meinem Leben eine preiswerte Ferien-(!)Unterkunft mit Garten. In der Stadt. Und interessiere mich vornehmlich für den Bodenbelag. Zu viele Teppiche sind ungünstig, sollte mal ein Missgeschick passieren. Diese ganz alten Holzbohlen sind chic, aber ebenfalls ungünstig. Parkett geht gar nicht, da rutschen alte Vierfüßler weg. Ich brauche Fliesen!!! Werde einfach nix in die Koffer packen und meinen eigenen Teppich mitbringen. Es ist alles sehr kompliziert, wenn man Rücksicht nimmt. Poire ist momentan pflegeleichter als unser Senioren-Chief. Gott hat sich übrigens zum ersten Mal ebenfalls an der Unterkunftsuche beteiligt. Er hat eine Villa ausgesucht, da haben die Besitzer ihre Matratzen fotografiert. Auf denen steht ganz groß "Hypnose". Gott war begeistert. Jeder hat eben andere Kriterien, wenn's um den 'Traum-Urlaub' geht. Na gut. Ich schaue auf seinen Compu, er hat SOF laufen. Sparks of the Olympic Flame heißt das, glaub ich. Da treffen sich die Götter der ganzen Welt - im strahlenden Flammenschein. Jeder von ihnen ein kleiner Funken des Ganzen - Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich blinzel mal rein. Gott hat eine neue Freundin, ich schau mir das näher an. Die liket ja alles, ich runzel die Stirn. Wer ist das?, frage ich beiläufig. Oh, Gott schaut auf. Und strahlt. Eine Neu-Berufene, lässt er mich wissen, ich nicke. Ihr versteht euch ganz gut, stelle ich fest. Gott räuspert sich. Ich unterstütze sie ein wenig, sagt er. Ja, ja. Die Unterstützung scheint auf großen Zuspruch zu stoßen. Und, beginnt er, ich klicke mich durch die Olympischen Funken-Flammenbilder der Gottes-Anwärterin. Sie hat eine Doku über Frankreichs Küsten gesehen, erzählt Gott. Issss nich wahr! Da möchte sie jetzt unbedingt auch Ferien machen, sagt Gott. So geht's immer los - gemeinsame Interessen. Deshalb beteiligt sich Gott also plötzlich an unseren Urlaubsplanungen. Und sie hat sogar unser Seebad (Gott sagt tatsächlich - unser) gesehen. Und gerade dort, wo wir immer ..., fährt er fort. Da will sie mit ihrem fetten Arsch die Küste kontaminieren?, sage ich nachdenklich. Gott wirft mir einen bösen Blick zu. Gleich in mehrfacher Hinsicht scheint der Rüffel gerechtfertigt. Ich nage an meiner Unterlippe. Es ist einfach ungerecht, Männer stehen auf solche Frauen, etwas Fleisch auf den Rippen. Wenn ich mich auf die Waage stelle, schüttelt Gott stets den Kopf. Keine 90 Pfund, sagt er dann und klingt besorgt. Aber erst letztens haben wir uns je einen Döner und Fritten geholt. Wir stritten um die Fritten, und als ich meinen Döner verputzt hatte, fragte Gott: Wo steckst du das bloß hin? Irgendwo anscheinend, wo's nicht ansetzt, kann ich nur betrübt feststellen. Dann nennen dich alle mager und einen Hungerhaken. Und alle Dicken wollen angeblich dünn sein. Was überhaupt nicht stimmt. Ich kann's auch nicht empfehlen. Das Chatfenster blinkt auf, Gottes neue Flamme hat geschrieben. Ich sehe ein Weinglas - noch was vor? - und erhebe mich. Schön, sag ich. Dann will ich mal nicht stören. Wir könnten uns doch alle mal zusammen ..., beginnt Gott. Ich verlasse das Zimmer. Machst du jetzt Essen?, ruft er mir nach. Ganz sicher nicht.


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