Samstag, 13. August 2016

Small Foot


Ich bin jetzt auch schon Gruppen beigetreten. Das ist ganz simpel, man drückt auf 'Beitreten', schwupps ist man drin, kein geheimes Passwort, keine Ideologie-Kontrolle, nix. Das System selbst hab ich also noch nicht durchschaut, aber egal. Dabeisein! Andererseits scheint's ganz praktisch, ich hab auch die Foren noch nicht verstanden, aber ich hab das alles noch nicht verstanden, wieso Leute Beiträge von Leuten "liken", die sie gar nicht mögen. Oder sich mit Leuten befreunden, die sie verachten - insgeheim. Und der Dings, der hat jetzt beim Dings schon zum vierten Mal eine Freundschaftsanfrage gestellt, warum nimmst du die nie an?, fragt der Dings den Dings, der letztere druckst rum. Die Antwort liegt auf der Hand. Manchmal verschwindet da was, behauptet er, ich weiß auch gar nicht genau ... Der Dings sendet dem Dings daraufhin noch einmal eine Freundschaftsanfrage und sie nehmen die dann zusammen an. Ich gehe davon aus, dass der Dings nun gleich einen neuen geheimen Account erstellen wird. Unter anderem Namen. Tja. Ein andres Thema bewegt mich. Die gute Gesellschaft - mal wieder. Wir hatten sie verlassen, u. a. weil mich die Einschwörerei auf Elitarismus umgehend aggro stimmt. Gott ist übrigens eine Elite - ganz für sich, er sagt mir auch nicht stets, wie gut ich's hab, dass er die albernen Texte, die ich verfasse, überarbeitet, im Garten mit mir werkelt, in der Küche kocht usw. Er sagt nicht ständig zu mir, ich bin der Beste! Sei froh und genieß es! Nein. Er tut's einfach, und wenn ich ihn von meinem niederen Rang aus mit großen Augen staunend bewundere, dann zeigt er mir einen Vogel. Ist das nicht wunderbar! Allerdings muss ich sagen, vielleicht reagiere ich ja auch nur allergisch auf Fragen, Fragen sind so eine Sache. Bei Fragen mach ich die Schotten dicht. Umgehend. Das war immer schon so, bereits als kleines Mädchen auf der Straße mochte ich es nicht, wenn ältere Onkels sich zu mir beugten und fragten: Wie heißt du denn? Kleine Dame! Auf derart indiskrete Neugier brüllte ich sofort los. Marine auch, Delphi war höflicher - von Anfang an, immer sehr scheu. Schauen wir mal, wie Poire sich entwickelt. Sie belegt mit mir gemeinsam Gottes Diplomatie-Kurs, das ist ein sinnvoller Einstieg ins soziale Miteinander. Ich mache hingegen nur wenige Fortschritte. Aber wir sind auf dem Weg, behauptet Gott stets, ich hoffe, er hat Recht. Er bewertet die Feststellung ja nicht - auf dem Weg sein, kann alles bedeuten. Okay, weil der Chief immer eigensinniger wird, obwohl er momentan wieder etwas besser läuft, überlege ich, ob wir ihn im Winter nicht hier lassen sollten. Keine Reise-Strapazen, keine Katastrophen in der Unterkunft, und wenn man etwas unternehmen will, wäre er nicht allein. Delphi hat aber keine Zeit, das ist zu Weihnachten!, sagt sie. Weiß ich auch. Also hab ich im Hort angerufen, ob sie ihn eventuell mal für ein paar Stunden nehmen würden, damit wir sehen, wie's ihm gefällt. Und da sie ihn nehmen, fahren Gott und ich gleich los und geben ihn ab. Das ist schlimmer als Kindergarten! Der Chief steht da und schaut mich böse an. Einfach gehen, sagt die erfahrene Dame vom Hort. Ich gehe einfach, mir bricht das Herz, ich gehe und schau noch einmal zurück. Der Chief zieht eine Schnute, die besagt: WIE kannst DU mir DAS antun! Wir nehmen ihn wieder mit, sage ich zu Gott. Der schüttelt den Kopf und schiebt mich zum Ausgang. In zwei Stunden holen wir ihn wieder ab, bestimmt er. So ist der Plan, so machen wir das. Und was machen wir jetzt, frage ich also Gott im Auto und schniefe ins Taschentuch, so ein Abschied kann ganz schön beklemmend sein. Café, sagt Gott und fährt uns hin. Und während Gott die Zeitung studiert, schaue ich mich um. Und da sitzt er dann auf der Terrasse, direkt neben uns. Er ist dem 'Paten' entstiegen, vielleicht ein geheimer großer Banda-Chef bei den 'Sopranos'. Im karierten Hemd sitzt er da und füttert die Spatzen mit zerbröselten Keksen. Die kommen hier gar nicht um die Ecke, du musst da vorne füttern, erklärt ihm sein Kompagnon. Da lacht unser Mann nur, denn die Spatzen - die machen, was er will! Und wenn er sie hier füttern will, hat er bald eine ganze Schar um sich gesammelt. In der Tat! Sie nennen ihn Small Foot, raune ich Gott zu, denn der Typ hat ganz kleine Füße. Zumindest für einen Mann. Er trägt ein Hörgerät, eine dicke Brille, außerordentlich tiefe Sorgenfalten auf Stirn und um die Mundwinkel und eine dicke Narbe über der Schläfe. Er zerbröselt Kekse für Spatzen! Spreizt die Hände, streckt seine Finger, mustert seine Hände durch die dicken Brillengläser, drückt sein Rückgrat durch. Im Alter wird man ganz schön steif, stellt er fest. Dann hievt er sich empor, ich werd jetzt zuhause noch mal durchsaugen, lässt er seinen Kumpel wissen. Die Hundehaare kriegt man nie ganz raus, die sind ja überall. Gott nickt nachdenklich. Die Spatzen hocken zu Small Foots Füßen und picken eifrig Kekskrümel. Small Foot - ein Gentleman der alten Schule - bietet sein Sitzkissen einer Frau vom Tisch gegenüber an. Dann geht er, ohne weitere Verabschiedung - steif und breitbeinig zieht er davon. Heute Abend bringt er sicherlich wieder einen um die Ecke, denke ich fasziniert. Die Polizei wird sich die Leiche anschauen, das Procedere sieht ganz nach Small Foot aus, wird eine jüngere Ermittlerin sagen, die die alten Akten studiert hat. Ein Hauptkommissar wird den Kopf schütteln. Small Foot ist längst aus dem Geschäft, wird er sagen. Der sitzt den ganzen Tag im Café und füttert die Spatzen, saugt in seiner Bude die Hundehaare von seinem Mischlingsköter vom Parkett. Kann die Gelenke kaum noch bewegen. Arthrose. Endstadium, versteifte Gelenke. Der nietet keinen mehr um. Aber wie die junge Polizistin traue auch ich Small Foot immer noch alles zu. Können wir jetzt den Chief wieder abholen?, frage ich Gott, der nickt. Und im Hort? Stupst mich der Chief einmal kurz zur Begrüßung an. Er hat keine Zeit, er hat sich mit drei älteren Damen befreundet. Die agile Senioren-Runde rast über den Vorhof. Er fühlt sich ganz wohl, sagt die Frau vom Hort. Das sehe ich. Wir werden das also überlegen. Was für alle am günstigsten ist. Und den alten Herrn noch ein paar Mal zu seinen Freundinnen chauffieren. Was meinst du?, frage ich Gott, was steht bei Small Foot heute noch auf der Agenda? Es wird besser sein, wenn wir es nicht wissen, sagt Gott weise. Ich seufze.



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