Samstag, 27. August 2016

Relativ


Die Dings gab sich empört, auf dem Grundstück drüben - so das Gerücht - soll ein Apartmenthaus gebaut werden. Dass passt doch gar nicht hierher, sagte sie. Ich nickte. Und dachte sogleich an die ominöse alte Grenze, die bei uns angeblich durch den Garten verlaufen soll. Niemand weiß, ob die noch relevant ist, dennoch wurde mir geraten, lieber die Nachbarn zu fragen. Nachbarn können nämlich einen sofortigen Baustop erwirken. Sollte die Grenze noch ins Gewicht fallen. Das weiß indes ja niemand, das müsste erst genau geprüft werden, und dazu wollte sich im Amt wohl niemand aufraffen. Deshalb hab ich die Nachbarn gefragt. Und deshalb bauen wir jetzt auch anders. Ob die einen Baustop veranlasst hätten? Wissen wir nicht. Ob die damit durchgekommen wären? Wissen wir nicht, weiß ja niemand, ob die Grenze noch aktiv ist. Oder einfach nur auf alten Zeichnungen auftaucht. Egal. Ich rief also die Architektin an. Und fragte mal nach. Große Investoren fragen die Nachbarn nicht, sagte sie. Da geht's schließlich um Geld. Wir lassen uns ein wenig über Gerechtigkeit und Gleichberechtigung - über das Recht schlechthin aus. Dann beschlosssie, sie werde nächste Woche mal einen Blick auf die Akten werfen. Grenzen, sagte sie. Und vor allem auch die Höhe ist interessant. Da stehen doch nur relativ kleine Häuser in der Straße, ich bestätigte das. Warten wir also ab. So einen spontanen Baustop zu veranlassen - macht sicherlich keinen Spaß. Doch wenn das Recht einen am Ende dazu zwingt. Ich seufzte. Die großen Investoren. Die lachen sicherlich, wenn man denen was von Non-Profit erzählen würde. Vermutlich wüssten sie nicht einmal, wovon man spricht. Und denen mal in die Suppe ... Abwarten. Ich seufzte mehrfach. Das Leben ist sonderbar. Und alles relativ. Das macht es nicht immer einfacher. Auf diese Unternehmungen folgte eine ebenso sonderbare Nacht. Ich lag im Bett und Gott lag neben mir. Das ist sehr sonderbar, schließlich vertreibt er mich stets aus seinem Schlafgemach. Was machst du hier?, fragte ich dementsprechend überrascht. Gott schlief nicht, er antwortete. Ich passe auf, dass du nicht wieder aufstehst. Ich bin aufgestanden?, fragte ich. Du bist unten vor den Stuhl im Flur gelaufen und gestürzt. Ach! Du hast eine Schramme am Knie, sagte Gott. Ich schlafwandel wieder?, fragte ich. Sieht so aus, Gott seufzte, er hat es nicht leicht mit mir. Man soll Schlafwandler nicht wecken, sagte ich vorwurfsvoll. Hab ich nicht, sagte Gott. Was hab ich dann gemacht?, hakte ich nach. Die Spülmaschine ausgeräumt. Sehr gut! Ich organisieren den Haushalt also wie im Schlaf. Ich nickte zufrieden. Hab ich was gesagt?, wollte ich dann wissen. Denn ob man aus dem Koma, einer Narkose aufwacht oder im Schlaf vor sich hinplappert, meistens ist es Unsinn. Im schlimmsten Fall Unsinn aus dem Unterbewusstsein. Du hast gesagt, du wirst den alten Griechen einschalten, sagte Gott. Ich nickte nachdenklich. Das klingt sehr vernünftig. Der alte Grieche! Bestimmt ein Milliardär, ein Onassis vielleicht. Oder ein Hitman. Wenn's dicke kommt, werde ich mich daran erinnern. Ich räusperte mich, noch was? Nein, beruhigte mich Gott. Ich hab dich dann einfach ins Bett geführt. Ist die Haustür abgeschlossen?, man muss immer vorsichtig sein. Schlüssel sind versteckt, beruhigte Gott wieder. Dem es sicherlich nicht passt, dass er nun nicht nur bei Tage, sondern auch in tiefster Ruhestunde auf mich aufpassen muss. Kommt nicht wieder vor, versprach ich. Das wär nicht schlecht, bestätigte Gott. Okay, hast du meine Liste gelesen?, fragte ich dann. Hab ich, wieder seufzte Gott. Da ich ja denke, einfach alles kann Inspiration, hab ich rasch selbst eine Liste verfasst. Wie im Gewerbe üblich, wir lasen es ja letztens erst wieder. Und eigentlich ist das ja praktisch, damit wird jedes Missverständnis von vornherein ausgeschlossen. Auf meiner Liste gibt es lediglich die Rubrik 'Erwünscht' sowie 'Erlaubt'. 'Verboten' ergibt sich somit von selbst. Allerdings muss man mit so einer Liste vorsichtig sein. Zwar erscheint sie auf den ersten Blick äußerst hilfreich, doch kann sie Herren durchaus auch verstören. Woran das liegt? Man kann nur spekulieren. Studien zufolge surfen Herren sehr oft bei Tage, während ihrer Arbeitszeit auf verbotenen Seiten herum. Wir bleiben mal bei den legalen, verboten ist es nur, weil so viele von ihnen mal vor einem Altar standen. Wo sie ewige Treue schworen. Ja, blöd! Und schon nach ein paar Jahren reizt das Verbotene. Und das ist eben der Punkt. Sitz daheim auf dem Sofa und reiche deinem treuen Gefährten deine Liste. Im Zweifel reagiert er sonderbar. Plötzlich schaut er auf. Und verschwindet. Was ist denn? Gefällt dir meine Liste nicht?, ruft man ihm hinterher. Usw. Alles ist eben relativ. Und die Sünde verdammt keine Sünde mehr, wenn sich die eigene Frau wie ein Flittchen aufführt. Was hältst du von meiner Liste?, fragte ich also vorsichtig. Jetzt schlafen wir erst mal, beschloss Gott. Prima! War eh ein bisschen warm - so zu zweit in einem Bett. Ich rückte auf die andere Seite. Aber du passt auf, dass ich nicht wieder aufsteh. Und du schnarchst nicht. Und du ... Ruhe jetzt, bestimmte Gott. Dem ich ganz oft ganz gewaltig auf die Nerven geh. Und frisch und erholt ging's schon am nächsten Tag in die Seniorenresidenz. Gott wollte mal wieder nicht mitkommen. Er ist da ja nicht gern. Doch alles ist relativ. Es war nämlich: Maritimer Tag. Und alle saßen draußen im Schatten und futterten. Und Gott setzte sich dazu und futterte auch. Erst ein, dann zwei, dann ein drittes Fischbrötchen. Lecker! Das Beste aber war? Die Schwestern liefen in ihren weißen Kitteln durch die Tischreihen. Mit Wasser- Coca- und Bierkrügen. Schmeckt Ihnen Ihr Bier?, fragte eine kecke Blonde Gott über die Schulter. Oh ja, sagte er, drehte sich zu ihr um und - wie es so seine Art ist - shäkerte ein wenig mit der attraktiven Dame. Dann schenkte sie ihm nach. Und schon ist der Aufenthalt in einem Pflegeheim fast so schön wie überall anders! Und als dann noch die Band Steife Brise zu ihrem Shanty-Gesang ansetzte. Und alle bierselig schunkelten ... Gut, dass du hier bist, sagte der Patient. Ich bestätigte das. Schön war's! Ich nippte an meinem Wasser. 


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