Freitag, 5. August 2016

La Femme


Gleich morgens warte ich nahezu geschlagene 4 Minuten vor dem Supermarktparkplatz, bis so ein riesiger Suff endlich die ideale Stellung in seiner Parkfläche gefunden hat. Hätte sich der Herr nicht für den ersten Parkplatz direkt an der Ein- und Ausfahrt entschieden, die er mit seinem Parkmanöver dementsprechend nun blockiert, müssten die Autos hinter mir, auf der Straße, nicht ebenfalls warten. So ist das Hindernis leider nicht zu umfahren. Ein kleines männliches Viereck steigt sodann aus dem Wagen und kramt einen Koffer von der Rückbank, mir ist sofort klar! Der Herr ist wichtig. Und wieder einmal soll ich Recht behalten. Auf meinem raschen Gang durch den Laden treffe ich ihn mehrfach mit dem Geschäftsführer unseres Marktes. Wie's ausschaut, braucht der ganz dringend Nachhilfe im Management. Zunächst brauchen Sie leistungsbewusste Arbeitnehmer, lässt unser viereckiges Parkgenie den Geschäftsführer wissen. Der reagiert nachdenklich. Wenn Leistungsbewusstsein mit Leistungsorientierung korreliert ... Usw. Der Mann hat früher sicherlich etwas andres gemacht und kürzlich auf Vermittlung des Arbeitsamtes eine Fortbildung besucht. Wahrscheinlich ist er einfach nervös? Oder strohdoof. Ich bin froh, dass Gott nicht so dämlich daherlabert. Oder auch darüber, dass ich nicht Geschäftsführer des Ladens bin, sicherlich würden meine steten Nachfragen die Kommunikation in stürmischere Gefilde lenken. Unser geduldsamer Marktleiter schweigt hartnäckig. Okay, mit Leistungsbewusstsein, das sich mit Leistungsorientierung paart, mach ich mich daheim sogleich wieder an die Arbeit. Seit die Tante Klee sich wieder nützlich fühlt - und unser Haushalt hält da viele Ecken bereit - und sie leistungsorientiert an die Arbeit geht, bleibt mir mehr Zeit für die Nebenbeschäftigung neben der Nebenbeschäftigung usw. Gott verpackt einen Stapel Bücher, 8 Bücher an 5 Leute, oft geht es schneller, wenn jeder nur eins kauft - ab in den Umschlag und fertig! Bei mehreren Büchern muss man gleich wieder eine Verpackung suchen, die Kiste messen und wiegen, den günstigsten Tarif suchen, Paketschein drucken ... Gott macht die Arbeit nicht gern, arbeitet indes zügig. Ich bin sehr zufrieden mit ihm. Denk dran, sage ich aufmunternd, keins der Bücher landet im Altpapier. Das soll Motivation genug sein. Seit wir eine Hausfee haben, läuft der Haushalt also wie geschmiert. Seit ich mich in die Reisebranche reinfuchse, laufen auch die Texte. Wenn auch noch nicht, wie's sein soll. Ich bin immer noch zu ehrgeizig; klasse! Deine Texte klingen wirklich natürlich und flüssig, soweit das bei den Vorgaben überhaupt möglich ist, lässt mich meine beste neue Chefin wissen. Sie selbst gibt sich ebenfalls enorm viel Mühe, mich perfekt einzuarbeiten. Gott ist ein Genie, aber immerhin ist er auch ein Mann, wenn er will, haut er die Texte in ein paar Minuten runter. Als hätte er keinen Ehrgeiz. Dabei werden sie immer grandios, das ärgert mich. Der erste Text hat 6 Stunden gedauert. Ich begann mit: Stockholm ist immer eine Reise wert. Den Satz sofort wieder durchgestrichen. Angefangen zu grübeln. Von 6 Stunden hab ich mich inzwischen auf 57 Minuten runtergeschraubt, es dauert mir aber immer noch zu lang. An was denkst du, wenn du die Texte schreibst, frage ich Gott. An die Vorgabe, antwortet der und klebt einen Paketschein aufs Paket. Wenn ich die Texte schreibe, denke ich ... an Serge, an Gott, ob Poire eine neue Windel braucht, was ich abends kochen will. Ob das Bier schon im Kühlschrank steht, damit die Männer sich abends am kalten Gerstensaft erfrischen können. Dann denke ich über die Destination nach, über die ich schreibe. Ich kann mich da richtig reinsteigern. Luxus in Rom war toll. Mit Haustieren in einer Finca war auch nicht schlecht. Mein bislang bester Text war aber eindeutig: Ohne Geld in Wien. Wir müssen unbedingt mal ohne Geld nach Wien, sage ich zu Gott. Der wiegt mal wieder den Kopf. Mit Geld macht's sicherlich mehr Spaß, verkündet er und schiebt das nächste Buch in den Umschlag. Vermutlich hat er Recht. Meinst du, Männer können mehr als Frauen, frage ich. Auf gar keinen Fall, sagt Gott. Darüber denke ich nach. Wenn ich z. B. mein dämliches Pflaumenmusglas öffnen will, der Deckel ist so blöd gemacht, dass es auch mit dem Dosenöffner nicht funktioniert, muss ich stets Gott oder Robin rufen. Meine Hände sind zu klein, vielleicht ist das kein typisch weibliches, sondern ein industriell provoziertes Problem. Wenn ich Gott boxe oder Robin ordentlich gegen die Schulter schlage, lachen die beiden meist. Wenn Gott mich boxen würde ... Das darf er erst gar nicht. Als Mann! Frauen sind nämlich ... wehrlose Opfer. Männer wollen sich oft um sie kümmern, das führt zu Komplikationen. Niemand kümmert sich um mich. Es sei denn, ich hab mir den Typen ausgesucht. Gott z. B., weil er selbst als Gangster ein Gentleman wäre. Und auch als Gott rüpelhaft genug auftreten kann. Perfekt. A propos Gangster, machen wir uns nix vor, von Gangsters geht eine gewisse Faszination aus, man merkt das, wenn man Krimis liest oder im TV schaut. Ich mag Gangsters ebenfalls, weil sie die Gesetze des Marktes verstehen. Und sich dementsprechend verhalten. Fast könnte man meinen, sie haben die Grundsätze durchschaut. Da redet niemand von guter Gesellschaft, man ist oben. Oder eben nicht. Niemand gibt sich scheinheilig, erwartet, dass du dein Geld irgendwo, irgendwie aufm Strich vielleicht verdienst - ist doch denen völlig egal! Denn kulturell ... Ganz große Klasse. Und dann tuen alle ganz geschockt, wenn eine Escort-Lady auspackt. Und sie das tolle Leben mit den vielen kleinen Geschenken und Marmorlecken usw. am Ende doch gar nicht so genossen hat. Wie man bis eben doch noch gedacht hatte. Bei Gangstern sind Frauen Ware. Und genau so ist es schließlich auch. Immer noch - an jeder Ecke. Als Gangster kann man Nutten aber auch problemlos heiraten. Da unten sind die Grenzen fließender. Die Frauen akzeptieren dann meist, dass ihre Männer weiter rumhuren, weil sie das mit der Ware verstanden haben. Und Frauen nix als geldgeile Egomaninnen sind. Und ganz klar und eindeutig, oben? Gibt's nur Männer. Und man muss auf ihre Großzügigkeit und ihre Gunst bauen, sonst ist man schnell weg vom Fenster. Vielleicht liegt's immer noch an der medialen Darstellung der Frauenrolle, überlege ich. Dass irgendwas im Ungleichgewicht ist.  Es gibt Tatort-Kommissarinnen, sagt Gott. Wir lachen schallend. In Underbelly spielt allein Roberta, die Frau von Carl, eine einigermaßen akzeptable Frauenrolle. Wobei die anderen Damen nicht unglaubwürdig daherkommen. Wir sehen hier übrigens den irren Carl - auf 35,37 - als echten Gangster. Ja, ja, erst vor ganz kurzem haben ihm seine Kumpels die Schießerei beigebracht, das lief sehr schlecht, Carl ist kein Naturtalent! Aber dann hat er die Sache angepackt. Und seinen Kumpel erschossen, der nun mal kein Kumpel war, der ihn nur mit Unsinn verarscht hat. Tja. In obiger Szene feiert er den Erfolg, seine Skrupel und Gewissensbisse werden indes auch immer wieder angedeutet. Da waren die Sopranos natürlich besser. Oder RoCri, was "Romanzo" heißt. Die haben das Verzwirbelte von Emotionen, Notwendigkeiten und Gesellschaftsformen, die nicht funktionieren, besser rausgearbeitet. Ach. Und bei RoCri war doch auch am Ende diese sonderbar Hässliche, die für Kohle jeden über den Haufen geschossen hat. Ihr Name fällt Gott gerade auch nicht ein. Imitation des männlichen Gebarens ist womöglich keine Lösung. Andererseits ... Wie soll man ihnen sonst beikommen? Wenn du Gangster wärst, wende ich mich an Gott, schließlich war Gott mal mit Capucine liiert, würdest du mich dann zur Geschäftspartnerin machen? Vermutlich leide ich am Bonnie und Clyde-Syndrom. Allerdings bin ich der Chef, das versteht sich. Exakt, sagt Gott. Und daher kommt das auch gar nicht erst in Frage. Ich bin nämlich der Chef, behauptet Gott. Nun, er irrt sich. Aber ich schweige.



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