Dienstag, 16. August 2016

Angst



BOA, hast du DAS gesehen, ruft Kleine-Claus beeindruckt, ich nicke, ich hab's gesehen. Die relativ kleine Schaufel des Baggers näherte sich langsam und präzise wie das Riesenmaul eines Dinosauriers, schnappte zu ... Und eine ganze Wand vom Nachbarhaus brach in sich zusammen. Imposant! Zerstörungswut. Während Kleine-Claus begeistert ist, betrachte ich unser Haus, vielleicht wird es irgendwann auch einer kleinen Baggerschaufel zum Opfer fallen. Ich überlege immer noch mit Gott, wie wir's am besten organisieren. Meine liebste Theorie ist momentan: Ich behalt's. So wie's ist. Ich kann's als Büro und Lager nutzen, wenn wir nächstes oder übernächstes Jahr weniger Stress haben werden. Wie wär das?, frage ich Gott. Wenn die Sache laufen würde, wär's der perfekte Arbeitsplatz mit Lager. Die Hunde können im Garten toben. Poire kann auf der Schaukel schaukeln. Hinten machen wir einen Gemüsegarten und verpflegen uns mehr und mehr selbst - in den Sommermonaten. Wie dazumal Tomtom und Elmar - die alten Urwüchsler. Und wenn wir mal nach Hause wollen, laufen wir über die Straße. Ein teures Lager, behauptet Gott. Ich bin mir da gar nicht so sicher. Es muss schließlich nix investiert werden. Und sollten wir das Interesse an der Arbeit verlieren, die Geschäfte plötzlich miserabel laufen - kann man's immer abstoßen. Die vermeintlich gute Lage. Gott wiegt den Kopf. Ich muss den Finanzberater involvieren. Das Beste ist immer, man hält sich an Fakten. Zahlen sind da ganz günstig. A propos Zahlen, mich beeindruckt immer noch die 0. Die 0 ist faszinierend. 0 + 0 bleibt immer 0. Zehn Jahre 0 + wir wissen gar nicht wie oft wir's multiplizieren könnten, ergibt stets? Exakt. Wenn man dazurechnet, was man sich für den Spaß über die Jahre alles selbst gekauft hat, nur um eine weitere 0 zu erschaffen, gerät man umgehend tief ins Minus. Faszinierend. Mir ist übrigens eingefallen, dass ich gestern, als ich die Rezi wegklickte, die zweite ganz vergessen hatte. Der Herr wollte ja auch noch etwas sagen. Egal, ich ahne einfach, was er mir sagen wollte, auch wenn's unfair ist, es nicht zur Kenntnis zu nehmen. Stattdessen bewegt mich immer noch sehr der Abschluss der Rezi. Sie endete ja nicht nur im begeisterten Überschwang, sondern auch in Dankbarkeit. Ich überlege, ob ich so nun auch alle meine Rezensionen ausklingen lassen will. An wen soll ich mich wenden? Als ich vor Jahren, vielleicht im Alter von 13, in Frankreich zum ersten Mal ein Buch von Flaubert ergriff, war es Liebe auf den ersten Blick. Die Franzosen haben immer dieses Foto von Flaubert auf den TBn, sieht der gut aus, raunte ich Hélène, meiner Freundin, zu. Sie musterte mich skeptisch. Die Franzosen verehren indes ihre großen Geister, er ist ein großer Schriftsteller, ließ sie mich wissen. Ich begann, Flaubert zu lesen. Und vielleicht hatte ich einfach Glück, denn à propos: Verehrung - mir kommt's so vor, als würde der Geist Flauberts Verehrung lachhaft finden. Blinde Verehrung, enthusiasmierte Verehrung. Eventuell deute ich ihn ja falsch, knete ihn mir zu dem, den ich haben will. Schlimm! Mit Gott läuft es ähnlich. Ich las dies und das, das war alles okay. Ich kannte den Namen von dem Dings noch nicht mal, den angeblich jeder kennt, ich nahm Texte einfach zur Kenntnis. Erst bei Gott konnte man erkennen, dass Wissen nicht ausreicht, um eigen und unverwechselbar zu sein. Und der Wunsch, intellektuell zu klingen, oftmals lediglich eine Studienzeit entlarvt, in der Professoren Fremdwort-Verklausulierte-Spreche als Bildung verkauften. Da wir, wir trafen ja erst am Sonntag auf einen Kirchenmann, auf der Erde so viele weltliche Diener finden können, nannte ich ihn also Gott. Dann bildete ich mir ein, Gott könnte einst Flaubert gewesen sein. Vermutlich liege ich wieder falsch. Das ist alles sehr sehr schlimm, die beiden können nämlich ordentlich wüten. Wie ich's mag. Trotzdem. Respekt verschafft es auch. Und ein bester Freund vom alten Flaubert schrieb über die Einweihung eines seiner Denkmale: 'Grauenhaftes Novemberwetter. Der Bürgermeister hält eine endlose Rede, für die ihn Flaubert am Jüngsten Tage zweifellos mit ordentlichen Prügeln bestrafen wird.' Yep, wilde Jungs. Die darf man sich nicht biegen, wie man will! Vielleicht beende ich also meine Rezis einfach doch nicht in größter Dankbarkeit gegenüber Genialitäten. Wie schrieb der eine in seiner FuBa-Kolumne, es klingt nach etwas "Helmpflichtigem", was immer der Schreiber eingeworfen hatte. Yep, der Mann ist ebenfalls genial. Bestimmt auch ein Wüterich! Wir wollen auch ihm für seine Genialität nicht dankbar sein. Wir erfreuen uns lediglich an ihr. Denn - das wäre möglich - mit Eliten könnte es sich ähnlich verhalten wie mit Kriegen. Sie werden erst ganz groß und mörderisch, wenn man unten ordentlich selbst mitmischt. Das sollte einem Angst machen - womöglich! A propos - gestern schaltete ich das TV ein, da antwortete eine Frau auf eine mir unbekannte Frage: Ja, sicher. Wenn irgendwo Männer sind, hat man Angst. Das ist richtig, vor allem, wenn man allein und im Dustern rumsteht. Letztens war hier eine Frau im Park, ein Mann passierte sie mehrfach. Ein Exibitionist, der allerdings auch handgreiflich wurde, als sie die Polizei rief. Damals in Oldenburg verfolgte uns ein Mann, anstatt uns umzudrehen und ihn zu attackieren, - ja, warum eigentlich nicht? - liefen wir davon. Er lief hinter uns her. Der Typ, der mich in der Stadt begrapscht hat. Und versuchte zu knutschen. Einfach so? Im Vorbeigehen. Der, der sich einen runterholen lassen wollte? Ich glaub für 5 DM. Im Gebüsch hinter der Bushaltestelle, gibt's das? Yep! Oder der, der mir ständig am Strand nachstellte. Bis ich mit seiner Frau gesprochen hab, was für viel Ärger sorgte. Schließlich war IHR Mann ein feiner Kerl. Klar. Ich irre mich sehr oft. Und führe die Liste hier einfach nicht weiter ... Stattdessen frage ich mich, wie es wohl ist, zur Hälfte der Menschheit zu gehören, vor der die andere Hälfte instinktiv Angst hat. Ich wette, Gott ist abends im Dunklen noch nie vor einer Frau weggelaufen, bloß weil sie ihm - eventuell rein zufällig - zu folgen schien. Und betrachte Kleine-Claus, der mit seiner Tante spielt. Poire schlägt ihm ins Gesicht vor Freude. Das darfst du aber nicht, sagt Kleine-Claus streng. Und kitzelt sie weiter. So gesehen, scheinen alle obigen Überlegungen lachhaft. Hast du manchmal Angst vor mir?, frage ich Gott. Der legt mit ernster Miene seine Zeitung beiseite. In der Tat, beginnt er. Ich wollte noch mal mit dir über das Wasser sprechen ... Du willst es nicht wieder abkochen!, frage ich resigniert. Und Gott erhebt einen Zeigefinger. Das bedeutet wohl: Obacht! Einspruch!


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