Freitag, 19. August 2016

93%



Mein Profil muss ich noch ausfüllen, da versteh ich wieder vieles nicht, da fehlen noch einige Prozent. Aber auf meinem Profil-Foto wirke ich schon mal sehr seriös. Vielleicht etwas weggetreten? Nachdenklich, resigniert. Du musst mal wieder ein Foto von mir machen, sage ich zu Gott. Vielleicht eins, das suggeriert, ich wäre ähm - jung, attraktiv, abgebrüht und ... hochintelligent! Nimm doch eins von Inès, sagt der. Das würde immerhin für Aufmerksamkeit sorgen. Ich überlege, Inès muss auch wieder Fotos machen. Ich lege Gott einen Test vor, den hab ich bestanden, jetzt kann ich auch als Korrektor loslegen. Prima!!! Das macht nämlich total viel Spaß, das hab ich schon einige Male gemacht. Fehler bei anderen finden, einen bereits bestehenden Text zu einem wohlklingenden Informations- und Lautfluss zu verdrehen, ist nämlich immer viel einfacher, als die eigenen Fehler zu erkennen. Woran das bloß liegen mag? Indes! Den Test hab ich nur zu 93% bestanden, das ärgert mich. Gott haut selbstredend die volle Punktzahl aufs Papier, du darfst jetzt auch Korrektor sein, sage ich ärgerlich. Das wurmt. Nur 93%. Neben der Reisebranche, die nicht schlecht läuft, weil man irgendwie stets das Gleiche schreibt, habe ich mich momentan auch auf Pressemitteilungen spezialisiert. Das macht viel Spaß. Manche Auftraggeber allerdings brauchen derart Unterstützung, dass der Auftrag völlig unverständlich bleibt. Was soll bloß drinstehen? Welche Infos sollen transportiert werden? Andere geben eigentlich den gesamten Text vor. Mach aus 140 einfach 300 Wörter. Und halte dich an einige Vorschriften. Ich studiere also die guten Pressemeldungen aus der Redaktion. Kann ich auch, beschließe ich und lege los. Was mir noch ein Rätsel ist, wie Autoren es hinkriegen, in 2 Tagen 15000 Wörter zu schreiben. Über komplizierte Themen. Ohne einen Fehler. Selbst wenn man im Thema Experte ist - am besten ist man nämlich wohl Tiefbau-Ingenieurin mit Juristen-Abschluss auf Mutterschaftsurlaub -, ist das ohne Endredaktion schon eine harte Sache. Vielleicht Routine. Ich weiß noch nicht. Doch eigentlich gibt's in jeder Redaktion eine Endredaktion. Das ist schon praktisch. Und  sieht so aus: Liest du gleich noch eben über meinen Text, fragt der Dings. Klar! Und dann heißt's warten. Er hockt vor seinem Computer und denkt, tippt, denkt, knabbert irgendwas. Genug Zeit, um noch einmal nach neuen Aufträgen zu forschen. Oder was über Luxushotels in Dubai aufs Papier zu knallen. Denn selbst bei geringem Reisebudget ist ein Luxushotel in Dubai usw. ... Wann genau? Wird's was?, fragt man mal nach. Gleich, sagt der Dings und seufzt. Jetzt hol ich mir erst mal einen Döner! Isss nicht wahr! Einspruch! Ich warte auf dich!!! Und ich hab Hunger, lässt er wissen. Soll ich was mitbringen? Usw. Professionelles Arbeiten, am Ende hockt man rum und futtert. Und dann habe ich übrigens anscheinend auch eine feine Truppe gefunden, wo wir demnächst wieder Rezis einstellen können. Prima! Allein rumwurschteln ist eine feine Sache. Zusammen macht's oft mehr Spaß. Ich freu mich übers Glück! Und dann kommt die Dings. Und ich schaue Gott an. Du willst es so, sagt er ernst, nickt indes aufmunternd. Die Dings nickt ebenfalls aufmunternd. Wir gehen noch mal alle Pläne durch, die zwei nicken wieder aufmunternd. Wir werden uns in den finanziellen Ruin stürzen, seufze ich. Du dich, korrigiert mich Gott. Immerhin will er mir aushelfen. Nächstes Jahr erwartet er eine stattliche olympische Prämie, die gibt er mir quasi als Kredit. Die Non-Profit-Sache ist nämlich letztlich einfach nichts, wenn man nicht als Urwüchsler komplett aus der Gesellschaft aussteigt. Ich weiß es, schließlich haben wir's mal ausprobiert - selbst als Straßenmusiker ist man die meiste Zeit damit beschäftigt, Kohle zu scheffeln. Sie werden den kompletten Garten verwüsten, gebe ich noch einmal zu bedenken. Du wirst eine neue grüne Hölle kreieren, sagt Gott. Ich werfe noch mal einen Blick auf die Pläne, den Wintergarten. Das Kaminzimmer. Auf Poire. Auf Gott. Und mit 93% Überzeugung unterschreibe ich. Das wär dann mal erledigt, sagt Gott und tätschelt meine Hand. Der wird mit Sicherheit die ganze Zeit im Wintergarten rumhocken, und während es draußen Schnee rieselt, wird er lesen. Und abends im Winter, wenn wir Filme schauen, wird er ordentlich Feuer im Ofen bullern lassen. Ja, gemütlich. Bloß mein Garten. Den werden sie komplett verwüsten. Genießen wir noch
einmal die grüne Hölle. In der sich übrigens auch Schmetterlinge en masse tummeln. Die sollen dieses Jahr ja kaum fliegen. Kein Wunder - wenn jeder ordentliche Bürger jedes Wildkräutchen rausrupft. Unkrautmatten auslegt, diese mit Kies beschwert. Drumrum vier chic in Form geschnittene Buxbäumchen pflanzt. Ja, das schaut ordentlich aus. Auch ohne Schmetterlinge. Aber ich hab schon wieder Pläne. Weißt du, dahinten, wo wir den Flamingo und das Riesending umhauen, legen wir mit meiner
Rosmarinweide so ein Palais an, wie ich's immer haben wollte. Ich züchte schon mal Stecklinge aus der, die wir ausbuddeln müssen. Schlimm. Und aus dem Trümmerhaus brechen wir an den Seiten ein paar Steine, stufig, mediterran. Daneben einen Brunnen. Das und das und das soll der Gärtner mit dem Bagger rausholen, ich topf das ein, wir setzen das später wieder in die Erde. Es wird nicht eingehen, egal, was der Gärtner sagt. Und den hier ... Gott - der Paradiesgestalter nickt großzügig.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen