Mittwoch, 20. Juli 2016

Unsinn


Ich habe eine Ku-Rez verfasst, und? Zack, ein Leser fand sie hilfreich, das hat die Bedeutsamkeit meiner Verbrauchermeinung in der riesigen Verbrauchermeinungs-Fülle ganz enorm in die Höhe katapultiert. Auf Platz 4! Jawoll. Drück auch mal drauf, sage ich zu Gott, auf "hilfreich", lasse ich ihn wissen und reibe mir die Hände. Gott zeigt mir einen Vogel. So viel dazu. Vielleicht sollte ich viel mehr Verbraucher-Konsumentenmeinungen in die Welt setzen. Du wolltest doch auch noch einen neuen Blog eröffnen, seufzt Gott. Stimmt, aber mir fällt kein schöner Name ein. Kein aussagekräftiger Name, der irgendwie auch noch nach was klingt. Und vermutlich fehlt mir die Zeit. Und ... "Im Horoskop steht, wenn Sie sich für etwas begeistern können, sind sie nicht von Ihrem Vorhaben abzubringen. Das kostet Energie." Sollte man in diesen weisen Rat etwa hineindeuten, dass weder meine Vorhaben noch meine Begeisterung sonderlich förderlich für mich seien? Ich schaue in eine andere Zeitung, Meinungen gibt es schließlich viele. Und dort steht auch gleich etwas ganz andres. "Sie lieben das Rebellische an Ihrem Partner und tolerieren sogar Eskapaden." Ich werfe einen argwöhnischen Blick über den Tisch zu Gott. Eskapaden? Brauchen wir nach Capucine und Sylvie nicht mehr. Was steht da noch geschrieben? "Sie sehen in einem Mann oft mehr, als er tatsächlich darstellt." Ob Gott am Ende doch gar kein Gott ist? Unsinn, absolut unmöglich. "Werden Ihnen die Männer zu berechenbar und harmlos, sortieren Sie sie schnell aus. Doch Vorsicht, werfen Sie nicht aus Langeweile etwas Wertvolles aus Ihrem Leben." Alles klar! Hältst du dich für berechenbar und harmlos?, frage ich Gott. Nein, antwortet der. Ich bin ein Rebell, sagt er und blättert die Zeitung um. Ich nicke zufrieden, ein göttlicher Rebell, trotzdem bin ich skeptisch. Hast du mein Horoskop gelesen?, frage ich. Gott wirft mir einen Blick über die Zeitung zu. Natürlich nicht, so einen Unsinn les ich nicht, sagt er, ich nicke ernst. Ich höre, wie Kleine-Claus über den Gartenzaun Kontakt mit dem Nachbarsjungen knüpft. Prima! Hoffentlich befreunden sie sich, spielen Fußball, fahren Rad, dann müssen wir nicht ständig ins Freibad! Das wär schön! Ich bin 5 Jahre alt und gehe in die fünfte Klasse, behauptet Kleine-Claus gerade. Ich kicher, das ist so was von gelogen. Er ist ja noch nicht mal 5 und sicher wird er seine schulische Ausbildung auch nicht in der fünften Klasse beginnen. Kleiner Aufschneider, grinst Gott, der sich sicherlich ebenfalls wünscht, dass draußen Freundschaft entsteht, er hockt nämlich auch nicht gern im Freibad rum. Freibad ist schlimmer als kein Meer. Wenn schon Wasser, Wasser ohne Meer - dann runter an den See. Da darf man nicht baden!, brüllt Kleine-Claus dann und macht sich fertig fürs - Freibad. Freibad ist nämlich? Cool. Und damit ist für ihn die Diskussion beendet. 
Und wir haben Glück, der Nachbarsjunge erkennt den Unsinn, den Kleine-Claus rumposaunt nicht, oder er hört einfach drüber hinweg, er hat nämlich viel Aufregenderes im Sinn. Bei uns gibt's heute Würstchen, ich und Papa grillen jetzt, sagt er wichtig. Willst du rüberkommen? Keine Frage, Kleine-Claus ist fast schon unterwegs. Gott genehmigt die Grillexkursion! Aber nur ein Würstchen, rufe ich noch, klar!, ruft Kleine-Claus zurück. 
Gut, dass drüben Kinder eingezogen sind, sagt Gott, ich nicke. Vielleicht wird's schwierig für Kleine-Claus - ohne Vater. Gott seufzt wieder. Poire kennt ihren Vater auch kaum, sagt er. Exakt, aber sie hat Gott. Und Robin auch. Und vor allem, sie kennt Serge kaum, sie vermisst ihn nicht. Das kann sich ändern, sagt Gott. Wenn sie älter wird, könnte sie ihn durchaus vermissen. Tja, wir sind alt und konservativ, ich denke unsere Gedankenlinie um. Vielleicht brauchen die zwei keinen Vater, der ständig anwesend ist, behaupte ich. Gott nickt. Familie, sagt Gott nachdenklich. Bei Delphi und Marie hat es auch nicht gut geklappt, gibt er sodann zu bedenken. Nun ..., ich schweige. Sie werfen ihrem Vater Dinge vor, für die er gar nichts kann, sie wollen, dass er Verantwortung übernimmt für ... Ich hab keine Ahnung, ich schweige wieder. Er hat einen komplexen Charakter, behauptet Gott. Also. Er sieht gut aus, entgegne ich. Und ich hab meistens mitgemacht, wenn er eine Idee hatte. Das war - im Nachhinein betrachtet - vermutlich ... Grober Unsinn, nickt Gott. Tja, es war aufregend, er hatte mehr Ideen als ich, erinner ich mich verträumt. Da konnte ja nichts bei rauskommen, behauptet Gott, der sogar einen Großteil meiner Ideen für Unsinn hält. Ich seufze, es ist ... Konditionierung. Conditio humana. Ich bin eine Leistungs-Trotz-Tochter, lasse ich Gott wissen, das prägt. Gott runzelt die Stirn. Immer Leistung erbringen, wenn das nicht reicht - Sturkopf. Gott seufzt wieder und betrachtet Poire, die ärgerlich darauf aufmerksam macht, dass nicht nur Kleine-Claus hungrig ist. Er steht auf und nimmt sie auf den Arm, dann setzen sich die beiden auf den Teppich, langsam wird's Zeit krabbeln zu lernen. Meinst du, ich sehe eine Vaterfigur in dir?, frage ich Gott nachdenklich. Unsinn, sagt der wieder und legt Poire vorsichtig auf den Boden. Ich betrachte ihn. Er ähnelt in der Tat weder meinem Paps noch einem anderen Monsieur. Höchstens seinem alter ego - Flaubert. Das ist kein Wunder. Er ist ein Genie! Ich lasse mich doch von meiner Begeisterung nicht abbringen. Nein, ich bin sehr zufrieden, die tiefenpsychologische Selbsterforschung zum Vaterkomplex hat zu keinen schockierenden Erkenntnissen geführt. Ist dir ein Name für meinen Blog eingefallen?, kann ich dementsprechend gelassen das Gespräch wieder umlenken. Nein, sagt Gott. Konzentrier dich doch einfach mal auf das, was du tust. Z. B.? Schreib doch mal den Text mit dem Meer zu Ende, schlägt er vor. Och, den hab ich ganz vergessen. Andererseits! Wozu? Interessiert eh keinen, sag ich. Wenn dich interessieren würde, was andre interessiert, würdest du ganz andre Dinge tun,
behauptet Gott, darüber denke ich nach. Wär möglich. Aber das Ende, das Ende interessiert doch niemanden! Was mit Samie und Yann wird. Wie es Kleine-Claus gehen wird? Und Poire? Und Serge? Und wie es mit Gott und mir weitergeht. Hauptsache ist doch, wir sind jetzt glücklich, doziere ich aus meiner Yogastunde und setze mich in easy pose zu den beiden auf den Teppich. Mir ist nämlich gerade eine Idee gekommen. Wollen wir uns in Ekstase atmen?, frage ich Gott. Der zeigt mir einen Vogel, aber ich fang gleich mal an. Die Kundalini zu wecken! Und allem Ärger einen Arschtritt zu verpassen. Oder Faustschlag. Gibt schöne Oberarme. Genau!  



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