Samstag, 30. Juli 2016

Überangebot


Kaum schau ich mich auf dem Markt um - hochinteressante Feldstudie - schon haben wir so viele Angebote, dass wir sie gar nicht alle bearbeiten können. Ja, sicher, ich muss die Dinge organisieren, der Verkauf muss weiterlaufen, wir wollen ja die Bude leer bekommen. Und uns hin und wieder einen intellektuellen Input gönnen, diesbezüglich arbeiten wir momentan wie im Kundalini die Skala von unten nach oben ab. Überhaupt wusste ich bis vor Kurzem gar nicht, dass es gar 'besonders' wertvolle Filme geben soll. Nun, die lassen wir da oben im Kronenchakra vor sich hinschmoren. Wir starten unten - in der Semilegalität, wo's spannend ist! Und probieren nebenbei mal, in die Parallelgesellschaft, die allgemein existierende Profit-Gesellschaft, einzusteigen, katapultieren uns also aus der Irrealität zurück ins reale Leben. Zunächst? Keine Rezensionen mehr, wozu? Wozu am Hungertuch nagen? Schließlich gibt's ja Experten. Ich - copy 'n' past - poste einfach Pressetexte. Mach dir nix vor, das geht viel schneller! Und wird vergütet, kann man's glauben?. Also die 1-Cent-Nummer erscheint mir selbstverständlich immer noch obskur. Doch ich bin die Sache einfach mal anders angegangen. Stell dir vor, es wär wie früher, wie damals, schwärme ich Gott vor. Auch er gerät sogleich ins Schwärmen: Als wir uns noch nicht kannten!, murmelt er. Ich räusper mich kurz. Egal. Damals, imaginiere ich, als wir an der Uni waren, wir hatten uns zum frugalen Mahl in der Mensa getroffen. Der Wanst war vollgefuttert - und wie heißt es? Plenus venter non studet libenter, so. Also sagte ich zu Gott, ich glaube ich lass heute Altfranzösisch ausfallen. Gott dachte kurz nach. Vom Kurs "Expandig Cinematic Spaces" hatte ich mir auch mehr erhofft, seufzte er, ich nickte bedrückt. So eine akademische Ausbildung ist oft längst nicht so erhellend, wie man es sich als junger Mensch erhofft. Was hast du vor?, fragte Gott also. Meine Augen leuchteten. Wir setzen uns hinten auf die Wiese unter den großen Baum, ich hab einen neuen Job. Und, sagte ich großzügig, wenn du mir hilfst, teilen wir die Kohle. Gott wiegte schon damals den Kopf. Um was geht's?, fragte er. Joghurt, sagte ich fasziniert. Und ganz bestimmte Kulturen. Wir müssen 500 Worte schreiben, einen möglichst flüssig formulierten Text verfassen. In dem so oft wie möglich der Name des Joghurts mit diesen bestimmten Kulturen auftaucht. Gott nickte. Suggestion. Yep, am Ende muss jeder denken, dass ein Überleben ohne diesen Joghurt quasi unmöglich ist. Und - ich dachte vor Jahrzehnten schon weiter, sollte sich das mit dem Computer mal entwickeln, sagte ich, wir lebten damals schließlich glücklich, aber in grauer Non-Digitaler-Vorzeit, kriegt man bestimmt ganz viele Klicks. Wenn man sich ständig wiederholt, werden die Suchmaschinen heiß laufen. Gott wollte das damals noch nicht einleuchten. Er setzt sich auch heute noch für Qualität ein. Nun, kaum saßen wir in der Sommermittagshitze auf der Wiese unter unserem Baum, gstaltete sich das Unterfangen zunächst schwierig. Was soll man über einen Joghurt schreiben? Gesund Naschen - für einen fröhlichen Darm! Die Ideen nahmen immer absurdere Formen an. Gott lag mit geschlossenen Augen im Zustand des verdauenden Wachkomas im Schatten, und während ich noch grübelte, ließ er seinen Assoziationen freien Lauf. Ich kicherte, dann begann ich zu notieren. Gott entpuppte sich als Genie! Er konnte dösend im Halbkoma grandiose Texte über Dinge verfassen, von denen er keine Ahnung hatte. Ich werkelte die famosen, notierten Versatzstücke zu einem Text zusammen, Gott schrieb noch mal eben um - fertig! Gott verfasste Texte über Gardinen, über Südafrika, Paris, eine neue Sorte Tiefkühlteig, Mirabellen, Sportunterhemden, Winterreifen usw.! Und so kam es, dass wir uns schon bald darauf - bei feinstem Spaßfaktor - von unserem üppigen Gehalt einen uralten klapprigen BMW leisten konnten, mit dem wir morgens zur Uni ruckelten. Es war herrlich! Erinnerst du dich nicht?, frage ich Gott. Der schüttelt den Kopf. Amnesie. Komm, bettel ich, lass es uns noch mal versuchen. Als wär's damals! Gott wiegt wieder den Kopf. Wie lautet das Thema?, fragt er. Ich nenne es, da muss selbst Gott lachen. Und dann? Schließt er die Augen. Und diktiert mir - Gedanken! Geschmacksexplosion, feinmundig, Leben für die Seele, qualitative Hochwertigkeit, Balsam auf der Zunge - handgeflückt, Verwöhnprogramm, Koronaren Herzerkrankungen den Garaus, usw. und klar, die Assoziationen verästeln sich in Vergleichen und ... Wie damals bin ich hingerissen, dann stoppe ich ihn. Reicht schon, sage ich als Geschäftsfrau - ich muss jetzt nur noch den Markennamen  und ein paar Verben einsetzen. Ich hab noch einiges in petto, sagt Gott verärgert, der noch längst nicht ausgedacht hatte. Für den nächsten Text, sage ich und bastel schon am Expertenwerbetext. Macht halt Spaß. Wenn harte Arbeit sich rentiert!



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