Sonntag, 3. Juli 2016

Streit


Gottes Zorn liegt wie Donnergrollen über dem Haus. Seit Stunden schon. Und das kam wie? Keine Ahnung, ein ganz normaler Streit halt, wie er jeder guten Beziehung aus heiterem Himmel die Stimmung verhageln kann. Zunächst begann alles friedlich, wir trafen die Dings, ich hatte sie lange nicht gesehen. Sie umarmte mich und sagte: Jetzt siehst du wirklich aus wie deine Mutter. Also, ich überlegte, das freundlich Gemeinte kam irgendwie nicht so gut bei mir an. Die Dings ruderte zurück, ich fühlte mich einfach nur Jahrzehnte zurückversetzt, als ich dich gerade sah usw. Später diskutierten Gott und ich darüber, ob ich jetzt aussehe wie die Mum. Nun, sagte Gott, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht abzustreiten. Ich schwieg. Delphi sieht dir auch sehr ähnlich, behauptete Gott dann zu allem Übel, denn Delphi hat wirklich Glück, sie sieht aus wie ihr Vater. Fantastisch also. Wie würdest du es finden, wenn ich sage, du siehst jetzt aus wie dein Vater?, fragte ich Gott, der darüber nachzudenken schien. Das ist ein stattlicher Mann, ließ er mich sodann wissen, ich zuckte die Achseln. Daheim servierte ich Poire eine halbe Banane mit einem Löffelchen. Erst gebe ich ihr seit einigen Tagen einen ganz kleinen Happen, dann lege ich ihr das Löffelchen in die Hand. Sie versteht das Prinzip Essen nicht. Sie fasst in den Brei und schmiert damit über den Tisch. Oder sie schlägt mit dem Löffel in den Brei. Oder sich selbst vor den Kopf, sie lässt den Löffel fallen, was weiß ich. Das ist völlig okay, aber heute hat es mich irgendwie genervt. Kannst du ihr nicht erklären, wie man einen Brei isst?, fragte ich Gott. Und dann gab ein Wort das andere und eigentlich weiß ich nicht mal mehr, was ich gesagt habe. Oder was exakt Gott sagte. Ich achtete auf Poire und stritt mit ihm oder er mit mir. Diese absolute Unbelehrbarkeit, sagte er irgendwann und verließ mit dunkel funkelnden Augen den Raum. An genau der scheiter ich immer wieder, rief ich ihm noch nach und kümmerte mich um die Sauerei auf dem Tisch. Seither warte ich darauf, dass er sich ausgetobt hat. Ja sicher, früher wäre ich wütend hinter ihm die Treppe hochgestiefelt, es hätten sich stundenlange Diskussionen angeschlossen, wer was wie gesagt und wie gemeint hat. Heute warte ich einfach ab, Gott poltert da oben, vermutlich steht ihm die Kommode wieder im Weg, ein Möbelstück wird verrückt. Dann spricht er, vielleicht telefoniert er mit jemandem, vielleicht diskutiert er mit sich selbst. Er geht ins Bad und ein paar Klamotten kommen die Treppe runtergesegelt, vermutlich habe ich die heute Morgen auf den Fliesen liegen lassen. Gott donnert irgendetwas über Unordnung allerorts! Die Übellaunigkeit steigert sich nun in eine zweite Phase, es ist nicht mehr nur, dass man sich ärgert über das, was eben geschah, nein, plötzlich sieht man klar und deutlich, dass alles um einen herum längst in die Binsen gegangen ist. Ich frage Poire, was ich gesagt habe. Sie kann sich ebenso wenig erinnern wie ich mich. Es kann nichts von Bedeutung gewesen sein, wenn ich es nicht erinnern kann. Hast du gehört, worüber wir gestritten haben?, frage ich Robin, der grinst. Es ging um Bananenbrei und Poire, sagt der, ich nicke. Sie will nicht mit dem Löffel essen. Warum haben wir gestritten?, beharre ich, schließlich muss die Wurzel des Übels erst erkannt, um sodann gezogen zu werden. Du sagtest, du seiest nicht wie deine Mutter, sagt Robin. Ich überlege, wie sich das Gespräch dahingend entwickeln konnte. Und?, frage ich also nach. Gott sagte, das hätte niemals jemand behauptet. Dann ging's los. Ich runzle die Stirn. Ich bin nicht wie meine Mutter, sage ich nachdenklich. Robin zuckt die Achseln. Hat wohl auch niemand behauptet, sagt er und lacht. Wie sind wir denn drauf gekommen?, ich versteh es nicht, Robin weiß es auch nicht. Entschuldige dich, schlägt er vor. Wieso ist Gott so wütend geworden?, frage ich, Robin weiß auch das nicht. Dann entschuldige dich halt nicht, sagt er. Ich denke nach, meine Mum hätte jetzt Abendessen gekocht, sie hasste Streit. Und sie war stets ein großer Friedensstifter. Perfekte Diplomatin in der Beziehung. Ich werkel also in der Küche rum und koche Gott sein Lieblingsessen. Sein schnell zuzubereitendes Lieblingsessen, nichts Kompliziertes. Dann gehe ich zu ihm hoch, klopfe an die Tür, stehe unschlüssig im Rahmen rum. In Gottes Augen liegt immer noch dieses wütende Funkeln, es steht ihm gut - das Donnergrollen im Gesicht. Ich hab gekocht, sage ich. Gott nickt. Kommst du?, frage ich, Gott antwortet nicht. Warum bist du so wütend geworden?, würde ich ihn gern fragen. Ich habe das nicht kommen sehen. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich gesagt habe. Stattdessen sage ich. Es tut mir Leid. Gott nickt wieder. Und ich gehe zurück in die Küche und warte, ob er mir nachkommt.


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