Montag, 11. Juli 2016

Schlachtehappen: Lifjord - Der Freispruch


Der Stoff vom Heimkehrer, dem einst Verstoßenen, der sein Glück in der Ferne sucht und als gemachter Mann oder als Gescheiterter zurückkehrt und so oder so für Unruhe in der Heimat sorgt, ist ein alter Topos. Die norwegische Serie “Lifjord - Der Freispruch” (im Original “Frikjent”, was Freispruch bedeutet) setzt ihn geschickt ein, um im Hintergrund aktuelle Themen wie die vielschichtige Angst vor der Globalisierung aufzugreifen und die kaltblütige Vorgehensweise internationaler Konzerne vorzuführen, deren Interessen sich auf Gewinnoptimierung und der einhergehenden Wegrationalisierung zu beschränken scheinen. Als Gegenentwurf wird das norwegische Kleinstadtidyll Lifjord präsentiert, das malerisch inmitten von spektakulären Fjorden gelegen ist. Doch selbstverständlich trügt die Idylle, denn auch wenn hier das Miteinander und Verantwortungsbewusstsein füreinander auf regionaler Ebene gepflegt wird, steht nun SolarTech, das einzige Großunternehmen der Gemeinschaft, vor dem finanziellen Ruin. Die Gemeinde fürchtet um den Verlust der strukturell überlebenswichtigen Arbeitsplätze, und wenn es um eigene Interessen geht, ist sich am Ende eben doch jeder selbst der Nächste. “Lifjord - Der Freispruch” spielt neben diesen globalen Bezügen, die Stoff genug für einen Krimi hergeben, ebenfalls mit dem klassischen Mordfall, dem Verbrechen, das vor Jahrzehnten geschah und niemals aufgeklärt werden konnte. So ist die Story inspiriert von dem 1995 begangenen, bislang nicht aufgeklärten Mord an der 17-jährigen Birgitte Tengs. Da dieser Fall, der in Norwegen für große Bestürzung und Aufsehen sorgte, derzeit neu aufgerollt wird, war auch dieser Kunstgriff sicherlich geschickt gewählt, da er bei Medien wie Publikum vorab bereits für Interesse sorgen musste. Allerdings bietet “Lifjord” letztlich nur wenig Bezüge zu dem realen Verbrechen und zeigt keinerlei Ermittlungsarbeit. Wer also einen düsteren Nordic-Noir erwartet, der sich differenziert mit einem lokalen oder mehreren (vermeintlich) globalen Verbrechen (wie es z. B. “Die Brücke - Transit in den Tod” regelmäßig zelebriert) und deren Aufklärung auseinandersetzt, dürfte schwer enttäuscht werden. Letztlich bleiben diese Erzählstränge nämlich seichtes Hintergrundgeplätscher. “Lifjord - Der Freispruch” kann vornehmlich als Familiendrama gesehen werden, das über die lange Serien-Strecke von zehn Episoden zunächst sehr betulich langsam in Fahrt kommt. 
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