Samstag, 23. Juli 2016

Samstag



Da ich's gestern vergessen hab, gehen wir heute alle gemeinsam in den Supermarkt. Familienausflug! Gott steht wie Falschgeld in der Bio-Abteilung rum und schaut auf die Uhr. Such doch schon mal einen Salat, rate ich, dann geht's rucki-zucki. Gott wählt einen Thunfisch-Eisalat. Der Schafskäsesalat ist dahinten, gebe ich zu bedenken. Ich sollte aussuchen, belehrt mich Gott. Er hat Recht. Und Demokratie ist ... Demokratie halt. Kleine-Claus ist auf der Suche nach seiner Lieblingslimo. Er kann zwar momentan 'auf keinen Fall!' bei seiner Mutter wohnen, bei uns gefällt's ihm aber auch nicht. Alles Gute ist verboten. Und Diktatur ist noch schlimmer als Demokratie - ich genehmige also die Limo. An der Fleischtheke wacht Gott auf, ich entscheide mich für Lammkeule, er übernimmt das Gespräch mit der Verkäuferin. Schlussendlich kaufen wir einen riesiges Stück Fleisch, das sündhaft teuer ist. Das bereitest du aber zu, sage ich ärgerlich, die Küchenkasse schmilzt dahin. Gott nickt mit strahlenden Augen, was immer er vorhat, er freut sich drauf. Und ich liebe es, wenn er in der Küche hantiert. Es schmeckt dann auch immer hervorragend. Na gut, ich lege ordentlich Pflaumenmus und an der Käsetheke drei Stück Harzer-Käse in den Wagen. Es ist immer so, kaum geht es einem gut, verfällt man der Sünde. Und ich liebe spät am Abend ein zweites deftiges Abendmahl. Bist du wirklich nicht schwanger?, fragt Gott mich dann und beobachtet argwöhnisch mit Robin, wie ich mir dick Butter, dann Pflaumenmus und sodann den Stinkekäse aufs Brot stapel. Ich ess das immer so, beruhige ich die zwei. Und in der Tat, hab ich's über Jahre so gemacht, bis ein Monsieur eines Abends sagte, du bist wie meine Mutter. Das kann nicht sein! Doch, die aß das genau so. Kurz vor dem Zubettgehen. Diese neue Erkenntnis war mir unheimlich, ich beschloss die spätabendliche Brotesserei an den Nagel zu hängen. Momentan hab ich aber wieder Heißhunger drauf. Nun ja. Spazieren wir rüber in die Kosmetikabteilung. Ich packe so ziemlich alles ein, was ich finden kann. Ich hatte nämlich eine neue Idee - Die weibliche Existenz! Was für ein famoses Thema! Wir machen Fotos von Inès à la Cindy Sherman. Ich glaub, als Leiche würde mir Inès gut gefallen. Als aufgeschlitzte Madonna. Oder so. Gott schüttelt missmutig den Kopf, dazu gehört schon mehr, als sich Öl ins Haar zu kleistern, stellt er fest. Er mochte das Musik-Bild nämlich gar nicht. Deshalb kauf ich das ja, sage ich. Das famose Musik-Bild war ja auch eher ein improvisierter Schnappschuss. Misslungen, beharrt Gott. Na und? Das war exakt so gewollt. Ich weiß nämlich Bescheid, ich war schließlich mal in einer Ausstellung mit Sherman-Bildern. Und der Monsieur damals hat die Kommentare der uns führenden Kunstexpertin, vermutlich eine Kunststudentin, stets kommentiert. Er wusste nämlich intuitiv auch Bescheid. Darauf war sie nicht vorbereitet, er hatte eigene Interpretationen. Die sollte jeder auf einer Führung für sich behalten. Kennen Sie sich aus?, fragte sie ihn spitz? Gar nicht, gestand Monsieur gut gelaunt. Ich sehe da nur ... Doch in diesem Museum war der eigene Blick unerwünscht. Das stört den gewährten Einblick ins Werk. Kultur. Würden wir uns also selbst mit der Emotionswelt der Weiblichkeit auseinandersetzen ... Gott räumt all die Kosmetikutensilien wieder ins Regal. Deine Ideen!, sagt er, sie kommen nicht immer gut bei ihm an. Und so ein Familieneinkauf verläuft nicht immer friedlich. Kleine-Claus hängt bei den Süßigkeiten rum, und ich gerate mit den anwesenden Männern nach und nach in Streit! Dann lege ich zwei Flaschen Whiskey und ein paar Packungen Zigaretten in unseren Wagen. Für wen ist das?, fragt Gott, den ich nie wieder mit in den Supermarkt nehmen werde. Für dich, sage ich. Ich wollte nämlich früher auch immer Monsieur Bohringer heiraten klar! Und als wir letztens in France waren, hat er gerade seine Biographie vorgestellt. Im TV, im Radio - auf allen Sendern. Und was hat er für eine Stimme! Ich hab dann letztlich wieder vergessen, das Buch zu kaufen, aber die Stimme! Geht einem nicht mehr aus dem Kopf, also? Habe ich beschlossen, Gott muss jetzt unbedingt viel trinken und dazu ordentlich qualmen. Le retour à la vie sauvage !, raune ich ihm ins Ohr. Gott stellt die Kippen zurück, den Alkohol lässt er immerhin im Wagen. Unter lautem Protest von Kleine-Claus räume ich dann meinerseits Süßigkeiten zurück ins Regal. Und beschließe, nächsten Freitagmorgen ganz früh. Und allein! Unseren Wochenendeinkauf zu tätigen. Zusammen macht's aber natürlich mehr Spaß, während ich noch rasch zurück in die Bio-Abteilung laufe, weil guter Bio-Ingwer und Bio-Knoblauch nun einmal viel besser munden, als lasches konventionelles Zeugs, das am Ende noch ordentlich mit Pestiziden belastet sein könnte, steht Gott an der Kasse und Kleine-Claus hat's wieder zu den Süßigkeiten verschlagen. Wie brauchen alle eine kleine Erholungsauszeit. Im Café legt Gott sich mit der Bedienung an. Sie übersieht ihn ständig. Ich merke, dass langsam Wut in ihm hochsteigt. Und erhebe mich von unserem Platz, geselle mich zu ihm. Was darf es sein, schöne Frau?, wendet sie sich umgehend an mich. Gott ist sprachlos. Die zuvorkommende Dame und ich scherzen ein wenig rum, will der Mann auch was?, fragt sie dann ruppig und mustert Gott, als hätte er ihr vor langer Zeit immens Böses angetan. Setz dich doch schon mal, rate ich und schiebe Gott zu unserem Tisch, bevor es zu einer unheilvollen Eruption aufgestauter Wut kommt. Ich besorg uns was zu trinken. Gott kocht. Ich brauch nichts, knurrt er. Und erklärt, als ich mit unseren Getränken zurückkomme, gerade Kleine-Claus, was er im Olymp so Wichtiges treibt. Es ist ein Ringen um die Demokratie, erklärt er Kleine-Claus. Der scheint skeptisch. Ist das nicht schrecklich langweilig?, fragt er. Am liebsten würd ich Gott jetzt einen Whiskey servieren. Einen doppelten.



~


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen