Sonntag, 10. Juli 2016

Das Positive



Heute geht's also nach Paris. Nein, nicht ins Stadion, wir müssen arbeiten -  heute Abend geht's vors TV. Stadion wär auch nichts für mich, so viel Lärm, so viele Menschen, ich würde nix vom Spiel mitbekommen. Letztens im großen Frankreich-Sieges-Freudentaumel sah ich einen Typ im Publikum, der riss die Flagge mittig immer wieder ganz euphorisch in die Höhe. Uih, sagte ich zu Gott, sieht der nicht verdammt ... Hafenarbeiter aus Marseille, sagte Gott. Ich nickte zufrieden. Nun ja - wir müssen arbeiten. Gleich morgens in der Früh staune ich, im Radio spielen sie O-Töne von Passanten ein, nein, ein Großteil der Dahergelaufenen wird das Spiel am Abend nicht schauen, lassen diese über den Äther verlauten. Ich überlege, was die Leidenschaft beim Fan ausmacht? Das habe ich noch nie verstanden. Beim Fußballfan steht also womöglich nicht der Fußball im Vordergrund, who knows. Wir sehen die Sache indes Positiv! Wie heißt es? Allez Les Bleus ! Exakt. Und sonst, wenn ein feines Spiel geboten wird? Dann gewinnt wohl Ronaldo plus Co. Und ja, Ronaldo ist mir während dieser EM irgendwie sympathisch geworden. Man darf sich nicht von Äußerlichkeiten blenden lassen, er hat halt Spass, wenn er Spass hat. Und so gar keinen, wenn's ihm nicht gefällt, Alluren vielleicht, aber es scheint auch äußerst sympathisch. Na gut, sollen die Jungs halt spielen - und zwar schnell, elegant und clever. Das wär's doch. Und bitte keine Anschläge, die braucht man nicht. A propos Finale, heute hätten der Dings und ich Jubiläum. 10-Jähriges! Jawoll, genau vor dem - es war das WM-Finale damals, schrieb er mir zum ersten Mal und er formulierte ungefähr, ich hätte meinen ganz eigenen Kopf, was wohl positiv zu deuten war. Prima! Chinchin, darauf genehmigen wir uns heute ganz allein eine Brause. Ich werde darauf achten, dass auch Poire ihren eigenen Kopf benutzt, sonst hat man ja gleich verloren. Beim Radiohören läuft mir der Chief, der langsam schlechter sieht, zwischen die Beine, wir stürzen beide. Ist aber keinem was passiert, also rappeln wir uns wieder auf, es ist 8.15 Uhr - der Tag kann kommen. Und zwar mit Arbeit. Die ist aber ebenfalls längst nicht so schlimm, wie man glauben könnte. Man muss nur kurz nachdenken, schreiben können ja auch andre, oder nicht? 'Die Schützen sind auch dieses Jahr wieder zum Auftakt der Festlichkeiten alle im Vereinshaus zusammen gekommen.' Eine alljährliche Orgie! Na gut. Nebenbei mach ich was andres. Bücher fotografieren z. B., die ich bei booloo einstellen werde. Da kann man das Porto selbst festlegen, sonst zahlt man am Ende bei den schweren, dicken Klötzen nur drauf. Jedes Buch bekommt eine Chance, in einem halben Jahr können wir dann erneut aussortieren. Momentan läuft der Verkauf eh etwas schleppend. Sommer und Ferien vermiesen das Geschäft, na gut. Aber in ein paar Wochen geht's wieder rund, und dann sind wir gerüstet. Nebenbei schaue ich ebenfalls auf meinen eigenen Text. Zuerst hab ich die Rezis immer vor mich hingeschrieben. Irgendwann schienen sie wichtig, wichtig ist aber immer albern, also sagen wir - bedeutsamer. Als würden sie von jemandem gelesen. Schön! Plötzlich ging der Spaß verloren, ich kündigte das an, niemand nahm mich ernst, das mag ich nicht so gern. Nach Abklärung der Sinnfrage schreiben wir dennoch weiter - der Spass an der Sache ist ja nicht unwichtig. Also? Ich bin gesegnet, ich lege nun meine Rezis immer Gott vor. Ja. Jetzt muss man indes nicht glauben, dass der Kerl bemüht ist, mein Bestreben besser zu werden, aktiv unterstützt. Ich bin ganz gern ehrgeizig. Und Stagnation ist geisttötend! Aber nein, Gott liest nur rasch über den Text und malt irgendwo ein paar Kringel und Schlängelchen hin, die alles Mögliche bedeuten können. Ich rufe ihn also an: Seite 2, was sollen die Kringel, ganz unten? Gott liest vor: "Twists wie Handlung scheinen nicht selten überzeugend unglaubwürdig", zitiert Gott. Wolltest du das wirklich so formulieren? Ich überlege. Das Negative zum Positiven küren. Genial. Perspektivwechsel, vermutlich wollte ich das nicht schreiben. Aber es passt ganz gut, immer das Positive im Auge behalten! Man könnte das auch so für 'Aquarius' übernehmen. Die Serie ist wirklich faszinierend, beständig fragt sich der Zuschauer: Hatten die überhaupt gar keine Vorstellung von dem, was sie machen wollten? Stagnierte der Kommunikationsfluss? Wusste kein Skriptschreiber, was der andre tat? Hatte keiner von denen Zeit oder Lust, ernsthaft zum Thema zu recherchieren? Fehlte das Geld? In keiner Episode fühlt man sich in die 60er versetzt. Und ja - "Twists wie Handlung scheinen nicht selten überzeugend unglaubwürdig."  


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