Dienstag, 5. Juli 2016

Das Meer II


Im Hospital hatte man Samie keine Auskunft über Yanns Zustand geben wollen. Zu spät war ihr eingefallen, dass es sich als sinnvoll hätte herausstellen können, verwandtschaftliche Verhältnisse anzuführen.

Da ihr bis zum Treffen mit David noch Zeit blieb, entschloss sie sich, zu Yanns Appartement zu fahren, das einmal auch ihr Zuhause gewesen war. Im Hausflur fand sie nicht beizeiten den richtigen Schlüssel am Schlüsselbund und schaffte es so nicht rechtzeitig durch die Wohnungstür. "Eine merkwürdige junge Dame war sie", hatte ein Samie unbekannter Nachbar vorschnell und in der Vergangenheit behauptet. "Französin", hatte er festgestellt, wie man heutzutage vielleicht "Asiatin" sagt. Samie war sofort klar, dass Yann ihn nie gevögelt hatte. Wie es ihr denn gehe, wollte der Mann wissen und lehnte sich, wie sich auf einen längeren Plausch einrichtend, ans Treppengeländer. Er habe bereits daran gedacht, ihr Blumen ins Hospital zu bringen - als Geste. Er hatte sich geräuspert und Samie mit unverhohlenem Interesse gemustert. Er wisse nicht einmal - wie solle er das formulieren - ob sie ansprechbar sei. "In der Nacht, als der Notarzt kam", erzählte er, schien alles so dramatisch." Man erzähle sich in der Straße, es sei ein Unfall gewesen, kein Selbstmordversuch. Das war als Frage zu verstehen. Ziemlich gut sah er aus mit seinen wildlederbraunen Augen und der offensichtlichen Lust in seinen Hüften. Typisch für die Küste, früh gealtert, gut erhalten. An einem anderen Tag hätte sein Charme vielleicht einen Reiz ausgeübt, hätte das, was er sagte, wie ein Trost geklungen - nach etwas anderem als Indiskretion. Die einseitige Rede hätte sich zur Unterhaltung entwickeln können. Aber aus unterschiedlichen Gründen fühlte sich Samie zu müde und kraftlos, um ihm mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, als es die Höflichkeit verlangte. Sie hatte sich nur schlecht beherrschen können und gespürt, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. "Sie liegt im Koma", sagte sie, hatte endlich den richtigen Schlüssel zwischen den Fingern und schloss die Tür auf. Es war offensichtlich, dass er ihr Verhalten falsch auslegte. So ließ sie ihn im Hausflur stehen.

In der Wohnung öffnete Samie ein Fenster, aus dem Kühlschrank holte sie sich ein Bier und setzte sich auf das den Wohnraum dominierende Bett. Von hier aus hatte man einen guten Blick auf das Meer, das sich heute an der Oberfläche träge und phlegmatisch gab. Der weiße Streifen davor war der Strand, an dem die schönsten und aufregendsten Tage in Samies Leben, das ihr zuvor trist und ereignislos erschienen war, ein jähes Ende gefunden hatten.

Sollte sich in Yanns Leben seit dem Tage, an dem Samie Ray Charles aufgelegt und die Tür hinter sich zugezogen hatte, etwas grundlegend verändert haben, merkte man das dem Appartement nicht an. Für Dinge wie Einrichtung fehlte Yann der Blick. Und das Temperament, sich mit etwas so Belanglosem wie Behaglichkeit abzugeben. Zwischen Zeitschriften und Büchern, gespülten und benutzten Gläsern, in letzteren wucherte bereits pelziger Schimmel, zwischen achtlos abgelegter Kleidung und einzelnen Schuhen lagen immer noch weiße Flusskiesel verteilt, die sie einst an einem heißen Nachmittag gemeinsam in einem ausgetrockneten Bach gesucht hatten. Dazwischen dunkle Obsidiane, doch der versprochene Zauber, von dem sie geglaubt hatten, er läge von diesem Tag an schützend über ihnen, war ausgeblieben. Auf die magische Macht der Steine vertraute Samie längst nicht mehr.

Damals, früher, da hatten sie ihre Tage am Strand verbracht, für etwas anderes war kaum Zeit geblieben. Alles drehte sich um das Vergnügen, um die Nächte, um das Abenteuer. Die Gedanken kreisten um die Körper, vor allem auch die eigenen. Sie sinnierten über ihren Modezeitschriften, dikutierten Muster und Schnitte und Haarfarben. Ob Samie ein Pony stehen würde, oder Yann sich ihre dunklen Locken blond färben lassen sollte. Ob ein V-Ausschnitt nur den Kurzhalsigen vorbehalten sein sollte, und ob der gerade wieder auflebende Hippie-Style in seinem verblassten Optimismus noch als sexy gelten könne. Ob man mit oder ohne BH das Haus verlassen sollte - und wie überhaupt eine Zukunft entworfen werden könnte. Ständig malten sie sich das Kommende, all das, das sie erwartete, in anderen Farben aus. Das ist noch gar nicht so lange her, vor einer Ewigkeit geschehen, die nicht zur Ruhe kam. Als könnten sie immer noch Pläne schmieden. Doch dann hatten sie sich verschätzt, etwas unter der heißen Sonne in ihrer Trägheit übersehen, das Offensichtliche nicht erkannt. Denn von dem Tag an, als Rafael aufgetaucht war, im Nachhinein ist Samie sich sicher, vom ersten Tag an, hatten die Farben einige ihrer Schattierungen verloren, und dem Geschmack des Lebens war unmerklich das Aroma abhanden gekommen ...



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