Freitag, 1. Juli 2016

Das Meer I



Manchen Menschen, so sagt man, läuft ihr Schicksal voraus. Daher kam der Anruf an diesem Spätsommerabend, als Samie durch eine der Modezeitschriften blätterte, letztlich nicht unerwartet. Nach den vielen Wochen und Monaten, in denen sie zu beschäftigt, zu abgelenkt war, um zu bemerken, dass nichts geschah, verwirrte es sie jedoch, so unvorbereitet Davids Stimme zu hören. Das brachte sie tatsächlich kurz aus der Fassung. Und so klang sie möglicherweise etwas zu reserviert. Abwesend, aber das war einmal der Reiz gewesen, der von ihr ausging. David hatte ihr Verhalten niemals als Herablassung verstanden und insgeheim gehofft, sie überspiele so eine seltsame Unsicherheit.

"Ist alles in Ordnung?", fragte sie und hielt schon Ausschau nach der Flasche Gin. "Störe ich dich?", fragte er, und ohne sich weiter mit Freundlichkeiten aufzuhalten, erzählte er ihr knapp von Yann. Zweifellos verstand sie auch das, was er unerwähnt ließ - zu viel Gin und all das andere Zeug. Dazu die Tabletten. "Ich komme", entschied sie ohne Zögern, ihre Stimme klang indes zerstreut, die Flasche hatte sie endlich neben dem kleinen Tisch im Erker entdeckt.

Doch noch etwas war wichtig, sie saß wieder auf dem Bett, die Flasche geöffnet zwischen den Knien. "Wird sie es überstehen?" Auch diese Frage stellte sie sachlich und dachte an den Tag, an dem sie Yann zum letzten Mal gesehen hatte. Da hatte sie längst begriffen, dass das Glück von kurzer Dauer ist. Und Yann hatte sich schon lange nicht mehr gerührt. Selbst wenn sie sich in einem Café gegenübersaßen, schien Yann vertieft in etwas Entferntes, das den Rhythmus gebrochen hatte, die Launen zerfließen ließ. Und Carl hatte ständig angerufen, und zu ihrem eigenen Besten hatte Samie beschlossen, zu ihm zu fahren. "Ich gehe", hatte sie gesagt. Und Yann, deren Haare noch nass vom Baden waren, räkelte sich in der Mittagssonne, die vor den Fenstern stand. Sie bat Samie noch etwas Blues aufzulegen, etwas Leichtes, das zu der Hitze passte. Samie entschied sich für den frühen Ray Charles. Und noch bevor sich die Nadel knisternd auf die Platte legte, war sie aus der Tür.

"Vielleicht", antwortete er ihr. "Vielleicht wird sie es überleben. Das kommt wohl darauf an."

Sie schwiegen kurz, und plötzlich hatte Samie das sonderbare Verlangen, David in der Leitung zu halten. Etwas Vertrautes hätte sie sagen wollen, etwas Tröstendes hätte er sagen sollen, doch auf die Schnelle kam ihr nichts von Belang in den Sinn. Womöglich spürte er das, er klang angriffslustig oder angespannt und beendete kurz angebunden das Gespräch. Ein Abschiedsbrief zumindest war nicht gefunden worden. Mit dieser Feststellung hatte David nach kurzer Verabschiedung aufgelegt. Und einmal, das war vor gar nicht allzu langer Zeit, hatte er sie bedrängt alles für die Liebe aufzugeben. Für seine Liebe selbstverständlich. Und auch jetzt noch war Samie sich sicher, dass er damit zu weit gegangen war. Insgesamt gesehen, hatte sie eine Menge Zeit damit verbracht, sein anmaßendes Verhalten als Verrücktheit abzutun. Ein ziemlich sinnloser Genuss, fand sie, war die Liebe. Und gefährlich. Die Liebe konnte Schäden anrichten, von denen man sich nie wieder erholte. Ganz gescheit war dieser Amor Samie noch nie vorgekommen. Besser, man behielt ihn im Auge.

Sie trank einen ordentlichen Schluck Gin direkt aus der Flasche und merkte, wie ihr warm wurde. "Bekämpfen Sie negative Schwingungen mit positiver Energie und Sonnenlicht!" Nicht zu vergessen den Gin. Das Leben war insgesamt gesehen so schrecklich berechenbar. 



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