Dienstag, 12. Juli 2016

Antrag



Zweifler haben's nicht leicht. Immer alles in Frage stellen, ist längst nicht so einfach, wie man denken könnte. Kleiner Punk, sagt Gott oft, denn Punks dürfen denken, was sie wollen. Das haben sie sich quasi zum Motto gemacht, auch wenn sie auf Maximen - ähm - scheißen. Warum nicht. Andererseits könnte ja auch immer jemand im Recht sein. Das weiß man oft nicht, Zweifler nehmen zur Kenntnis. Wenn's drauf ankommt, müssen sie selbst entscheiden. Also definitiv nicht Anti-Alles, damit kann ich hervorragend leben. Vivienne Westwood übrigens hat einen ganz netten Mann, den hab ich mal in einer Doku gesehen, der ist wirklich wahnsinnig sympathisch. Und er hat auch nicht ganz so viel dagegen, dass seine Frau, - was war das noch alles? Ich will nichts Falsches behaupten, - aber sie kontrolliert den Wasserverbrauch? Den Toilettenpapierverbrauch, den Stromverbrauch, das vegane Essen usw. Klingt fast wie eine kleine Diktatur? So. Und die schwirrt mir so ungefähr nun ebenfalls durchs Köpfchen, bloß ... Gott ist bestimmt anders drauf als dieser nette Kronthaler von der Westwood. Ich sitze also auf Gottes Schoß und massiere ein wenig die verspannte Nackenmuskulatur. Ein entspannender Einstieg. Wir sollten einige Dinge grundlegend ändern, säusel ich dann. Weil Gott mich inzwischen zu gut kennt, zieht er sich sofort zurück und dabei die Augenbrauen zweifelnd in die Höhe. Exakt der richtige Zeitpunkt, um sich auf eine neue Taktik einzulassen, ich ziehe mich nun ebenfalls zurück, setze mich auf meinen eigenen Stuhl und erkläre ihm, dass ich ja ein großer Zweifler bin. Gott seufzt, das weiß er längst. Aber die Dings, die hatte Krebs, und der Mann von der anderen Dings Rheuma. Und weil Dings 1 eine OP und die Chemo abgelehnt hat und seither, also nach einigen Monaten der Umstellung, trotzdem glücklich und zufrieden ohne Krebs lebt, hat Dings 2 sie nach ihrem Überlebensrezept gefragt. Und es ihr sogleich nachgetan. Und der Mann hat jetzt kaum noch schwere Schübe. Also, er ist nicht geheilt, aber die Lebensqualität für die gesamte Familie hat sich um ein Vielfaches verbessert. Erfolg überzeugt. Wie kommt's?, fragt Gott kurz angebunden und argwöhnisch, wie mir scheint. Das will ich nicht sagen, Gott ist nämlich ebenfalls ein großer Zweifler, zuweilen zweifeln wir lediglich an den unterschiedlichsten Dingen. Das Recht dazu ist? Punk! Doch wenn ich jetzt sage, das steht alles in dem famosen Buch 'Die Krebslüge' wird Gott nur noch argwöhnischer. Ich selbst habe das Buch im Übrigen nicht gelesen, aber was ich inzwischen darüber gehört habe, stehen die Erkenntnisse, die das Buch vermittelt, auch in unseren Wildkräuterbüchern und Ayurveda-Büchern etc. Ganz kurz und damit definitv verfälscht zusammengefasst, läuft es ungefähr darauf hinaus: Kultur ist gefährlich! Nun. Da ich mit derart altbekannten, schwammigen und komplexen Behauptungen Gott nur schwerlich auf meine Seite bekommen werde, setze ich anders an. Also, zuerst verzichten wir auf Obst, beginne ich. Gott nickt. Damit kann ich leben, stimmt er zu, ich kicher. 1 Punkt für mich! Ab jetzt wird's allerdings komplizierter. Ich mache uns morgens so einen leckeren Drink wie den da, sage ich. Gott wiegt den Kopf. Und die Mettbrötchen? Ach, ich seufze, ich selbst liebe Mettbrötchen. Gestrichen, gebe ich kleinlaut zu, das ist reines Gift. Mittags gibt es Rohkost, da packe ich dir immer ein schönes Paket wie es die Japaner machen - wie heißen die Boxes noch? Eine Bento-Box, sagt Gott, ich bestätige. Mit Rohkost?, hakt Gott nach. Auch das bestätige ich. Und abends vorzugsweise eine dünne Gemüsebouillon, oder Reis, gedünstetes Gemüse, plapper ich einfach weiter. Gott denkt über meinen Antrag nach. Das wäre überaus vernünftig, versuche ich ein gesundes Argument anzubringen. Dann spricht Gott: Antrag abgelehnt, verkündet er. Als hätt ich's vorher schon geahnt. Ein ungleiches Duell zwischen Verstand und Lust. Der Verstand hat mal wieder den Kürzeren gezogen. Meine anvisierte Diktatur konnte sich nicht durchsetzen. Immerhin - auf das gute Steak müssen wir nicht verzichten. Aber ich gebe niemals ganz auf: den Wildkräuter-Rote Bete-Drink trinkst du trotzdem, bettle ich, Gott trinkt! Ein erster Schritt.


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