Mittwoch, 22. Juni 2016

True Crime


Was bedeutet schon ein Programm, wenn ich direkt verspreche, dass es anders kommen wird. Und versprochen ist versprochen - und kommt eh immer anders. Das steht mal fest. Und da wir hier ja auf true crime stehen. Echten true crime, sage ich wichtig zu Gott, der ein netter Gott ist. Echten true crime, gibt der sich beeindruckt, und ich ziehe eine Schnute. True crime also, wir verstehen uns, bringt der uns direkt vom anvisierten Kurs ab. True Crime - das echte Verbrechen eben. Allerdings bin ich ja auch ein großer Zweifler und frage mich daher direkt: Wieso true crime? Vermutlich erhofft man sich aus der Lektüre Antworten, die diese allerdings nur selten erbringen kann. Zumindest sollte man vermeintliche Antworten anzweifeln, schließlich wird selbst die beste Recherche durch Autor und Verlag gefiltert. Übermittelt werden vornehmlich Eindrücke, Aussagen und Ermittlungsergebnisse, auch wenn jeder weiß, dass nichts davon eine Wahrheit belegen muss. Gespräche mit den Tätern sind interessant, auch wenn gerade die rasch in die Irre führen. Ich erinnere mich an ein Buch von Jennifer Furio, sie wurde von einem der Täter, mit dem sie Kontakt aufgenommen hatte, immer wieder bedroht. Ihr Text über diesen Mann spiegelte das logischerweise wider. Die große Frage, die sich stellte war dementsprechend, was war vorgefallen? Und wie verzerrt die eigene negative Erfahrung resp. in diesem Fall die Einschüchterungsversuche des Täters die Fakten? Und immer fragen wir uns selbstverständlich: Was belegen Fakten am Ende? Und was machen Fakten zu Fakten? Deutung? 

Die fiktive Aufbereitung scheint oft tiefer zu greifen. Zunächst einmal weil ein guter Autor gut schreiben kann, was man so manch einem true-crime-Autor nicht nachsagen kann. Zudem legt ein guter Autor seinem Werk auch gern gut recherchierte Fakten zugrunde. Hat dabei indes weit mehr Spielraum als derjenige, der dokumentieren möchte, klar. Besonders interessant wird es also, wenn man mehrere Bücher von unterschiedlichen Autoren zu einem Fall liest. Berufen wir uns diesbezüglich mal wieder auf die Bücher über Karla Homolka und Paul Bernardo. Es gibt mehrere Autoren, die sich an diesen Fall gewagt haben, der eine schien ein wenig besessen von Karla. Und etwas enttäuscht, als sie ihre Korrespondenz mit ihm einstellte - ihn abblitzen ließ. Faszination sollte also womöglich kein Kriterium sein. Ebenso wenig wie enttäuschte Hoffnungen. Das andere Buch war recht reißerisch geschrieben. Die Sucht nach Erfolg und Kohle, die Vorstellung, der Text könnte ein Bestseller werden, steht der Idee, dem Eigentlichen auf die Spur zu kommen, also wohl auch im Weg. Dann erinnern wir uns ebenfalls erneut an die Aufbereitung des Falls in einem Peter Robinson-Krimi. Der war relativ nah an den Homolka-Fall angelehnt, der Autor dichtete der Täterin indes eine extrem schwere Kindheit voller Missbrauch und Misshandlungen an. Wäre also Homolkas Jugend derart kompliziert und nicht relativ normal verlaufen, könnte man sie eventuell verstehen? Ihre Taten nachvollziehen? Oder nicht? Der Leser oder Zuschauer ist also vermutlich auf der Suche nach Antworten. Oder schlimmer - er hofft darauf, dass seine oft von der Presse geschürten Vorurteile/Vorverurteilungen Unterfutter bekommen. Bücher wollen verkauft werden. Und nicht die Kritiker, sondern das Publikum bestimmt den Markt. Nun, ein paar Einblicke, ein paar Eindrücke vom echten Verbrechen, dem Täter, den Opfern müssen auf alle Fälle geliefert werden und scheinen aufschlussreich. Anekdoten - wie meine Lieblingsepisode mit Gerald Gallego, der mit seiner Frau Charlene Frauen entführte, missbrauchte und ermordete. Charlene - wie gesagt - hatte ebenfalls keine besonders ruppige Kindheit, sie war hochbegabt und bi, was Gerald, wenn sie ihrem Vergnügen allein nachging, so gar nicht gefiel. Wenn ihnen das Geld ausging, suchte Gerald eine wohlhabende Schwedin auf und erzählt ihr, er sei eigentlich Mafioso, hieße Armondo Galanto und wäre dringend auf Geld angewiesen. Die Schwedin räumte ihr Bankkonto, verkaufte ihren Wagen und das Appartement und ließ Armondo gehen. Mit all ihrem Geld! Darüber kann man nachdenken. Oder über Bernardos Vorliebe für den ziemlich miserablen Film "Criminal Law". Nach diesem wollte er sich offiziell umbenennen, er wollte nämlich endlich wie der Täter heißen: Thiel. Er schrieb den Namen allerdings Teale, vermutlich ein Rechtschreibfehler, der auf nachlässige Recherche zurückzuführen sein mag. Oder die Festnahme von Ramirez, dem Night Stalker, der bei mehreren verzweifelten Versuchen, ein Auto für die Flucht zu stehlen, gleich mehrfach übersehen haben soll, dass der Besitzer unter dem Wagen oder einfach daneben stand. So viel Unaufmerksamkeit ist ihm am Ende schlecht bekommen. Usw. Anekdoten, von denen man gar nicht immer genau weiß, wie groß ihr Wahrheitsgehalt nun sein mag. Und ob man sie glauben würde, wenn sie nicht doch durch die Realität wieder belegbar wären. 

True Crime also. Und da bin ich jetzt zunächst über Aquarius auf  Underbelly, der Trailer will gerade nicht funktionieren - jetzt doch, gestoßen. Als die australische Antwort auf die Sopranos wird die mehrfach ausgezeichnete Serie beworben, erste Schaueindrücke geben noch keinerlei Aufschluss, wie es zu diesem Vergleich kam. Aber abwarten, wer weiß, wie's sich noch entwickelt. Es gibt ja inzwischen auch schon mehrere Prequels etc. Nun, durch Underbelly wiederum bin ich dann auf Bikie Wars gekommen, das finde ich natürlich noch viel interessanter.  Bikie Wars beruht auf einem True-Crime Buch über das sogenannte Milperra Massaker. 1984 haben sich dort am Vatertag einstige Brüder, Bros, die sich entzweit hatten, - einige liefen zu den Bandidos über und gründet somit wohl das erste Chapter in Australien, - eine ordentliche Schießerei geliefert. Bikie Wars erzählt die Hintergründe. Wobei wiederum sehr interessant ist, dass nicht nur die Serie irgendwie misslungen scheint, sondern echte Biker, Caesar Campbell z. B., der das 'Massaker' und noch viel mehr überlebt hat, die gesamte Story, die erzählt wird, für einen Witz halten. Campbell hat daher auch gleich selbst zwei Bücher geschrieben, die die echte Story erzählen. Die möchte man sogleich lesen, auch wenn er direkt im Vorwort erklärt, dass er natürlich nicht alles erzählen kann, sonst würde er ja wieder in den Knast wandern müssen. Auszüge aus seinen Büchern weisen darauf hin, dass Campbell tatsächlich trotz dieses Wissens über Staat und Recht ein ganz eigenes Verständnis von eben diesen hat. Ein Typ aus den guten alten Zeiten - dem Mythos verschrieben, damals - als alles noch schön und richtig war. Und Ehre und der Kodex noch etwas bedeuteten. Auch wenn man so viel verschweigen muss. Leider. Weil der normale Bürger und der Staat es nicht verstehen. Hochinteressant. Man möchte am liebsten gleich selbst recherchieren, nicht wahr?, frage ich Gott und reibe mir die Hände. Lass es, sagt der. Ja gut, ich lass es. Wir haben ja erst letztens die Doku über diesen ganz netten, sprachgewandten und friedliebenden Hells Angels Charter-Boss gesehen. Und irgendwie kam uns das sonderbar vor. Wo die doch alle auch grad so tief im Krieg mit ihren Rivalen stecken sollen. True Crime halt. Was daran bloß die Faszination sein mag. Und wieso daraus bloß so viele mittelmäßige wie miese Serien und Filme entstehen? Vielleicht weil das Böse am Ende doch so banal ist? Der Drehbuchautor überfordert war? Oder durch Produzenten, die einem erwarteten Geschmak gerecht werden wollen, ausgebremst wurde? Das Budget zu klein war? Who knows?



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