Sonntag, 26. Juni 2016

Sonntag


Sonntag ist Familientag. Also setze ich mich gleich morgens hin und beschäftige mich mit all der Bürokratie. Geld eintreiben. Für den Mensch bleibt kaum Zeit, was er wann wieso gemacht hat, scheint wichtiger für die Akten und muss genau belegt werden können. Bis 1 Uhr bin ich fertig, verspreche ich, das wird aber nix. Was gibt's zu essen?, fragt Gott am Mittag. Kühlschrank, sage ich und vertippe mich auf der Rechenmaschine. Alles noch mal ganz von vorn. Noch ein paar Kopien machen, abheften, dann werden die Originale eingetütet, und ich widme mich dem nächsten Fall. Gott, der ein gütiger Gott ist, schmiert Brote - für alle! Wir müssen unbedingt mehr Zeit miteinander verbringen, sage ich zu ihm. Gott dreht sich erstaunt um, er wirkt nicht, als würde auch er dieses Bedürfnis empfinden. Der Mensch kommt viel zu kurz, stelle ich fest. Und. Wo ist eigentlich Poire? Robin erzählt ihr aus seinem Leben, lässt mich Gott wissen. Um des Himmels willen! Er spricht Französisch, präzisiert Gott. Na gut. Poire wird ihn nicht verstehen, die Unterhaltung indes zu schätzen wissen. Mademoiselle hat nämlich ihren gesamten Rhythmus geändert, sie schläft nun jede Nacht durch, schlägt die Augen um Punkt 8.15 Uhr auf und möchte von da an unterhalten werden. Langeweile ist ihr zuwider. Da wird ihr ein Plausch mit Robin sicherlich Freude bereiten. Ich futtere drei Brote und arbeite weiter. Du kennst Lilou noch gar nicht, oder?, frage ich Gott, der bestätigt das. Wir werden das ändern, überlege ich. Sie möchte übrigens Marie genannt werden. Sie findet, ihre Eltern haben einen falschen Namen für sie ausgesucht. Nun ja. Und wir sollten mal wieder was mit Kleine-Claus unternehmen, überlege ich weiter. Vielleicht mal ein großes Familienessen?, werde ich kühn. Gott wiegt den Kopf. Demnächst also. Kaum bin ich fertig mit den ganzen Anträgen und der Belegeinreicherei widme ich mich dem Stapel mit Briefen. Zuerst schreibe ich einem sehr alten Mann in Dänemark. Seine Frau ist letztes Jahr verstorben. Er schreibt: Ich setzte also nach einiger Zeit des Weihnens eine Annonce in verschiedene Zeitungen. Nach zwansig Dumheiten habe ich jetzt eine Freundin bekommen. Sie will nicht Golf lernen. Ich kann also wieder mit dir Golf spielen, wenn Du wieder nach Dänemark komst. Nun, ich habe seine Frau sehr gemocht. Ich war sehr traurig, als ich erfuhr, dass sie gestorben sei. Sie war wie eine Oma. Aber so ist nun mal das Leben, ich schreibe, dass ich mich freue, dass die Zeiten der Dummheiten nun vorbei sind. Und dass wir wieder Golf spielen werden, dass ich auf seine Freundin gespannt bin usw. Wir müssen mal wieder nach Dänemark, sage ich zu Gott. Der seufzt. Dann schreibe ich dem Mann, den ich gar nicht kenne. Er wirkt nicht wie Familie, wie es meine alten Freunde aus Dänemark tun, allerdings ist er Familie. Blut ist dicker usw. Schwierig. Ich halte den Brief kurz, fokussiert und möglichst freundlich. Man hat nur eine Familie. Und ein paar Menschen, die man für Familie hält. Mit dem Alter werden es am Ende oft weniger. Dann schreibe ich noch einer guten Freundin, die durch Scheidung nicht mehr zur Familie gehört. Mit der ich mich indes besser verstehe als mit dem offiziellen Familienmitglied, das sie zunächst zur Familie machte. Um sie sodann ... usw. Familie ist sonderbar. Ich rufe Serge an, der schließlich auch Familie ist. Wir reden ein bisschen, dann gebe ich den Hörer an Poire weiter, die ihrem Vater einiges zu berichten hat. Ich bin bald wieder bei euch, verspricht Serge. Ich glaube ihm nicht. Und etwas später klingelt das Telefon. Mama?, sagt Delphi. Wortwahl wie Intonation lassen darauf schließen, dass es sich um einen Notfall handelt. Ich überlege. Was gibt's?, frage ich in beiläufigem Ton. Alles in Ordnung? Sicher, sagt sie. Ich wollte nur mal fragen, ob's dir gut geht. Ich werfe Gott einen Blick zu. Uns geht's gut, sage ich. Was ist los? Delphi druckst rum, nix, sagt sie. Und dann greift Kleine-Claus ein und tut, was Kindermund tun soll: Opa war da!, ruft er aus dem Hintergrund laut vernehmbar durch den Hörer. Und das? Ist mir zu viel Familie für einen Tag. Ich lege auf. Was ist los?, fragt Gott. Nix, sage ich.



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