Sonntag, 5. Juni 2016

Sonntag


Der Tag könnte nicht besser starten. Der Gärtner kommt, yep, Besichtigungstermin. Wir versuchen's einfach immer wieder. Und dieser kommt tatsächlich, verschafft sich einen ersten Eindruck von unserem völlig verwahrlosten Chaos-Garten und spricht: Das hat schon Stil. Der Garten ist verdammt gemütlich, sagt er. Ich bin überwältigt, der Mann hat ein Gespür fürs Wesentliche. Endlich - die urwüchslerische Perspektive. Ich werfe Gott diesen Blick zu, der besagt: Jetzt hast du's aber auch mal gehört. Vom E-X-P-E-R-T-E-N! Gott seufzt, ihn schien ja nicht mal deine Chaos-Bude zu stören, raunt er mir zu. Genau. Das ist der perfekte Mann für unsere Gärten. Ich hoffe. Dass er wiederkommt! Nach so einem glücklichen Start in den Tag gönnen wir uns ein Käffchen im Dorfcafé. Chief Walks ist es zu warm, er liegt unter dem Brunnen und döst. Poire döst ebenfalls, Gott, der Genießer schlüft seinen zweiten Espresso und goutiert die Sonntagszeitungen. Ich trinke Eis-Mocca und beobachte Menschen. Den Typen, der gerade mit seiner Frau reinkommt z. B., - so einen trifft man in jeder Kneipe, sieht gut aus, sitzt schweigend am Tresen und ... Sieht einfach gut aus. - Sagen sollte er besser nichts, das tut er aber gerade: Und? Wat machste?, fragt er seine Frau. Ich nehme drei Sahneschnitte. Und Zuckerkuchen, antwortet die. Mach du doch, was du willst, sagt er. Gut, auch während dieses Gesprächs sieht er gut aus, bloß ... Ich bin immer dankbar, dass man mit Gott etwas anders kommunizieren kann. Und? Wat machste, frage ich sodann und beug mich zu ihm, Gott wirft mir einen mörderischen Blick zu. Und enthält sich einer Antwort. Dann macht eine größere Motorad-Crew am Café Rast, und ich weiß sofort, noch bevor der eine den Helm vom Kopf gezogen hat: WOW. Beute - direkt vor der Nase. Ich bin hingerissen, ganz ganz früher hätte ich Gott - und machen wir uns nichts vor, der wäre glücklich (gewesen), mich endlich los zu sein - ich hätte ihn umgehend verlassen, um mit diesem Mann - auf dieser Maschine ... Über den Regenbogen usw. Gott, der immer alles mitbekommt, sieht sofort: Der hat jetzt schon eine Wampe, rückt er die Realität ins Bild. Ich schaue noch mal hin. Egal. Gerade drückt der Typ seinen Kopf zwischen die ähm - ins Dekollté seiner Freundin. Die sieht aus wie eine kräftige, vielleicht handballernde ganz junge Adjani. Und weil sie weiß, was sie sich da für ein Sahnestück geangelt hat, ist sie aufmerksam und wirft mir so einen Blick zu. So einen von der mitleidlosen Art, der sagt: Ja, guck nur, alte Oma. Gott lacht vor sich hin, meine Laune ist kurzfristig an einem Tiefpunkt angelangt. Die Welt ist entsetzlich ungerecht. Vor 20 Jahren hätt ich ihn ihr ausgespannt, sage ich missmutig. Heute Abend hätte er nicht mal mehr ihren Namen gewusst. Gott lacht wieder. Als würde er das bezweifeln, er kann auch recht gehässig sein. So wär's aber gewesen, beharre ich. Erfahrung. Und jetzt? Wir sind alt, stelle ich fest. Gott lacht wieder, als hätte er Spaß dabei. Zeit zu gehen. Im Auto erzähle ich ihm von meinem Lieblingsartikel. Beim Aufräumen bin ich auf ihn gestoßen, ich schneide ja alles aus, was mir gefällt. Und sammle es. "Kamikaze-Cocktails" war der Artikel überschrieben. Und es ging? Um eine Jubiläumsfeier eines großen einheimischen Unternehmens. Im feinen Kreise schlürften die aus ganz Europa angereisten, bald umhertorkelnden Gala-Gäste ihre Cocktails. Die nämlich so hochprozentig gemixt waren, dass am Ende Notärzte die Feiernden aus dem Koma ins Leben reanimieren mussten. Schlecht fürs Renommée. Der Unternehmer verklagte die Barkeeper. Ja, früher - da ging's noch so richtig ab. Auf der Gala-Feier. Wie lautete das Urteil?, fragt Gott, denn der Fall ging selbstverständlich vor Gericht. Ich zitiere: "Angesichts der alkoholumnebelten Beweislage einigten sich die streitenden Parteien auf einen Vergleich." Obacht bei den Stimulantien, fasst Gott die Sachlage zusammen. Ich nicke. Die Kamikaze-Jubiläums-Gala, Mann, da wär ich gern gewesen. Müssen wir jetzt wirklich noch in die Pflegeeinrichtung?, fragt mich der Realist neben mir, der die Gegenwart nie aus dem Sinn verliert. Allerdings. Und kein Problem, beiden Patienten geht's den Umständen entsprechend wieder - sehr gut. Ich bin sehr sehr glücklich, die Ärzte können sich die sich so positive entwickelnden Werte nicht erklären. Tja, vielleicht liegt's daran, dass das zwei harte Burschen sind, die da kämpfen. Oder an dem ganzen basischen Zeugs, das ich einschleuse. Oder an dem Homöopathie-Globuli-Krams, der eh nichts bewirkt. Oder - immer direkt das Auge des Sturms anvisieren, dass ich vor dem Urlaub endlich doch noch einen Bestatter und einen Sterbebaum im Wald gefunden habe. Weißt du, sage ich voller Aberglauben, jetzt, da alles geregelt ist, haben wir alle vielleicht einfach noch etwas Zeit. Und dann spielen sie dieses bekloppte Lied im Radio, ich dreh gleich lauter. Gott, dessen Gehörorgane zuweilen extrem empfindlich reagieren, stellt das Radio umgehend aus. Radau, sagt er. Ich stell's aber wieder an, denn: das ist doch unser Lied, verkünde ich. Gott seufzt, ich dachte, unser Lied sei dieses entsetzliche Kinderchorgesinge .... Mit dem Saxophon, ich bestätige das. Wir haben eben zwei Lieder, schwärme ich. Wir sind einfach gesegnet, sage ich voller Überschwang. Wie es die Amerikaner immer sagen, auch wenn keiner genau weiß, wie sie auf diese Idee kommen. Gottes Miene drückt ebenfalls Zweifel aus. Und Leiden. Schweigendes, zweifelndes Leiden. Na gut. Dann stell ich das Radio eben wieder aus. Hallelujah, murmelt Gott.  



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