Freitag, 3. Juni 2016

Geheim



Cool. Aber sinnvoll?
Geheimzahlen, Pins usw. soll man ja besonders schützen. Prägen Sie sich die Zahl gut ein und vernichten sie den Brief umgehend ... usw., so heißt es. Fast wie bei Mission Impossible. Und so ist es dann ja auch, man versteckt den Brief, vergisst, wo, vergisst die Zahl und kommt nicht mehr an sein Konto. Deshalb gehe ich momentan öfter mal zur Bank, lasse meine gesperrte Karte entsperren und - Daumen drücken! - probier gleich wieder 3 Freiversuche. Ich versuch's morgen noch 1 Mal, beteuer ich dann. Und meine drei Fehlversuche werden wieder von einer netten Dame von der Bank zurückgesetzt. Sonst müssen Sie eine neue Pin beantragen, lässt sie mich wissen. Ich weiß. Aber ich kenn die Zahlen ja. Nun, da mir die Zahlensprache generell kaum geläufig ist, habe ich einen Trick erfunden - für meine eigenen Pins. Ich nehme die Zahlen von alten Tb, die stehen ja überall um mich rum, dtv, rororo und darunter eine Zahl. Damit mir böse Einbrecher nicht auf die Schliche kommen, stelle ich das Tb sodann an einen anderen Platz! Nicht direkt neben den Computer. Genial! Jetzt hab ich nur - Ordnung! - so oft umgeräumt, dass das Tb nicht mehr auffindbar ist. Du musst dir die Zahl im Handy abspeichern, erklärt mir der Dings, der cleverer ist als ich. Unter all die Nummern schiebst du eine mit einem Fantasienamen, die letzten Ziffern sind's dann. Genial! Viel genialer als meine Idee. So werd ich es machen, sobald mir die Zahlen wieder eingefallen sind. Hmm. Das Blöde dabei ist, dass die Zahlen - reiner Zufall - etwas mit einem Geburtsdatum von einem Herrn zu tun haben, mit dem ich mal durchgebrannt bin. Hellsichtig war mir plötzlich klar, er ist der einzige Mensch, der mich versteht. Erkenntnis. Am Ende weiß man es besser, es war eine dumme Idee, sagte man sich, ich hätte es wissen müssen, und man kehrt reumütig zurück in den heimischen Hafen. Aber mit seinem Geburtstag hatte die Zahl dennoch etwas zu tun. Genau die Zahlen, nur anders kombiniert. Wie lautet denn das Datum?, fragt Gott, der weise ist. Ich schreibe ihm die Zahlen auf und Gott, der unvorstellbar klug ist, was noch etwas ganz andres als weise ist, überschlägt die Möglichkeiten. Kombinationskunst! Gott seufzt. Während Gott sich als Zahlenkünstler betätigt, blätter ich mich durch die TV-Zeitschrift. Obwohl ich selbst gern Rezis verfasse, auch ganz gern Rezis anderer studiere, ärger ich mich immer wieder über dieselben. Das liegt am Ton, der oft so arrogant Wahrheit verkündet. Bestimmt klingen meine Erkenntnisse ebenfalls so naseweis. Das wär blöd. Man sollte eventuell versuchen, um eine gewisse Glaubwürdigkeit beizubehalten, lediglich Denkanstöße zu geben? Orientierung? Und nicht Experten-Klarsicht kundtun? Auch wenn der gern hinterhergelaufen wird. Schäfchen suchen ihren Schäfer. Bei einem Kinderfilm lautet das Fazit: 'Nur für kleine Damen ansehbar'. Da werd ich sofort stinksauer. Wäre er hier, würde ich den Film umgehend mit Kleine-Claus schauen. Der arme Kerl. Gender-Erziehung. Poire wird einen Kleine-Damen-Film nicht schauen dürfen. A propos Frauenfilme: Happy Valley 2! Ist genial, schon allein die erste Szene .... Grandios fieser Humor. Nun, wie verpacken wir die Erkenntnis jetzt? Woher kommt sie eigentlich? Das Wissen. Nicht, dass wir uns wieder täuschen - wie in der Liebe. Die Erkenntnis als Denkanstoß, zur Orientierung, keine Proklamation, kein Gütesiegel. Happy Valley in der Fortsetzung - von Frauen über Frauen aber nicht nur für Frauen gemacht? Selbst Männern könnte so viel Lady-Power zusagen. Cop-, Familiendrama. Sicher, alles etwas eng und gedrängt, aber das Team hatte vielleicht kein Bloodline-Budget für 13 Folgen mit abgeflacht, ausgerollter Story. Ich blätter weiter durch die Zeitschrift: 'Flachköpfe hauen sich zu Brei. Für Genießer', steht da. Womöglich schreib ich so etwas zuweilen selbst? Wer weiß, doch wird man als Leser nicht umgehend - suspicious? "Dumpfes, testorengetränktes Gekloppe ..." Wann ist ein Rumkeilfilm wertvoll?, frage ich Gott. Sinnsuche. Der kombiniert indes weitere Zahlenfolgen. Ich überlege. Wozu sind Filme eigentlich gut? Bücher. Erwartungshaltung? Mehr als Realität? Unterhaltung. Antworten. Erkenntnis. Letztens erst las ich mich wieder in die Szeneverfolgerei ein - die Linken spähen die Rechten aus und andersrum. Fotos, Adressen, Emailkontrolle usw., man muss mit seinen Geheimzahlen wirklich vorsichtig umgehen, was die Gegenseite in die Finger kriegt, wird veröffentlicht. V-Leute. Blood und Honour,  die Feier von X Jahren Terror als Sommerfest gekleidet, Abknallübungen im Wald. In der Senne bin ich auch mal auf so einen Trupp gestoßen. Die campten da. Und trieben einige Dinge, die ich investigativ nicht weiter verfolgen wollte, da ich mich bei so viel unerwarteter Miliz lieber rasch ins Dickicht zurückzog. Aufregend! Und wenn hinter den Einzelschicksalen, den Lebensläufen all der Bösewichte oft gar nicht mehr steckt als wildes Gekloppe? Einer verfügt über mehr Intellekt, ein anderer weniger. Manche stammen aus gutbürgerlichem Hause, andere stapfen mit steinreichem Hintergrund daher. Rebellion. Die Jungs von der Straße. Und wir möchten wissen, was sie wie auf Abwege trieb. Ob sie trotzdem manchmal sympathisch sind. Physiognomik. Wieso die längst nicht alle so böse aussehen. Hätte man es nicht vorher wissen können. "Auf der Anklagebank sitzt ein schmaler, zurückhaltend wirkender Junge, der sich hinter einer Sonnenbrille und einer Zeitung versteckt usw." Hat er früher mit seinen Geschwistern gespielt, der Mutter Blumen geschenkt, seine Ex-Freundin vermöbelt. Zurück zur Idee. Wer kam wie zu dem Glauben, es gäbe gute Filme? Gute Bücher? Die Industrie? Das Publikum. Die Intellektuellen? Die Kritiker? Die können sogar Trash. Die wissen sogar, wann schlechte Filme wieder gut sind. Das Publikum hat das zuweilen auch drauf. Und zuvor entschieden. Komplexe Sache. Wie im Literaturstudium, man weiß es einfach, was gut ist. Man bekommt Werkzeug und Vokabular an die Hand. Lernt in Denksystemen, aus und über sie hinaus selbständig zu denken. Aber nicht zu viel, dann gibt es schnell einen Rüffel und eine schlechte Note. Oder man ist genial. Wer Schusswaffen, Munition, Bomben, das Auto erfunden hat, war sicherlich genial. Jahre, Jahrhunderte später wird man sie noch bewundern - die Erfinder. Und auch manchmal zweifeln, ob ihre Erfindungen letztlich Gutes vollbracht haben. Ob man es nicht gleich hätte anders angehen können. Was man bauen darf, denken, wissen. Filme und Bücher, Bilder und Wörter können auch wie Sprengstoff sein. Man sollte damit dementsprechend vorsichtiger, auch kühner umgehen, als man denkt. Was wird an Filmakademien gelehrt? Was ist Usus? Wie soll man ihn aufbrechen? Was ist ein guter Film? Und mit welchem Vokabular verkauft man ihn? Wertesysteme. Ich seufze. Menschen, die anderen Menschen Wertvolles verkaufen wollen, bleiben suspekt. Sie irren sich so oft. Und ich merke, ich stecke in einer tiefen Sinnkrise. Was gilt als gut? Wieso erkenne ich das? Was ist richtig?, frage ich Gott. Der deutet mit einer Geste auf ein Buch, vielleicht stehen darin alle Antworten. Eifrig greife zu meiner neuen Brille, es ist keine Lesehilfe, nein, nur eine Brille mit Löchern. Ich habe sie mir gekauft, als ich hörte, dass die Dings, seit sie mit ihrer Lochbrille ihre Augen trainiert, inzwischen gar keine Brille mehr braucht. Ihre Augen sind viel besser geworden, kein weiterer Verlust der Sehkraft. Ich musste das sofort ausprobieren. Wissen! Probe aufs Exempel. Kritiker, ja, Kritiker wissen nämlich, dass so eine Loch- oder Rasterbrille rein gar keinen Wert hat. Das haben sie vermutlich nicht ausprobiert, sondern durch Logik erfasst. Fakt ist indes - Placebo hin oder her! Seither kann ich die Zeitung ohne unterstützende Sehhilfe lesen! Auf eine Sehhilfe, die auf immer höhere Dioptrien zuarbeitet, verzichten. Stattdessen bekomme ich durch Rastermuster vor den Augen einen klareren Blick! Grandios. Endlich wieder lesen. Im Stubenfliegenlook. Gut gegens Altern, wer wusste das? Wer bezweifelt das? Wer hat es ausprobiert? Wer verfügt diesbezüglich über Erkenntnis? Doch bevor ich mich noch in das Buch mit Antworten vertiefen kann, schiebt Gott mir seine Zahlenliste hin, ich begutachte die logischsten Kombis. Oh je. Ich glaube, die 19 aus der Jahreszahl kannst du streichen, sage ich. Ich glaub, die kam nicht in der Geheimzahl vor. Gott wirft mir einen bösen Blick zu. Als hätte ich ihm das vorher sagen sollen.


~


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen