Mittwoch, 15. Juni 2016

Der Feind



Wie jedes Jahr im Juni stehen Gott und ich jeden Morgen auf und werfen zunächst einmal einen verträumten Blick auf den alten Apfelbaum, den der Rambler momentan ganz in Rosenblütentracht, Rosenblütenpracht kleidet. Schön! Schön, nicht wahr?, sage ich dann jeden Morgen und Gott bestätigt das. Er ist ein Mann, oft scheint es für Männer schwierig, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. Damit sich dieser Eindruck nicht verhärtet, wechseln wir zuweilen die Rollen, dann spricht Gott zuerst und er sagt: Schön, nicht wahr?. Ich bestätige das dann. Meinst du, ich kann dich retten?, frage ich Gott sodann und ohne Vorwarnung. Der schaut sich um, als würde er den Feind bereits hinterm Gartenzaun erwarten. Gibt es denn ..., fragt er. Eine akute Gefahrenlage?, ich überlege. Nicht, dass ich wüsste. Einfach so, sage ich. Vor was willst du mich retten?, fragt Gott dementsprechend klug, ich zucke die Achseln. Einfach so. Nein, sagt Gott und wiegt den Kopf. Du nicht, sagt er, ich glaube, du nicht. Ich seufze. Wir werden sehen, gebe ich mich noch nicht geschlagen. Man weiß nie. Zunächst einmal kämpfe ich allerdings gegen meinen eigenen größten Feind. Den Scheiß-Trigeminus. Wenn man sich mal seinen Verlauf anschaut, hier z. B., versteht man rasch, dass der einem ganz schön zusetzen kann. Um seinem Wüten entgegenzuwirken, gibt es allerdings einige Mittelchen. Irgendetwas gegen Epilepsie - allerdings bin ich persönlich ja gegen Medikamente. Im schlimmsten Fall kann man Botox spritzen, nach dem kompromisslosen Motto: Was einen zerstört - wird einfach lahmgelegt. Easy. Allerdings auch die krasseste Endlösung. Versuchen wir es zunächst weiter mit etwas weniger radikalen Mitteln. Es ist erstaunlich und viele werden es für albern halten, doch Atmen und Mantras Singen hilft ganz außerordentlich gut. Das liegt vermutlich an der Tiefenentspannung, wenn man sehr bewusst tief atmet, und an der unendlichen Wiederholung der Vokale in den Mantras, doch doch. Dann kommen wir erneut auf die uralte Idee zurück, dass saure Milieus schädlich sein könnten, verzichten wir also ganz simpel ein wenig auf die letzten Quellen von Zucker, Fleisch usw. Funktioniert immer noch nicht? Okay, ich suche eine interessante Dame mit feuerrotem Haar auf, die so eine Art Gesundheits-Coaching betreibt. Wir überspringen den Teil, in dem sie mir verklickert, der Schmerz sei ein Teil von mir - nicht der Feind. Die Theorie ist alt und bleibt simpel. Der Trigeminus - mein Freund. Herzlich begrüße ich den Schmerz, nehme ihn liebevoll in die Arme - okay. Weiter? Bei Ihnen beschränkt sich der Schmerz auf die rechte Seite, stellt die Dame mit dem roten Haar fest. Jetzt folgt also diese Leier, ja, als Therapeut hat man es mit mir nicht leicht, als Besserwisserin, die ich bin, die sich zudem noch ein wenig mit der Materie auskennt, kann man mich nur schwerlich überraschen. Die Männer, sage ich also seufzend. Die Dame mit den roten Haaren runzelt die Stirn. Sie sind aber auch vom Fach, murmelt sie. Da man niemals die gesamte Wahrheit preisgeben soll, zucke ich lapidar die Achseln. Es ist allerdings auch ein altbekannter Hut, wer nur einseitige Schmerzen hat, weiß - rechts sitzen die Männer, links die Frauen. Die Frage ist zu einfach gestellt, fährt die Dame mit den roten Haaren fort, aber was stört Sie nun an den Männern? Das wäre ein Ansatz. Gut. Mal überlegen. Die vielen Rumlaberer, ihre unvorstellbare, nicht nachvollziehbare Arroganz, die nette und lieben Langweiler, die vielen Lügner und Betrüger? Die Vergewaltiger, die Rumprügler? Die Amokläufer? All ihre irren Macht-Phantasien? Ich weiß es nicht, ich zucke die Achseln. Nichts, sage ich. Wir lachen. Daheim betrachte ich Gott. Gut, er ist ein Gott, aber er ist auch ein Mann. Und er ist also Schuld an meinen Trigeminusschmerzen. An der ganzen Misere. Das klingt sonderbar, aber Logik und altes Wissen stimmen oft lediglich auf den ersten Blick nicht überein. Was meinst du?, frage ich Gott, was hast du mir angetan? Gott, der oft gar nicht hinhört, wenn ich vor mich hinplapper, schaut überrascht auf. Ich?, fragt er, er nimmt die Frage persönlich. Vermutlich war sie falsch kommuniziert. Wir müssen etwas gegen meinen Trigeminus tun, sage ich. Die Männer sind Schuld. Das scheint Gott zu überraschen. Der alte Eso-krams, sagt er. Damit kommt man bei mir aber nicht weit, das ist kein Eso-Krams, das ist uraltes Wissen der Weisen. Gott scheint klein beizugeben, kaum hat er die Sachlage erfasst, denkt er nach. Wir grübeln. Viel los, momentan, sage ich. Abgestochene Polizisten, überall wie ferngesteuerte Hools, Massaker in Clubs. Terroristen. Überall Männer, denen man nicht begegnen möchte. Alle in einem Alter. Egal, welcher Gruppierung sie sich anschließen, es geht immer um Gewalt. Und Macht. Demonstration von Macht. Da Gott und ich dieses Phänomen, das sich nun seit Jahrtausenden durch die Geschichte zieht, nicht verstehen, schauen wir aufklärende Filme. Zunächst noch einmal meinen alten Lieblingsfilm. Man kann ihn so oft schauen, wie man will, vor allem der dicke Ältere, den man direkt am Anfang sieht, ist interessant, man weiß am Ende einfach nicht, wieso er's tut. Wieso sie's tun. Sie tun's halt. Gewalt. Eine Anlage. Und eine Athmo. Nähern wir uns dem Phänomen weiter. Der hier ist auch ziemlich gut. Und dann noch unseren Freund? Der so nett ausschaut. Schön, sage ich zu Gott. Das erhellende, aufklärende Moment fehlt noch. Was also wollen wir jetzt tun? Gott weiß es auch nicht, lieber schauen wir Fußball. Ich beschließe nach Island auszuwandern. Eine kleine Fischerhütte für den Sommer, im Winter ans Cap nach Frankreich. So gut wie keine Menschen weit und breit, wen man trifft, der ist entspannt, ein Einsiedler. Nachdem wir Islandfans geworden sind, endlich mal ein spannendes Spiel gesehen haben, forschen wir weiter nach dem Feind. Es gibt auch nette Männer, behauptet Gott völlig unerwartet. Das verwirrt mich derart, dass ich schweige. Wen?, frage ich dann interessiert. Gott hebt die Augenbrauen nach dem Motto: Solltest du darauf nicht selbst kommen? Oder aber: Wie dämlich bist du eigentlich. Ach so, klar. Ich nicke. Du bist eine Ausnahme, seufze ich. Nicht selten wild und wütend tobend - wie ein echter Gott eben. Dabei immer gerecht. Weise und handlungsfreudig, ich zucke die Achseln. So kommen wir ja nicht weiter. Ich rufe den Doc an. Trigeminus, sage ich. Schon wieder?, sagt der. Ich lasse dich durchlaufen. Die Computer arbeiten, wir warten auf den Rückruf. Und dann ruft der Doc sogar ziemlich bald zurück und hat die Lösung: Mandelmus! Mandelmus ist die Lösung? Sind es doch nicht die Männer? Vitamin E, sagt der Doc. Der Scan zeigt Vitamin E an. Das kann man aber nicht einfach so schlucken, da braucht man eine Menge weiterer Pro- und Antagonisten. Am besten eben Mandeln. Also. Die Lösung kann so simpel sein, was mit den Männern los ist, wissen wir immer noch nicht. Aber dem Trigeminus, dem setzen wir jetzt ordentlich zu! Der wird's noch bereuen. Sich mit mir angelegt zu haben. So!





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