Donnerstag, 9. Juni 2016

Das Wetter


'Den Körper eines Gottes haben', steht in den Suchbegriffen, erst kicher ich noch, dann werde ich neugierig, Gott will doch niemals mit auf ein Foto. Wie also gelangt man über diesen famosen Suchbegriff auf eben diesem blog? Meine Recherchen verlaufen sich leider ins Nirgendwo. Schade, ich gehe rüber in die Küche, dort sitzt er ja - Henry Gott, im Körper eines Gottes. Und nicht nur das, er ist auch mit der Götter größten Tugenden ausgestattet. Was hab ich für ein Glück! Widmen wir uns den ersten Dingen Lebens. Zuerst schiebe ich ihm den Wagenschlüssel rüber, Gottes kleiner Flitzer ist nämlich in der Werkstatt, also leihe ich ihm meinen alten Dédé. Dann zeig ich ihm ein Foto von einem Typen, wie findest du den?, frag ich. Chicer Typ, sieht sehr gut aus, nickt Gott fast ein wenig beeindruckt. Von wann ist das? 1950?, ich weiß es nicht, ich zucke die Achseln. Er hat auf seine Frau und seine Töchter geschossen, sage ich nachdenklich und betrachte sein Foto. Der schöne Mann ist quasi Familie. Hättest du geahnt, dass das Böse in ihm lauert?, frage ich. Aber Gott muss los und ich auch. Ich stelle das Foto von dem Geächteten, niemand weiß genau, wie es dazumal zu diesem tragischen Ereignis kam, auf die Kommode. Er sieht verdammt gut aus. Und war sehr böse. Oder krank. Oder verzweifelt oder ... Man hat immer eine Wahl, sage ich naseweis zu seinem Foto und mache mich ebenfalls auf den Weg. Wichtige Dinge erledigen. Viele wichtige Dinge erledige ich indes nicht, denn schon nach einer guten Stunde dingelt mein Handy, ich erkenn das immer nicht, da ich das Handy ja nie benutze. Da kaum jemand die Nummer kennt, muss es dringend sein. Und in der Tat ist Gott am Apparat und er sagt: Kannst du kommen? Der Wagen ist kaputt. Ich bin mit dem großen Schlachtschiff unterwegs, das Serge uns gekauft hat, und Gott hat nach nur einer Stunde meinen alten, den zuverlässigen, besten aller besten Dédés geschrottet? Ich fahre umgehend zu den beiden und Gott und ich maulen uns an. Nach einer ersten Inspektion meinerseits macht es den Eindruck, als habe Gott den Schaltknüppel quasi herausgerissen. Der hängt ja völlig schief im Nichts. Die alte Schrottkarre, erwidert Gott - so also klingt Dankbarkeit. Hast du die Gänge nicht reinbekommen?, maule ich. Zu blöd zum Schalten, mault Gott, der sich wirklich etwas kleinlauter geben sollte. Der Wagen fuhr wunderbar, sagt er, ich nicke, das tut er nämlich. TAT er nämlich. Und dann plötzlich, DAS, sagt Gott. Mir ist irgendwie übel. Ich rufe bei der Werkstatt an, damit die den Wagen holen, wir verstecken den Schlüssel vorne auf dem Reifen - wie jeder es tut. Mir ist wirklich übel, das lasse ich Gott wissen. Fahr du, dann ruhe ich mich aus. Gott betrachtet mich, das ist das Wetter, sagt er, ich nicke. Die Schwüle verträgt kaum einer, klar. Hast du noch Termine?, fragt er dann, sonst könnte ich dich doch eben zu hause absetzen und den Wagen ... Meinen zweiten Wagen schrotten?, frage ich, Gott wirft mir einen bösen Blick zu. Aber mir ist übel, okay, fahr mich nach Hause, stimme ich zu. Und kaum setzt Gott mich vor der Tür ab, taucht die Dings auf. Mir ist inzwischen eiskalt und übel und ich mache sofort diese Hugh-Grant-Geste, die da heißt: Jetzt nicht. Oder es gibt was auf die Mappe. Ist alles in Ordnung?, fragt sie trotzdem wagemutig. Bestens, sag ich. Das Wetter verträgt keiner, sagt sie, ich marschiere an ihr vorbei durch die Haustür direkt bis aufs Sofa. Dort liege ich eine Weile, bis Robin sich erbarmt. Geht es dir nicht gut?, fragt er, der nicht mehr mit mir spricht, weil er denkt, ich müsste mich bei ihm entschuldigen. Es ist nur das Wetter, sage ich, ich kümmer mich gleich um Poire. Robin seufzt. Und dann macht Papa Robin mir einen Tee und schneidet mir ein Äpfelchen in kleine Stücke. Wenn er sich bei mir entschuldigen müsste, hätt ich die Entschuldigung womöglich angenommen. Mit meiner letzten Kraft und seiner Unterstützung versorgen wir sodann gemeinsam Poire und ich verschwinde mit der Kleinen nach oben in die Koje. Wo ich eine ganze Weile ein Nickerchen halte. Schweißgebadet wache ich auf, jemand müsste sich um Poire kümmern. Und um mich bitte ebenfalls. Ich sollte etwas trinken, den Kreislauf in Gang bekommen. Dinge tun. Und niemand ist da und hilft mir. Serge ist nie da, denke ich ärgerlich. Aber wenn er da wäre ..., überlege ich. Eigentlich ist Serge ein prima Kerl, sage ich zu Poire in den dunklen Raum. Darüber sollten wir ein anderes Mal debattieren, antwortet Gott aus der Dunkelheit. UIi, Gott ist also bei mir. Poire und ich sind gar nicht allein. Was machst du da?, frage ich. Ich sitze auf dem Sessel, sagt Gott. Ich wollte nach dir und Poire schauen, du hast so seltsam geatmet. Geatmet?, frage ich spitz. Geseufzt, sagt Gott. Und irgendwas hast du auch gesagt, ich dachte erst, du sprächest mit mir. Ich verstehe. Sprichst du denn keine Traumlandsprache?, frage ich. Natürlich, behauptet Gott. Die spricht jeder. Aber man erinnert sich nur an sie, wenn man gerade vor Ort ist. Okay. Vielleicht macht das Sinn. Kommst du zu mir?, frage ich. Hat Poire Hunger? Gott zuckt die Achseln. Das Goldkind schläft zufrieden, ich habe Glück. Doppelt Glück, denn Gott setzt sich tatsächlich an mein Bett. Meinst du, es ist wirklich das Wetter?, frage ich dann. Bist du wieder schwanger?, fragt Gott ernst. Unsinn, sage ich. So fing es mit Poire auch an, erinnert er. Es ist das Wetter, sage ich. Gott fühlt an meiner Stirn, du glühst, sagt er. Fieber. Dann handelt es sich womöglich doch um das hinterhältige KKO-Virus, stellt er fest. Das KKO-Virus? Gott seufzt. Das Komplette-Knock-Out-Virus. Exakt so fühle ich mich! Normalerweise erkranken nur freche vorlaute Mädchen daran, behauptet Gott. Quatsch, werfe ich ein. Genau, sagt Gott, kleine Besserwisserinnen ebenfalls. Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate?, stelle ich eine eminent wichtige Frage. Null, sagt Gott. Es ist nur wie ein Schuss vor den Bug. Ich nicke. Complete Knock Out, ein ordentlicher Schuss vor den Bug. Wie konnte es mich treffen?, will ich sodann wissen. Gott zuckt die Achseln. Das müssen wir einen Experten fragen, stellt er fest. Aber, sagt er wichtig, am Sonntag wolltest du noch mit einem 20-jährigen Hohlkopf durchbrennen, erinnert er mich. Ich erkenne keinerlei Zusammenhang zwischen dieser schweren Freche-Mädchenkrankheit und meinen spontanen Ideen. Da wusste ich ja auch noch nicht, dass mich das mörderische KKO-Virus treffen würde, antworte ich ärgerlich. Wie aus heiterem Himmel, als würde einen der Tod zu einem Tänzchen auf seiner Schippe einladen. Ich halte Gottes Hand. Sofort geht es mir besser. Hast du die Kontaktanzeigen gelesen?, frage ich. Aber da ich weiß, dass Gott die Kontaktanzeigen, die Rubrik 'Er sucht Sie' niemals studiert, fahre ich fort: 'Attraktiver 3-Jähriger sucht nette Sie (bis 45) für gemeinsame usw.' , stand da gedruckt. Gott schüttelt den Kopf, bis wir Poire verkuppeln, warten wir noch, sagt er. Und dann steht er auf und geht. Aber er wird gleich wiederkommen, er holt nur ein Fieberthermometer und frischen Tee. Was hab ich für ein Glück! Trotz des KKO-Virus.


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