Donnerstag, 30. Juni 2016

Ach ja


Der Ingeborg-Bachmann-Preis läuft wieder. Es gab eine Zeit, da war ich fasziniert vom Lese-Interpretationsspektakel. Inhaltsschwere Texte, Literatur. Und viel spannender noch: die an der Kunst ringenden Kritiker-Debatten. Ich mochte einen ganz besonders gern, ein dicker Mann mit Brille - wie hieß der noch? Was immer er sagte, ich fand das gut, der Mann konnte formulieren. Ich glaubte ihm kein Wort. Vielmehr beschloss ich, wie ich es so gern tu - das mach ich auch. Ich konfrontierte den Monsieur mit meiner neuen Idee. Er schien skeptisch. Dann kamen auch mir erste Zweifel - klar. Man muss sich anmelden, hinfahren, irgendwas anziehen, warten. Man ist nervös, wird nervöser - all die vielen Menschen. Monsieur brachte noch einen anderen Zweifel an: Du müsstest zunächst etwas schreiben, gab er zu bedenken. Ach ja! Doch wie hier ja jeder weiß, ist das schnell getan. Ich setzte mich an den Tisch und brachte flugs eine Menge Unsinn zu Papier. Situationen ohne Anfang und Ende, Sprache, die möglichst verschachtelt ist. Der nicht erdachten Idee hinterherpirscht. Monsieur war ein netter Monsieur, er las die Texte, die Zweifel am Vorhaben verdichteten sich. Ich vergaß das Unternehmen wieder. Was für ein Glück! Doch selbstverständlich hat niemand die Texte jemals ins Altpapier geworfen, nein. Zeitlich passend wurden sie mir nun feierlich überreicht. Abgestaubt. In einer Mappe. Mit einem Grinsen. Schön! Was gab's damals zu notieren? Text 1:

Komm, sagt er, gehen wir ein Stück.
Unentschlossen bleibt sie an das Auto gelehnt stehen, doch er sieht bereits, wie sie an seiner Seite geht, seine Hand hält, ihn küssen wird. Er entfernt sich ein paar Schritte, ohne ihre Augen aus dem Blick zu verlieren. Er verlängert das feine Band der Vertraulichkeiten, er lockt mit einem Augenaufschlag. Und sie kommt ihm nach - sehr ernst. Und widerwillig. Schattierungen von Widerspruch auf ihren vorgeschobenen Lippen, an denen wie geistesabwesend etwas nagt, das gesagt werden könnte. All die Missverständnisse und Heimlichkeiten, die hinter den aufreizend gesenkten Lidern unter Verschluss gehalten werden. Wie gern er das alles beiseite schieben würde, überfluten mit seinen Gefühlen, durchdringen - die eigene Ratlosigkeit.
Sie spazieren um den See, das trübe Januarwetter zieht sich vor ihnen zurück. Der Nebel steigt, das Grau variiert in ein unklares Hell. Irgendwo scheint die Sonne direkt über ihnen.
Im Café sitzen sie dicht beieinander, langsam, entschieden weiß er ihren Widerstand zu brechen. Alles ist möglich, sagt er zu ihren gefalteten Händen vor ihm auf dem Tisch. Er hält den Kopf gesenkt, sein beschwörender Tonfall ist nur eine Andeutung von dem Flehen, das er sich für später vorbehält. Er muss das wenige, das ihm an Überzeugungskraft zur Verfügung steht, bedacht dosieren.
Jedes Lächeln auf ihren Lippen erleichtert ihn, jede Frage, jeder Widerspruch beruhigt, beschwichtigt das Vermiedene. Dann fasst er sich ein Herz, er zahlt und sie verlassen den Raum in einer Umarmung, die bei keinem Betrachter einen Zweifel zulässt, wohin sie gehen. Und was sie dort tun werden.

Es waren nur wenige Tage, die sie zusammen verbrachten. Ganze Tage, glückliche Tage mit vierundzwanzig Stunden, die er ihrem Leben abringen konnte. Kostbaren Nächten - hinlänglich genutzt. Nicht enden wollend in der Erinnerung. Nachträglich er wünschte, er könnte ihnen einen anderen Geschmack geben, eine vollendetere Gestaltung aufdrängen, sie mit Sinn anfüllen. Ihnen nachschenken - den verlorenen Stunden. Denn auf diese folgten nur flüchtige Verabredungen, nichts als kurze Nächte, vertaumelter Schwips von Ekstase. Bestätigung von Gefühl, der Einheit, der Lust, die immer weniger unzertrennlich schien. 

Er hängt all dem nach, spielt das Vergangene durch, verarbeitet, wartet, dass er die Kurve kriegt. Schritt für Schritt über den Berg. Fiebert nach Leichtsinn, giert nach dem Neuen, verliert sich tief im Immer Wieder Noch Einmal. Und erst wenn das Telefon klingelt, wenn sie ihn fragt, ob er noch ein letztes Mal Zeit hat, ob er sie sehen will, entspannt sich der starrsinnige Geist, der unbelehrbare Körper. Dann springt er unter die eiskalte Dusche, seift sich ab, rubbelt die pulsierende Haut mit einem Handtuch trocken. Er ist lebendig, voller Energie. Und hat noch so viel vor.

Ich weiß. Grandios! Möchtest du gleich noch eine lesen?, frage ich Gott. Och ...., sagt der. 
Okay, lieber ein andres mal? Vermutlich, antwortet Gott. Ach ja. 



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