Freitag, 20. Mai 2016

Traurig


Ich sitze am Tisch und bin unglücklich. Serge steht in der Küche und ist wütend, Gott sitzt mir gegenüber und denkt. Ein paar Tränen kullern langsam über meine Wangen. Es ist nicht so ein unkontrollierter Heulanfall, bei dem man mit verquollenen Augen schnieft und nach Luft japst. Nein, es ist Zeugnis einer stilvoll disziplinierten, nichtsdestotrotz tief empfundenen Traurigkeit. (Drehten wir hier gerade eine Filmszene, wäre es ein Moment voller intensiver Emotionen.) Ein schweigender Moment, den Serge dann unterbricht. Gib mir die Dokumente, ich bring sie vorbei und kläre die Sachlage vor Ort, schlägt er vor. (Jetzt also schwenkt die Handlung in Action über.) Ich wische mit einer schwerfälligen Bewegung der Hand eine Träne fort, Gewalt ist keine Lösung, sage ich bedauernd. Und Robin, der wieder bei uns ist, kommt mit seinem Rollstuhl ins Zimmer gerollt und lacht. Ja, er kam nicht mit ans Cap, weil es eine kleine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen uns gab - auf der Hinfahrt schon. Ich weiß, Gewalt gegen Behinderte ist eine schlimme Sache, aber Robin hatte einen schweren Rückfall, als er wieder daheim in Touquet war. Ich war schrecklich enttäuscht, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden kann. (Behindertendrama) Jetzt bin ich wieder an jemanden geraten, der denkt, ich sei bescheuert und er könne mich übers Ohr hauen, sage ich und schniefe. Gott schüttelt den Kopf. Das tun sie vermutlich gar nicht, sagt er. Viele halten sich nur selbst für so clever und toll ..., wir seufzen. Ich lasse noch ein paar Tränen freien Lauf, dann schaue ich als unemanzipierte Frau und kleines Mädchen, als das Kind, das in uns allen steckt, aber so oft verleugnet wird, die Männer erwartungsvoll an, ich brauche nämlich? Eine Lösung. Heul nicht Schisser, lass es dir nicht gefallen, hat der Opa immer gesagt. (Familien-, Emazipationsdrama.) Und genau das hab ich jetzt auch vor. Gott, der Gott ist, weil er ein weiser Gott ist, hat eine Idee. Er steht auf und bringt mir das Telefon, ruf diesen Mann an, sagt er und deutet auf eine Nummer. Der kam dir doch sonderbar vor, sage ich nachdenklich. Aber er arbeitet schnell und zuverlässig, sagt Gott. Effizient. Das stimmt, ich tue also, wie geheißen. Und dann bespreche ich mit dem Mann, den Gott als clevere Hilfestellung und Rückendeckung erkoren hat, ob er sich die Unterlagen anschaut. Sicher, sagt der. Sollte es im Zweifel justitiabel werden (bloß nicht! Justizthriller!), mach ich das ja eh. Er stellt mir eine Liste auf, was ich zur Prüfung bei ihm vorbeibringen muss. Er stellt mir eine Liste auf, wie ich vorgehen soll. Und was ich sagen darf. Fernmündlich nämlich nichts mehr. Ab jetzt wird alles dokumentiert. Ich lege auf und laufe rasch los, einen großen Ordner suchen. Dort wird ab jetzt jede Korrespondenz und Buchung protokolliert werden. In doppelter Ausführung, damit der zügig und zuverlässig arbeitende Mann - wie auch ich - immer auf dem Laufenden bleiben. (Gerechtigkeits-Aktivistendrama) Meint ihr, wir kriegen das in den Griff?, frage ich, während ich geschäftig Akten sortiere. Natürlich, sagen die Männer - wie mit einer Stimme. (Ein noch offenes, indes optimistisch stimmendes, vorläufiges Ende) Prima.



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