Freitag, 13. Mai 2016

Leisure



Nachdem wir wieder festgestellt haben, dass Städte nichts für uns sind, denke ich, wie ich es gern tue, darüber nach. Die Stadt ist chic, man kann shoppen, Museen und sonstige kulturelle Ereignisse goutieren usw. Aber mit meinem Sinn für Orientierung verlaufe ich mich ständig. Und es wäre möglich, dass mein Gemüt zu dieser neuen Erfindung der Experten tendiert und ich zu den Hypersensiblen gehöre. Serge geht in die Stadt und macht sein Ding. Gott flaniert gern in der Stadt und geht gezielt auf das zu, was ihn interessiert. Ich flaniere ebenfalls durch die Stadt, aber ich seh und höre  dabei recht viel. All die vielen Polizeieinsätze, die hübschen Polizisten, die scharfen Kriminellen, man weiß nie, wer am Ende mehr auf dem Kerbholz hat. Die vielen eingeschlagenen Autofenster, ich frage mich, ob das Krawallmacher waren, oder ob da jemand eine Rechnung begleichen wollte. Die Kleidung, die die Leute hier tragen, solche Schuhe brauch ich auch. Was die Menschen im Café trinken. Mittags schon! Der Lärm, die vielen Gerüche, denen man nachschnuppern muss usw. Dann die vielen Straßenmusiker und - wie sagt man - Berber. Einer erleichtert sich gerade vor mir in einer Gasse, seine Freundin wartet. Beide scheinen recht angetrunken. Oder mit sonstigen Substanzen für die Nacht gerüstet. Ich habe das ja auch eine ganze Zeit gemacht. Aber mein begabter Musiker war nicht standardknülle. Und weil ich der Meinung bin, dass ich zuweilen eh schon bekloppt genug bin, habe ich stets meine Finger von den Drogen gelassen. Doch. Man findet auf der Straße rasch viele Freunde, auch wenn man neu in der Stadt ist. Wer dich nicht beklaut, weil er ein Arsch ist, weil er sicherlich auch ein Arsch wäre, wenn er Geld hätte, nimmt dich freundlich auf. Alle sind solidarisch miteinander. Tatsächlich miteinander, anders wird's auch schwierig. Trotzdem - die große Freiheit ist es selten. Und wir hatten damals Glück, der Monsieur war sehr begabt mit seiner Gitarre und seiner Flöte, es gab fast immer Futter. Und er sah gut aus, ein Mann der Flöte spielt, muss unbedingt gut aussehen, das versteht sich. Und ich sah damals auch noch gut aus, ich bekam tatsächlich Geld dafür, dass ich mich mit Herren fotografieren ließ. Angezogen, versteht sich. Einfach so. Ist das pervers? Städte, ein einziger Sündenpfuhl. Also vite vite - schnell weg. Ab nach Deauville - Heimat. Meer! Aber alles ist viel mondäner als ich es in Erinnerung habe. Damals in Deauville - vor vielen vielen Jahren - liebte ich ja einen Mann von der Müllabfuhr. Und das Seebad. Vielleicht hat man auf der Durchreise einen anderen Blick? Ich schmiede dennoch Pläne. Zu meinem 50. Geburtstag, ja, das dauert noch ein kleines Weilchen, fahren wir nach Deauville. Gott, Serge, Poire,
der Chief und ich spazieren am Strand entlang. Wir gehen essen, schlürfen Champagner. Das wird teuer - zu Weihnachten, sagt Gott. Ich nicke, ein paar Jahre kannst du noch sparen, rate ich. Wir bleiben über Silvester. Und gehen ins Casino. Hauen die Kohle auf den Kopf! Gott seufzt. Immerhin - du musst mich nicht reinschmuggeln, ich bin dann vollständig volljährig. Gott ist im Vorteil. Verglichen mit dem Philosophen. Denn es gab nicht nur den Müllmann, es gab noch den netten Philosophen, der mich ins Casino schmuggelte. Ich war jung und er ein sehr kluger Kopf, nett auch. Aber ich hatte damals bereits Bedenken, was diesen ganzen Betrieb angeht. Ein Philosoph! Ob der zu was taugt? Zu was? Welche Erkenntnisse befähigen in zu welchen bedeutsamen Gedanken? Und egal wie sozial und links sie sich geben, immer ist da diese unterschwellige Arroganz. Woher kommt die bloß? Stets! Bei der selbsterklärten Intelligentia? Der Müllmann gefiel mir am Ende einfach besser, klar. Wie der Philosoph diese Entscheidung verkraftet hat? Ich bin mir nicht sicher, aber ganz bestimmt ist sein Ego auch in der Niederlage stets gewachsen. War ja alles meine Schuld. Logisch. Sie war zu jung und zu ungebildet, wird er sich gesagt haben. Nun. Flanieren wir also durch Deauville, über die Strandpromenade, laufen durch Nebel zum Wasser, weil die Temperatur recht hoch, das Meer noch kalt ist. Futtern zwischen Millionären und Touristen. Die Sasion hat gerade erst begonnen. Aber morgen geht's endlich nach LT, sage ich. Auch das ist ein Seebad. Mondän. Für die Pariser erschaffen. Aber irgendwie völlig ohne das Ego von Deauville. Längst nicht so blasiert prätentiös. Darüber denke ich nach. Mondän, Seebäder, Geld. Darstellung und Selbstbild. Was meinst du, frage ich Gott, wieso hab ich mich so in Touquet verliebt. Und nicht Deauville, nickt Gott, der immer alles weiß. Weil dort - im Gegensatz zu hier - alles leicht und locker scheint. Selbst die Metzger scheinen mit den Millionären auf Du und Du. Die Austernverkäufer tanzen auf der Straße, die Marktleute erkennen dich sofort wieder. Die Damen im Café servieren umgehend das Lieblingsgetränk. Und setzen sich im Zweifel zu dir und plaudern. Ich nicke. So ist tatsächlich der Eindruck, als käme man nach Hause. Morgen sind wir endlich wieder da, sage ich. Leisure City, sagt Gott. Und reibt sich die Hände.



~


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen