Donnerstag, 21. April 2016

Traum



Ich blätter in dem neuen Katalog rum und suche Gott einen Anzug aus. Der ist zwar nicht weiß, aber chic. Früher habe ich immer davon geträumt, einen Mann in einem weißen Anzug zu heiraten. Und wie kleine Mädchen nun mal erzogen werden, - sagen wir lieber hoffnungsvoll erzogen wurden, denn Poire wird resp. ihre Schwestern wurden anders erzogen, auch wenn der Versuch zumindest bei den älteren nicht viel gebracht hat, - wie kleine Mädchen also sind, wollte ich quasi  jeden attraktiven Mann direkt heiraten. Der erste Blick und der felsenfeste Entschluss: Den heirate ich, wenn ich groß bin. Er wird einen weißen Anzug tragen! Es ist sicherlich günstig, dass die meisten Träume nicht in Erfüllung gehen. Wie findest du den Anzug?, frage ich Gott. In dem könnte ich heiraten, sagt er. Unsinn, sag ich. Was Legeres, Gott nickt. Wenn Sylvie nächstes Jahr wieder zurück ist, werden wir heiraten, lässt er mich wissen. Ich vergesse zu atmen. Nicht dein Ernst, sage ich dann, Gott lächelt. Mir will er die Faltenwegspritzerei miesmachen, aber er selbst macht mit jungen, wohlproportionierten Studentinnen rum. Mit einer zumindest. Wie alle erfolgreichen Männer. Ich schweige und werfe einen bösen Blick in den Katalog. Sie ist fast 50 Jahre jünger als du, sage ich dann. Unsinn, antwortet Gott, der indes meine Rechenkünste inzwischen kennt und sich diesbezüglich nicht mehr aufregt. 40?, frage ich spitz. Gott erobert den Katalog aus meinen Händen und blättert darin herum. Das nehm ich, sagt er dann und ich lehn mich zu ihm rüber. Klar, das Dichter- und Denker-Sakko. Adäquate Wahl, ich kicher. Ich hab heute Nacht von dir geträumt, sagt er dann. Ist nicht wahr. Ich hätte dich fast umgebracht, fährt er fort. Wieso? Du wolltest nach Paris, in eine bestimmte Buchhandlung. Der Verkehr war eine Katastrophe, ständig haben wir eine Abzweigung verpasst. Ich nicke, Gott ist zwar ein sehr entspannter Fahrer, aber so eine unbekannte Großstadt, diese sonderbaren, vielspurigen rond-points, aus denen niemand mehr herausfindet, sind selbst für den routiniertesten Fahrer eine Herausforderung. Es muss ein Albtraum gewesen sein. Als wir endlich den Wagen abgestellt hatten, haben wir uns ständig verlaufen. Du hast nur rumgemault, ich hätte völlig falsch geparkt. Ich nicke, anscheinend lag ich da nicht ganz falsch. Anstatt romantisch durch die Stadt der Liebe zu schlendern, bleibt Gott auch im Traum Realist. In einer kleinen Bar wollten wir nach dem Weg fragen, wir bestellten Café Crème, die Toilette war defekt, du hattest ... Ich verstehe, einen hysterischen Anfall. Einen dieser aggressiven hysterischen Anfälle, präzisiert Gott und seufzt, der arme Kerl, das war eine anstrengende Nacht. Ich habe auch einmal von ihm geträumt, wir fuhren nach Wien. Da war ich schon mal, da ist es schön. Da ich indes eine ganze Zeit Ingeborg Bachmann-Fan war, erscheint die Stadt auch irgendwie sonderbar. Städte durch Literatur zu erschließen ist eine unberechenbare Sache, man weiß nie, was von der Lektüre hängenbleibt. Wir waren also auf dem Weg nach Wien. Beim Frühstück auf der Durchreise - wir aßen frischen Mozzarella mit aromatischen Tomaten und Speck und Räucherfleisch und und und - sagte ich Gott, dass ich blind werde. Er nickte. Dann werde ich dir vorher noch etwas zeigen, sagte er geheimnisvoll und fuhr später mit mir auf einen Berg. Auf dem Gipfel stand eine Hütte, wir wanderten die letzten drei, vier Kilometer nach oben. Das ist mein Berg, sagte Gott, als wir oben ankamen. Ich schaute hinunter ins Tal. Gott ging in die Hütte und bereitete uns Käsefondue. Ich habe niemals versucht, diesen Traum zu deuten. Magst du Berge?, frage ich ihn nun. Doch bevor Gott antworten kann, klingelt es an der Tür. Sylvie, sagt er und steht strahlend auf. Die Braut in spe. Die Braut in spe umarmt und küsst mich, wir sind beste Freundinnen. Sie schenkt mir ein Buch über Kindererziehung, wieso französische Kinder keine Nervensägen sind. Ich bedanke mich überschwänglich. Ich bin froh, dass du auf ihn aufpasst, wenn ich fort bin, sagt sie. Gott lacht. Dann gibt sie mir noch ein paar Anweisungen - ganz entre nous. Ich muss auf seinen Cholesterinspiegel achten, auf sein Gewicht, die Histaminwerte usw. Er ist schrecklich unvernünftig, lässt mich Sylvie wissen. Ich wische ihre Bedenken fort. Ich passe gut auf ihn auf, verspreche ich. Wann fliegst du?, frage ich, sie seufzt. Erst nächste Woche, sagt sie. Wir haben nur noch eine Woche, er will mir Wien zeigen. Dann zeige ich ihm Paris, von dort fliege ich, sagt sie, ich runzle die Stirn, dann nicke ich. Und dann treffen wir ihn in Frankreich, sage ich zufrieden. Doch vorher kommt der große Abschied, Sylvie umarmt und küsst uns alle. Sie umarmt mich wie eine Schwester. Ich werde dich vermissen, sagt sie. Ich wiederhole das, wie es von mir erwartet wird. Dann umarmt und küsst sie Serge, mit dem sie ganz kurz mal was gehabt haben soll. Dann den Engländer, mit dem sie kurz mal was gehabt haben soll. Dann beugt sie sich zu Robin hinunter, es gibt keine Gerüchte, dass sie mit dem jemals was gehabt hat, und küsst auch ihn. Gott verabschiedet sich weitaus zurückhaltender, er nickt mir zu. Das Dichter-und-Denker-Sakko, sage ich und lächel, Gott nickt. Und dann verschwinden die beiden ganz à la française aus unserem Eingang, wir alle blicken ihnen nach. Der Engländer seufzt und legt einen Arm um meine Hüfte. Serge zieht mich an sich. Ich starre auf die leere Straße, dann konzentriere ich mich wieder auf die Realität. Wo ist Poire?, frage ich Robin, mache mich los und werfe mich auf seinen Schoß. Fahr mich zu ihr, ordne ich an. Robin dreht elegant seinen Rollstuhl. Klar, Chef, sagt er. Los geht's!


~

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen