Sonntag, 17. April 2016

Helden


Da Frauen sehr vernünftig mit sich umgehen - so sagt man -, gönne ich mir nur noch am WE eine Latte. Heute Morgen kommt es also wieder zu einer Alkaloide-Sünde. Es ist ja nur ein Espresso in Milch, sagte ich zum Doc, der als Mann noch weitaus gesünder mit sich selbst umgeht. Noch viel schlimmer, sagte der. Der Espresso kommt in die Milch, die Milch gerinnt. Und dann? ... Magenverkleisterung. Egal, ich nehme zu der hippen tödlichen Kaffee-Mischung heute meine ehemalige SO-Lieblingszeitung mit, ich habe ihr so lange die kalte Schulter gezeigt, aber heute klingt das Aufmacherthema aufregend: Männerprobleme. Die haben wir auch ständig. Und solche Artikel gibt es seit Jahrzehnten! Männer stecken ständig in der Krise. Das erinnert an die alljährlichen Bikinifigur-Probleme in Frauenzeitschriften. Nicht weniger existentiell. Und auch nicht leichter zu lösen. Aber gut, der Männer-Artikel ist nicht schlecht. Zunächst einmal ist er von zwei Männern geschrieben, ein prima Einfall. Dazu das Foto vom motorsägenden Journalisten im Hornbach-Werbung-Stil. Die Motorsäge als martialisches Accessoire - clever. Und sicher hat das Shooting mindestens so viel Spaß gemacht, wie wir damals hatten, als ich Sonnenbrandgefahr-Model war. So wirkt das Foto zumindest. Ja, Journalismus kann auch Spaß machen, das vergisst man oft im alltäglichen Betrieb. Und dann gibt es noch meinen neuen Lieblingssatz: 'Die Maskulinisten zeigen sich nicht so häufig.' Darüber werden wir sicherlich noch lange nachdenken. Maskulinisten, die folgen einer sich wohl selbst erklärenden, interessanten Denkrichtung. '... Genau jetzt sind Helden gefragt', wird einer zitiert. Im Übrigen bezüglich der Angriffe von Terroristen. Er meint mit Helden also wahrscheinlich Krieger. Ich bin mir nicht sicher, bezweifle auch nicht generell, weiß mal wieder nicht, ob etwas an dem Gedanken dran sein könnte. Wahrscheinlich besser nicht! Helden indes - sind immer gefragt. Gott ist mein Liebingsheld. Er hat auch verdammt viel zu tun, räumen wir das ein. Und ich bin mir gar nicht so sicher, was für eine Art Mann er wirklich ist. Weise! Weisheit wär schön, als Basis fürs Heldentum, nein? Humorvoll. Verständig. Knurrig. Weise eben. Wie auch immer - Maskulinisten sind vielleicht längst nicht so gefährlich, wie man glauben könnte? Auch das weiß man nicht, wer Krawall sucht, wird immer Krawall finden. Dieser nette Hell's Angel, der letztens in der Doku - hier übrigens mal ein Link - recht eloquent so viel erzählte, ist ja womöglich wirklich einer von denen, die weniger Krawall suchen. Ein netter Onkel in einer Maskulinisten-Bruderschaft, über deren Werte und Tun er eigentlich in circa 90 Minuten sehr wenig erzählt. Ich bin mir im Nachhinein nicht mal sicher, ob man viel über den Mann selbst erfährt, der kann halt reden. Der Hool, den ich mal kannte, galt an der Uni als Superhirn. Eloquenz und Intelligenz schließen Gewalt jedoch nicht selbstredend aus. Das wissen wir. Wie auch immer - das Mysterium bleibt. Der Mythos? Unerklärbar erhalten. Fakten scheinen das Gegenteil vom Erzählten zu belegen. Aber was sind schon Fakten? Und was sind böse Männer? Zuweilen nicht viel weniger gefährlich kommen mir persönlich allerdings auch die freundlichen Herren vor. Sie halten sich für emanzipiert - oder so. Sie wissen, dass früher alles schlimmer war. Und jetzt auch noch nicht ideal ist. Und in freundlicher oder gönnerischer oder gar großkotziger Manier halten sie sehr viel von Frauen. Die sind wichtig, klug, gebildet. Und bringen auch andere Denk- und Verhaltensmuster mit. Bloß in den eigenen Weg kommen, das dürfen sie natürlich nicht. Dann stören Frauen bald. Denken wir kurz an den Gegenentwurf, das Weichei - an den Mann z. B., der gestern und vermutlich heute auch noch von seinem blauen Pullover so angetan war. Ich fürchte, diesen Typus Mann hat es ebenfalls immer gegeben. Und es ist schwer zu sagen, wie es zu so einer Entwicklung kommen konnte. Welche Art Frau das aushält. Und wo neben den Schattenseiten da das Licht zu finden ist. Und was andere Männer von so einer Männlichkeit halten? Blöd, dass Weicheier auch Männer sind. Eigentlich sollten das gar keine Männer sein. Das stört das Gesamtbild. Der Mann steckt eh schon in der Krise. Werfen wir einen Blick auf Serge und den Engländer. Ich bin mir nicht sicher, sie schwingen sich nicht auf heiße Maschinen, aber ich denke nicht, dass die zwei sowie der Rest ihrer Truppe letztlich viel freundlicher sind als Biker, nicht die Sonntagsfahrer versteht sich, die 'echten'. Dabei wiederum ist letztlich die Frage interessant, was das überhaupt mit Männlichkeit zu tun hat. Es ist ein Geschäft, dass in diesem Fall von Capucine geführt wird. Und in dem Buzinezz - Frauen, Drogen, Waffen - gelten knallharte Regeln. Männerregeln vielleicht. Was sind Männerregeln? Immer dem eigenen Vorteil folgen? Kuscheln geht da nicht. Im Übrigen schon mal gar nicht für die Frauen. Nicht für die an der Spitze, nicht für die ganz unten. Und es gibt auch keine netten Zuhälter, als Frau mag man das zuweilen vielleicht so empfinden, zuweilen wird es einem auch vorgespielt. Und man braucht halt muscles. Es ist trotzdem absurd. Werfen wir einen Blick auf Robin. Er ist wie der Engländer und wie Serge, er hat dasselbe Leben geführt. Aber dann hat er mich geärgert, er erlitt einen Unfall, sitzt nun im Rollstuhl. Er versucht immer noch mit Katharina anzubändeln. Sie benimmt sich höchst sonderbar, ständig unternimmt sie etwas mit ihm. Sie nimmt ihn mit zu ihrem Pony, sie geht mit ihm etwas trinken, essen. Sie kocht für ihn, manchmal greift sie nach seiner Hand. Sie stellt ihn ihren Freunden vor. Das war's, seit einem halben Jahr schon. Schwierig zu sagen, was sie sich dabei denkt. Sie ist eine Frau. Leicht zu begreifen, dass Robin, der nicht sehr viele Optionen offen hat, verwirrt reagiert. Er muss sich ja gerade eh ganz neu erfinden. In den letzten Monaten ist er kein Hausmann geworden, nein, er hilft nie im Haushalt, lieber liest er. Doch seit Poire da ist, gibt Robin den perfekten Vater. Eine Rolle, die ihm offenbar liegt. Die Serge, dem großen, dicken Muskelmann nicht zu liegen scheint. Gestern kam der übrigens nach Hause. Ich hätte ein paar Fragen parat gehabt, wieso hast du nicht vorher angerufen, woher kommst du? Wieso hat der Engländer diese riesige Schramme im Gesicht? Ich schwieg. Serge beugte sich vor und küsste mich auf die Stirn, er murmelte irgendwas, - dass wir gleich raufgehen. Ich schwieg eisern. Wie geht es Éléonore, fragte er dann. Ich zuckte die Achseln. Sie isst, sie schläft, sie schreit, sie wächst. Sie lacht viel, hoffentlich wird sie ihr ganzes Leben die heitere Seite der Dinge erkennen können. Ich zeigte nach hinten, Serge ging, um einen Blick auf seine Tochter zu werfen. Wie geht es Éléonore, fragte er Robin. Der reagierte schnippischer als ich. Wir nennen sie Poire, hörte ich ihn antworten, ich grinste. Meine Tochter ist keine Birne, sagte Serge ärgerlich. Wie geht es ihr?, wiederholte Serge und Poire begann zu weinen. Gib sie mir, hörte ich Robin sagen. Sie kennt dich nicht, du hast sie erschreckt. Ich war sehr zufrieden mit meinem WG-Bewohner, der in meine Gender-Rolle geschlüpft war. Was ist das?, fragte ich den Engländer und deutete auf seine Schramme. Er sieht immer noch aus wie reinster Fickstoff, ich überlegte, woran das liegt. Am Maskulinismus wohl nicht. Der steht gar nicht jedem. Und ob das dennoch was mit Männlichkeit zu tun hat. Wahrscheinlich schon, schwer zu sagen. Seine Antwort auf meine Frage war indes simpel und absehbar, nix, sagte er. Er wiederholte sodann seinerseits meine Frage und deutete auf unseren neuen Brunnen. Niagara?, fragte er. Ich zuckte die Achseln. Damals hatten sie uns eine größere Pumpe in den Brunnen eingebaut, seither plätschert das Ding vernehmbar durchs gesamte Haus. Wie es die Art einiger Männer ist, machte sich der Engländer sogleich daran, das Problem zu lösen. Er schraubte hinten an dem Brunnen und fummelte an der Pumpe rum. Na gut. Gott war diese Idee nicht gekommen. Aber der? Muss ständig - wie ein Held - andere Probleme lösen. Seit geraumer Zeit steht er nun schon draußen im Garten und geht mit Kleine-Claus in eine weitere Verhandlungsrunde. Ist es ein Männerding, dass Kleine-Claus nicht mehr mit seiner Mutter spricht? Ich habe ihm gesagt, was ich von so einem Verhalten halte, seither gehöre ich ebenfalls zu den Geächteten. Inexistent! Was wird Poire machen? Wenn man sie vor erste vermeintlich existentielle Probleme stellt, wenn sie ihre Launen bekommen wird? Weil ihr das Leben ungerecht erscheinen wird? Und machen wir uns nichts vor, ich war auch ein Papa-Kind. Ich war auch ein Opa-Kind. Vielleicht hätte ich exakt so reagiert wie Kleine-Claus. Zudem folgt dieses Handeln einer simplen Logik, man kann die Wut an dem auslassen, der vor Ort ist. Krieg braucht einen Gegner. Einen Gegenpart. Geschlechter z. B. Zurück zum Thema: Das Leben als Mann wird immer schwieriger. Er muss sich neu definieren - seit Urzeiten bereits. Und ständig bangt er um seine Männlichkeit. Das kann sehr gefährlich werden. Dann öffnet sich die Balkontür, Gott und Kleine-Claus betreten die Küche. Was gibt's heute zu essen?, fragt Kleine-Claus, er spricht tatsächlich mit mir. Spinat, sage ich. Kleine-Claus schaut sich mit diesem Hab-Ich-Doch-Gesagt-Es-Nutzt-Nichts-Blick zu Gott um. Der nickt ihm aufmunternd zu. Nein, sagt Kleine-Claus also zu mir. Heute gibt es Kartoffelpuree und Fischstäbchen. BIIiitteee!, setzt Kleine-Claus nach, was ein geschickter Verhandlungszug ist. Ich gebe mich geschlagen und nicke. Und fahre mit ihm zur Tanke, um Fischstäbchen zu kaufen. Im Auto unterhalten wir uns über seine Tante. Wann kann sie endlich laufen?, fragt er. Bald, verspreche ich. Wie willst du mal werden, wenn du groß bist?, frage ich etwas später. Wie Papa, kommt die Antwort wie aus der Pistole. Ich nicke wieder. Und Gott?, frage ich, ich halte Gott für das weitaus bessere Rollenmodell. Kleine-Claus denkt nach. Er hat eine heiße Freundin, stellt der kleine Mann dann klar. Ich verstehe.



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