Dienstag, 19. April 2016

Der Sinn



Morgens treffen wir die Lämmer. Der Chief interessiert sich eher für Spuren im Gras, die Lämmer beachten ihn ebenfalls nicht - als hätte hier keiner seinen Instinkt bei sich. Ich unterhalte mich ein wenig mit den Lämmchen. Schäferin wär bestimmt ein prima Beruf. Die ganze Zeit draußen sein, mit den Tieren quatschen. Sie von einer Weide zur anderen treiben. Hin und wieder lecker essen. Die Wolle verkaufen, was macht man sonst noch so als Schäfer? Den Hund besser trainieren. Und die Herde vor Wölfen schützen, es wurde nämlich kürzlich in der Region einer gesehen. In der Zeitung wird ebenfalls über einen menschlichen berichtet. Wobei wir hier im Klischee stecken, das weder dem Tier noch dem Menschen gerecht wird. Der Fall klingt quasi nach 'The Fall' bei uns in der Gegend. Was sind böse Menschen?, frage ich Gott, dem keine Antwort einfällt. Wie verkraftet das die Familie des Täters? Wie werden das die Opfer jemals verarbeiten? Das sind die Fragen, die man sich im Krimi stellt. 'Broadchurch' z. B. versucht sich da momentan wieder an Antworten. Polizeiarbeit und die Schicksale dahinter. Letztens gab es einen Artikel, in dem behauptet wurde, der Krimi liefere vornehmlich Stereotypen. Verführerische Frauen, böse Presse, exzentrische, am Leben verzweifelte Kommissare. Man könnte allerdings ebenfalls behaupten, der Informationsgehalt des Artikels beliefe sich gegen Null. Zwei, drei Feststellungen, die es völlig ohne jeden tieferen Sinn resp. weiterführende erhellende Momente als bemerkenswerte Info in die Zeitung fanden. Medienwissenschaftler ist also neben Schäfer womöglich auch ein angenehmer Beruf. Als Medienwissenschaftlerin würde ich dann ein Buch schreiben, das das Klischee als Klischee enttarnt! Zurück zum Fall. Was würden wir tun, wenn Poire oder Kleine-Claus etwas passiert? Von einem Wolf? Wir würden vor Gericht eine Aussage machen. Und uns darauf konzentrieren weiterzuleben, sagt Gott. Ich nicke. Und schaue rüber zu Serge, dem Engländer und Robin. Ihnen würde dazu sicherlich auch etwas einfallen. Gerechtigkeit - ein sonderbares Wort. Doch existiert es in jeder communitas. Die drei sitzen draußen und paffen, jeder einzelne mit einem Bier bewaffnet. Sie haben sich einiges zu erzählen. Ich denke an Kyle, der hatte auch ein Kind entführt, allerdings war Kyle kein triebhafter Psycho, Kyle war einfach ... Wer ist Kyle?, fragt Gott, der zuweilen nicht mitdenkt. Der hirnrissigste Kriminelle, den man sich vorstellen kann? Ein eigenwilliges Ego, das ihm sein Autor verpasst hatte. Womöglich auch zu viel Klischee? Für einen einzelnen Fiesling? Wozu also Krimi? 'Laut Aristoteles begannen die Leute immer wieder aus dem Entsetzen heraus zu philosophieren. Und da sich die Leute nur selten selbst entsetzten, ist Vertreibung eine gute Methode Menschen im vollen Sinne dieses Wortes zu werden.' Der Mensch als entsetzter. Oder Ent-Setzter. Wir bewegen uns gerade gen Philosophie, da wird das Simpelste umgehend kompliziert. Eigentlich spricht Vilém Flusser hier über Migranten, auch ein aktuelles Thema. Mut und Würde als Mensch, Mensch zu sein. Ohne Wurzeln. Mit abgehackten Wurzeln. Ganz interessante Gedanken sind das - zu den aktuellen Debatten, die meist ohne Philosophie auskommen. Allerdings spricht der Mann auch davon, dass all die Katastrophen in den vierziger- und fünfziger Jahren eingetreten sind. Das versteht man, man weiß, jeder weiß, was er meint. Aber man merkt auch sofort, er spricht am Ende eben wie jeder vornehmlich von sich selbst. Aus eigener Erfahrung. Philosophie scheint also auch interessant. Das Persönliche abstrahieren. In größere, komplexere Zusammenhänge setzen, um sodann Deduktion zu betreiben. Und die eigenen Theorie bestätigt zu sehen. So ungefähr? Zurück zur Idee: Mal abgesehen davon, dass die momentane Migrationswelle für die Einzelnen offensichtlich schlimmer und brutaler als viele Krimis ablaufen und oft auch weitaus tragischer enden, erinnern die Aussagen, die Flusser zur Migration macht, auch wieder an Krimi. Selbst die schlechten spielen mit Entwurzelung herum. Wie das echte Leben. Werfen wir einen Blick auf die Muschel (Bachelard). Die Muschel ist interessant, interessanter noch als die Schnecke, da die Muschel, verschalt wie sie ist, zugleich auch eine Getriebene ist. Das Haus als 'erstes All'. Der Blick nach draußen. Angst und Neugier. Aber das wird hier zu komplex, das muss man selbst überdenken oder nachlesen. Zurück zum Lamm. Und zum Wolf, denn Bachelard folgert an einer Stelle: 'Die Wölfe im Schneckenhaus sind grausamer als die schweifenden Wölfe.' Glaubst du das?, frage ich Gott. Der denkt darüber nach. Willst du für mich arbeiten?, frage ich überraschend und unschuldig. Mach ich doch den ganzen Tag, seufzt Gott. Nein, ganz offiziell, mein ich, sage ich. Manche Menschen sind nämlich so freundlich und wünschen mir für den neuen Nebenblog viel Glück. Und viel Erfolg. Das ist sehr nett und höflich. Trotzdem verwirrt es mich. Und sie fragen, was der Chief Walks da eigentlich treibt. Nun, im Nachhinein habe ich mir überlegt, da könnte selbstverständlich auch ein Bild von Gott auftauchen. Du müsstest einfach nur überheblich und böse schauen, sage ich. Gott nickt, das kann er. RESPEKT, sagt er. Darum geht's am Ende immer. Die Wölfe fernhalten. Lieber selbst die Zähne fletschen. Was hätte ich zu tun?, fragt er. Ich wische alle Bedenken mit einer Handbewegung fort. Wenn du Schnupfen hast - gar nix, gebe ich mich als großzügige Chefredakteurchefin. Gott zeigt sich ob des generösen Angebots erstaunt, nimmt es zur Kenntnis. Und sonst? Eigentlich mach ich alles selbst, lasse ich ihn wissen. Impatiens. Ich gebe dir Bildmaterial, du lässt es nicht verschwinden. Sonst werde ich ärgerlich. Gott sieht das ein. Dann stelle ich dir kein Bildmaterial mehr zur Verfügung, dann suchst du dir gefälligst selbst etwas, das zum Text passt. Gott versteht das, es ist simpel. Wenn du Fehler machst, entschuldigst du dich nicht ständig. Ich mache einfach keine mehr, folgert Gott. Er ist so klug. Was bekomme ich dafür?, fragt er dann. Die gute Gesellschaft, lasse ich Gott wissen. Wir schauen nun beide nach draußen, wo der Engländer gerade zur Kiste Bier greift und sich selbst und seinen zwei Freunden jeweils ein neues kredenzt. Gott kratzt sich am Kinn. Möchte ich nicht, lehnt er den Job dann ab. Ich akzeptiere das. Ich akzeptiere auch die Glückwünsche, das ist sehr nett. Und die guten Wünsche für Erfolg. Das ist auch sehr nett. Und - wie gesagt - logisch. Noch niemals habe ich bezüglich eines Blogs an Erfolg gedacht. Und das ist vermutlich äußerst unlogisch. Die Quelle allen Übels! Ich denke in falschen Kategorien. Ich überlege, in welchen Kategorien ich denke, denn man denkt immer in Kategorien. Selbst als getriebene Muschel hockt man in seiner Schale. Vermutlich folge ich irgendeinem Sinn, sage ich zu Gott. Der denkt darüber nach. Und wiegt den Kopf. Den kann ich nicht erkennen, lässt er mich wissen. Aber alles folgt einem Sinn? Und die meisten kann man in der Tat nicht erkennen. Die anderen sind so durchschaubar wie die Bikini-Problemzonen-Artikel. Oder die Männer-In-Der-Krise-Artikel. Durch stete Wiederholung desselben bestätigen wir dessen Existenz. Und dessen eminent inhärente Bedeutsamkeit. Das Denkmodell bisexueller Strukturen impliziert stets den Pol von Männlichkeit als Gegenpol zur Weiblichkeit. Und festigt ihn. Männer haben keine Bikinzone. Haare am Sack - Natur pur. Nun ja, ein in sich geschlossenes Modell. Kein Erfolg ohne Misserfolg. Das Lamm fürchtet den bösen Wolf. Der wird der Gerechtigkeit zugeführt. Strukturen, sagt Gott. Communitas, sagt er. Liminalität, sage ich. 



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