Sonntag, 15. März 2015

Vermögen


Gestern war ich hingerissen, zuerst sah ich dieses Photo und dachte, na, klar, weniger künstlerisch kriegen wir das auch noch hin, warum nicht. Allerdings. Wozu? Dann sah ich dieses Photo und ... Kommst du mal?, rief ich. Ist das nicht umwerfend?, fragte ich, Gott nickte. Tjoa, sagte er. Geht, sagte er. Das kriegen wir nie hin, sagte ich ärgerlich. Das falsche Model, sagte Gott. So eine Knochenstruktur ..., sagte er, und ich seufzte. Was für ein feines Auge er doch hat, dachte ich, denn ständig überrascht er mich mit seiner großen Weisheit. Er wird bald 200 Jahre, da sammelt sich einiges an Weisheit an. Dann wagte ich ein Experiment, Gott sollte ein Photo in dieser Richtung, denn eine Kopie wäre nur eine Kopie, zudem unmöglich, in dieser Richtung also von Inès machen. Ich ließ Künstler und Model mit ihrer Aufgabe allein, sofort wurde der Ton rau. Irgendwas musst du schon machen, sagte er. Ich seh nix, sagte er. Mach ich doch, antwortete sie. Ich seh keine Rippen, sagte er. Ich krieg schon keine Luft mehr, sagte Inès. Dann bist du halt zu dick, sagte er. Oh, dachte ich, wie mutig, denn dumm ist Gott ja nicht. Und wir ahnen es bereits, umgehend ballerte Inès eine maschinengewehrartige Replik zurück, schließlich ist sie nicht unbedingt auf den Mund gefallen. Oder doch? Einmal? Wer weiß. Im einvernehmlichen Zerwürfnis wurde die Session daraufhin abgebrochen. Wenn's nun mal nicht geht, geht's nicht. Mit 42 Kilo zu dick, sagte Inès und zeigte Gott einen Vogel. Knochenstruktur, sagte der, als wäre er sich keiner Schuld bewusst. Ich servierte Kalbsschnitzel, die tatsächlich gelungen waren. 
Und später am Abend machte ich das TV an und landete in einer Sendung, in der Autoren zur Buchmesse nehme ich an, interviewt wurden. Von dem Typen, der sonst gern mal die Bücher in die Mülltonne wirft, wie heißt der noch? Scheck, sagte Gott, der alles weiß. Und als der dritte Autor zu Wort kam, musste ich das ausstellen, denn - auch wenn der Herr Scheck sicherlich weiß, was er tut, und das sicherlich nicht schlecht macht, es war so sonderbar, wie eifrig die Autoren glücklich schienen. Endlich darf ich einmal was sagen. Endlich nimmt mich mal jemand ernst. Hört zu! Hättest du dich auch in so eine Sendung gesetzt?, fragte ich Gott. Der wiegte den Kopf, ich hätte damals schon gern meine Meinung über die Bourgeoisie einem breiteren Publikum, das die bösen Verleumdungen über mich glaubte, näher gebracht, sagte er. Ich nickte. Klar. Und trotzdem. Ist es nicht sonderbar?, fragte ich. Und dachte wieder mal übers Können nach. Reicht es nicht, wenn man's kann? Wann weiß man, ob man's kann? Wenn man zufrieden ist, sagte Gott. Okay, mit manchen Photos bin ich zufrieden - zumindest wenn ich sie in eine Kontext setze, in den sie dann passen, oder eben gerade nicht. Heißt aber nicht, dass sie gut sind. Es ist ein Gesamtkunstwerk, sagte Gott, wir kicherten - zu viel Wein! Letztens hat jemand - vermutlich irrtümlich, wie heißt es so schön in fremden Sprachen by accident; par accident, als Unfall also - immer wieder einen Nani-Text aufgerufen. Also hab ich ihn mir mal selbst wieder durchgelesen. Und ich war zufrieden. Okay, der arme Kerl, ich krieg den scharfen Nani nicht aus dem Knast, ein schlimmes Plot-Entwickeln-Unvermögen. Aber - das war in dem von mir selbst entwickelten Kaplan-Stil geschrieben, ließ ich Gott wissen. Der revolutionäre Kaplan-Stil, nickte er und schenkte nach. Ich nickte ebenfalls, ich wollte schreiben wie Leslie Kaplan. Da ich allerdings gut imitieren kann, nicht eklektisch werden!, hab ich mir nicht mal die französischen Texte von ihr erneut angeschaut, sondern lieber etwas aus einer vagen Erinnerung erfunden. Kurze Sätze, lieber stumpfsinnig das Stumpfsinnige wiederholen. Offene Sätze, wenn am Ende alles gesagt ist, war's ein Fehler. Immer. Vielleicht mach ich da mal weiter, ließ ich Gott wissen. Möchtest du dann auch in einer Talkshow sitzen?, fragte er. Ich überlegte. Nein. Was wollten wir erzählen? Inadäquatheit. Offenheit. Das Vage als Wahrheit? Endlich hört mir jemand zu! Danke für die Aufmerksamkeit! Nein. Es müsste auch gar kein Buch werden, wozu? Nur ein Text, wie ich ihn mir vorstelle - mit Anfang und Ende. Und trotzdem ... Eine andere Knochenstruktur, überlegte ich. Das ist nicht so leicht, sagte Gott weise. Für manche Dinge reicht's halt nicht. Hält sich ja sonst auch kaum einer an derlei Weisheit, sagte ich und kippte den Wein in einem Zug ... Boah! Wieso trinken wir das? Genuss, sagte Gott.


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