Montag, 2. März 2015

Sehnsucht


Ich hatte mir ja vorgenommen, immer nur ich und der Text. Kein Einfluss von außen. Und keine bösen Verrisse, obwohl das Spaß machen würde, noch unbeliebter werden! Und das ist so einfach. Egal. Ich und ein Buch also - was indes nicht bedeutet, dass man sich ignorant durchs Leben lesen sollte. Ich hatte ja Kyle völlig falsch verstanden, klar! Auch den Gruselfaktor, den es gibt. Oder nicht - im literarischen Betrieb auf alle Fälle. Das soll ja den Zeltserman geärgert haben. Schön. Richtige Kohle für richtige Kerle, die aber nicht schreiben können. Und auch noch Monster sind. Damit gleich doppelt abkassieren, Stars werden. Echte Literaten schauen dumm aus der Wäsche und ärgern sich, weil ihre eigenen so ausgeklügelten fiesen Verbrechen, die meist völlig unglaubwürdig daherkommen, weder gelesen werden, noch Millionendeals einbringen. Tja. Jetzt ist aber die Realität oft viel bizarrer, als man denken könnte. Wie hieß noch mal der Typ, der sich mit seiner Frau Sexsklavinnen von der Straße raubte und als ihm das Geld ausging, sich selbst als Sexsklave bei dieser Schwedin verdingte - er nannte sich Galanto? Armondo Galanto glaub ich, frage ich. Gerald Gallego, sagt Gott, der immer alles weiß. Das ist mal eine unglaubwürdige Geschichte, die Schwedin hat ja noch Jahre, Jahrzehnte von ihm geschwärmt. Und seinen Fähigkeiten. Seinem Charme. Und Charlene, Gallegos Frau, war hochbegabt, mit fotografischem Gedächtnis, oder war das die von den moor murders. Oder beide? Wie auch immer, Gerald soll ebenfalls über eine überdurchschnittliche Intelligenz verfügt haben, was ihm recht früh zugute kam, als er die ersten Deals abschloss. Könnte ich das schreiben, ich würd's gleich mal als Roman verbraten. Im Knast soll Gallego unwahrscheinlich nett gewesen sein, alle mochten ihn. Und Charlene hat, glaub ich, einen Deal rausgeschlagen. Irgendwo wird sie leben. Unerkannt. Als Monster. Könnte man sie, ihre Taten erklären? Oder Karla Homolka, die einen Pornostar heiratete, nachdem sie ihren Deal ausgehandelt und die paar Jährchen abgerissen hatte. Monster. Oder sind lediglich ihre Taten monströs böse? Wie kommt es bloß, frage ich Gott, dass die meisten Freunde und Angehörigen nach einer Tat vor der Kamera stehen und sagen: Nein, es gab keinerlei Anzeichen für solche Taten. Er war ein netter Mann, stets freundlich, hat immer gegrüßt, sich um seine Familie gekümmert. Er hat ihr sogar Blumen mitgebracht - seiner Frau. Er hat sie geliebt, frage ich Gott. Das liegt daran, beginnt Gott und runzelt die Stirn, dass es immer Menschen sind. Sind sie krank, werfe ich ein. Gott wiegt den Kopf. Eigentlich weiß man so wenig über sie, sagt er. Manche bereuen, andere nie. Man ist auf ihre Aussagen angewiesen. Oder einfach auf die eigene Phantasie. Psychopathen, Soziopathen, alle, die bei Copykill z.B. auftauchen, ein Film, der jeden True-Crime-Leser begeistert, ich überlege. Monster. Wieso liest jemand Krimis?, frage ich Gott. Um die Welt zu verstehen, sagt der. Da schauen wir also gleich mal - kleines Wortspiel - in 'Die Welt'. Dieser Rezensent, ja, der wieder, hätte sich womöglich bei der Lenny-Lektüre lieber etwas mehr gegruselt. Oder nicht, er bleibt da etwas bedeckt. Verstehe ich ihn richtig? Er möchte mehr Psychologie? - Ein ganz heikles Gebiet - kranke Menschen mit gruseligem Nachts-Nicht-Schlafen-Können-Faktor? Oder eben doch nicht. Kein nettes Kerlchen. Erträglichkeit oder nicht. Und er bezweifelt, dass so einer wie Leonard den Knast überleben kann - bei seinem Deal. Und wieso er erst danach über alles nachdenkt, ein Gedanke, den ich nicht verstehe, wer weiß, wie viel Leonard vor Textbeginn schon gedacht hat. Und überhaupt - Ich-Erzähler, was immer sie erzählen, es könnte sich als falsch herausstellen. Man sollte ihnen nie über den Weg trauen. Und denken? Da kommt ja bei Leonard auch gar nicht so viel bei rum, er versteht sich selbst nicht so ganz - zumindest erzählt er das so. Immerhin - dieser echte Gangster, Martorano hat es auch geschafft, den Knast zu überstehen. Trotz seines Deals. Damit wäre der Gedanke, dass das unglaubwürdig sei und so nur als literarisches Experiment daherkommt, entkräftet? Wer weiß. Gruseln und Lücken füllen - deshalb liest man Krimis? Gott schüttelt empört den Kopf. Auf keinen Fall. Interessant auch, dass an anderer Stelle, hier wird das Ganze etwas verkopfter angegangen, behauptet wird, hatten wir hier schon, dass kein Leser die Figur mögen können wird. Interessanter Dissens, da widerspricht sogar ein wenig der Autor selbst - nämlich hier, im Interview. Was sind böse Menschen?, frage ich Gott. Denn wir sollten die per se nicht leiden können ... mögen, oder so. Ach, sagt der bekümmert, von denen gibt's so viele. Ich nicke, sie sitzen in Banken, auf Politikerstühlen, in der Wirtschaft, überall. Wölfe, Monster im Schafspelz. Was mag in ihren kranken Gehirnen vor sich gehen? Was war das Geniale an RoCri?, frage ich. Und gebe mir gleich selbst die Antwort. Keine Chancen, aber daraus ein Imperium aufgebaut. Und an sich selbst gescheitert, quasi die gesamte Weltgeschichte, zumindest die großer Imperien, die untergingen, nacherzählt. Und das auch noch mehr oder weniger authentisch, nach einem realen Fall. Und beständig konnte man sich aussuchen, wen man mag. Wen nicht. Und wieso eigentlich. Wie's um die eigene Moral so steht. Wenn's der Patin mal an den Kragen geht, sage ich zu Gott, wie loyal wirst du sein? Nun, sagt Gott, ich denke, ich sollte die ganze Geschichte lieber schnell abhaken. Sie hat gerade ein neues Haus gekauft - 9,5 Millionen, sagt Gott und fährt sich mit der Hand übers Gesicht. Das verdient sie doch nie in ihrem Lokal, das sind doch keine Peanuts. In der Kaschemme hängen doch meist nur ihre eigenen Jungs rum, das nimmt sie dort niemals ein, da läuft doch was ganz andres. Ich nicke, könnte sein. Gott hat so oft Recht. Wenn wir zu Weihnachten wieder hinfahren, ich sehe es jetzt schon vor mir, bleiben wir aber bis Neujahr. Gibt es einen Pool?, frage ich. Gibt's, bestätigt Gott. Und noch einiges mehr, sie hat mir Fotos geschickt. Lass mal sehen, sage ich, und Gott zeigt mir das Luxusanwesen auf seinem Handy. Wow, bin ich beeindruckt. Das ist aber auch eine teure Gegend, gebe ich zu bedenken, the place to be!, erinnere ich Gott. Sie nennt dich 'mon p'tit chou', ich flüstere bei so viel Indiskretion. Gott hört gar nicht hin, er ist immer noch mit dem Haus beschäftigt. Eben, sagt er. Eben! Das ist es ja. So viel Geld. Und ich überlege, ob wir uns vor der Patin gruseln sollten. Und vor Polydoros - mit seinen schönen Augen. Eines Tages sicher, wenn wir sie durchschaut haben. Enttarnt - als Monster. Nur um uns zu gruseln. Oder um die Welt zu verstehen. Ist diese papierne Gruselei nicht einfach Mumpitz, frage ich Gott. Es ist immer eine Frage der Perspektive, seufzt der. Nicht, dass er sich am Ende doch noch in die Patin verguckt hat. Capucine, murmelt Gott ihren Namen und drückt die Fotos weg. Und ich fasse mir an die Stirn. Und schweige. Endlich.     

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