Dienstag, 24. März 2015

Mut


Heute Morgen sind wir gleich als Erstes zur Finanzberatung gefahren. Gott hat ein wenig gemurrt, weil er früh aufstehen musste, ja, die Götter beginnen ihren Arbeitstag recht gemütlich - immer erst gegen 12 Uhr mittags. Dafür treffen sie dann ja aber auch die wichtigsten Entscheidungen. Wie ich - sozusagen im kleinen Rahmen - ja nun auch dazu genötigt bin. Und deshalb ist er auch aufgestanden und mitgekommen, wer will mir schon unbesehen die Finanzen anvertrauen? Da sollte lieber Gott ein Auge draufhalten, das ist ihm selbst klar. Wir klingeln also am verabredeten Türchen, und ein Mann - wie einer anderen Zeit entsprungen, sehr chic - öffnet umgehend die Tür und bittet uns in Räumlichkeiten, die den Besucher mit überraschenden Rosé-Variationen nahezu bass  erstaunt noch im Türrahmen verweilen lassen. Es gibt rosé Tapeten, rosé Dekor, eine Art rosé Stuck und viele andere Dinge in der offensichtlich bevorzugten farblichen Richtung. Sie haben es hier aber schön, sage ich, denn so etwas habe ich noch nie gesehen. Der Mann nickt freundlich, schwer zu sagen, ob er mit mir einer Meinung ist. Oder ob wir gerade lediglich Höflichkeiten austauschen. Ich nicke ebenso freundlich zurück, so dass wir direkt zur Sache kommen können. Zunächst erledigen wir die dringend anstehenden Dinge. Dann noch ein paar andere, schließlich gilt es wichtige Entscheidungen zu treffen. Und dann sprechen wir noch über die wegen der Umstände auf Eis gelegte Geschäftsidee. Die Augen des Mannes leuchten, das also scheint sein eigentliches Element. Das ist ja wunderbar, sagt er und beugt sich vor. Dann umgehend skeptisch zurück. Schreiben, sagt er. Wie lukrativ ist das? Ich lache. Lukrativ könnte bezüglich dieses Metiers die falsche Wortwahl sein. Er versteht mich sogleich. Das sollte nicht sein, sagt er mit erhobenem Zeigefinger. Tja. Ihre Idee gefällt mir, sagt er dann. Wenn Sie so weit sind, erstellen wir einen Finanzplan. Und das wiederum gefällt mir. Aber wir werden nicht erweitern, wir kalkulieren und steigen direkt groß ins Geschäft, gefächert. Sie sind ja engagiert. Durchaus, ich habe Pläne. Und nachdem wir das geklärt haben, wendet er sich Gott zu. Und auch Ihnen möchte ich Mut zusprechen, sagt er. Mein hauseigener Finanzberater neben mir hat anscheinend überhaupt nicht zugehört und reagiert nicht auf die freundlichen Worte. Ich lege meine Hand auf seine linke, beuge mich zu ihm. Gott schaut überrascht auf. Der Mann möchte dir Mut zusprechen, flüstere ich, Gott wirkt noch überraschter. Entschuldigung?, sagt er und mustert unser Gegenüber daraufhin etwas genauer. Der Mann ergreift die Chance, und spricht. Sobald man die eigenen Fähigkeiten erkannt hat, sollte man sie lukrativ umsetzen. Ich nicke. Gut, seit Gott ein Gott ist, ist sein Marktwert selbstverständlich in enorme Höhe geschossen. Aber dennoch! Sollte man sich mit dem Erreichten je zufrieden geben? Wo liegen denn Ihre Stärken?, fragt der Mann auf seine so freundliche Art. Wir überlegen. Das Überraschungsmoment lässt uns verstummen. Doch nur ganz kurz verbleiben wir sprachlos. Er ist ein Genie, sage ich sodann. Sehr gebildet, sprachgewaltig. Befähigt, die schwierigsten Entscheidungen mit kühlem Kopf zu treffen. Ein Ruhepol in Zeiten des Sturmes. Früher war er - früher sagte man - er war ein Homme de Lettres, sage ich ehrfurchtsvoll. Und dann kam der Knick, wirft unser Berater verständnisvoll ein. Gott runzelt die Stirn. Eigentlich ist er ganz gut versorgt, sage ich. Er arbeitet schließlich auf dem Olymp, doch das Detail verschweige ich, denn Menschen haben sehr oft wenig Verständnis für Dinge, die ihnen fremd sind. Und Götter und der Olymp sind in diesen Tagen nicht jedem ein Begriff. Und Griechenland an sich bereits ein größeres Projekt. Versorgt!, unser Berater nickt zufrieden. Dann kümmern wir uns später um Sie, entscheidet er. Und komplimentiert uns nach Terminabsprache aus seinen Rosé-Räumlichkeiten. Also, ... der war aber, sage ich draußen auf der Straße, denn ich bin sehr beeindruckt. Die gesamte Inszenierung hatte großes Barnaby-Potential, überlege ich. Wie aus einer anderen Zeit gefallen. Sicherlich ist er deshalb so verständig, sage ich. Er möchte mir Mut zusprechen, sagt Gott nachdenklich. Und ich schweige. Ebenso nachdenklich.



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