Samstag, 21. März 2015

Lektion 7 oder Die Schuld


Serge ist wieder da! Kaum ist er durch die Tür, lege ich einen freudigen Begrüßungssound auf, und da er nicht so zimperlich ist wie Gott, springe ich ihm sogleich auf den Arm. Wie schön,dass du wieder da bist, sage ich. Er nickt. Wie war's?, frage ich. Er nickt, es ist so seine Art, er spricht nicht so viel. Ist da sparsam. Doch wie es meine Art ist, nicht so lange um den Brei und so herumzuquatschen, komme ich umgehend auf den Punkt. Hast du eigentlich schon mal was Böses gemacht?, frage ich. Aber was richtig Böses, spitze ich die Frage zu. Er schaut mich interessiert an, als hätte ich zum ersten Mal etwas Interessantes von mir gegeben. Dann setzt er mich zurück auf den Boden, lächelt und schüttelt den Kopf. Es kommt immer, wie es kommen muss, sagt er. Man hat immer die Wahl. Und während ich über diese kryptische Weisheit noch nachdenke, ruft mich die Patin zu sich. Ich begrüße sie wesentlich reservierter. Wieder zurück, stelle ich fest und lächle höflich. Wie ich kommt auch sie nach wenigen Höflichkeitsfloskeln direkt auf den Punkt. Jemand hat dir Geld überwiesen?, fragt sie. Ich werfe Gott einen Blick zu, der durch das Fenster zwei Meisen in der Lavendelweide zu beobachten scheint. Er hat sie also gleich auf den neuesten Stand gebracht. Tjoa, sage ich. Irrtümlich, das muss ich zurücküberweisen. Turlututu, was so viel heißt wie - Papperlapapp - übergeht sie meinen Vorbehalt. Es steht euch doch zu? Der Betrag?, fragt sie. Also - das ist Ansichtssache, beginne ich, doch mit einer lässigen kleinen Geste wischt die Patin meinen Einwand quasi aus dem Raum. Es ist eine Frage der Interpretation der Tatsachen. Du sagst es selbst, sagt sie ernst. Manchmal geschehen Dinge, da sollte man einfach dankbar sein. Und außerdem ... Man überweist Geld nicht grundlos zurück, sagt sie. Ich will etwa sagen, doch sie spricht weiter. Man legt es an. Man vervielfacht es, das nennt man Wirtschaft. Erst wenn es jemand zurückfordert, und selbst dann sollte genauestens geprüft werden, ob er tatsächlich das Recht dazu hat - nach einem selbstverschuldeten Irrtum, selbst dann hast du aus einem kleinen Betrag längst einen großen auf der Bank. Das tut niemandem weh. Ich überlege. Vervielfachen?, ich bin skeptisch. In was würde ich investieren?, frage ich. Oh, Capucine lacht, das Angebot ist groß. Denken wir langfristig und umsichtig - eine Art breit gestreutes Aktienportefeuille wäre sicherlich von Vorteil. Minimales Risiko? Minimaler Gewinn?, ich kenne mich vielleicht nicht aus, weiß allerdings, dass man immer vorsichtig sein soll. Wieder lacht Capucine und nickt anerkennend. Mit deiner kleinen Freundin verhandelt man gern, sagt sie über die Schulter an Gott gewandt. Wäre es Geldwäsche?, frage ich, Gott hustet. Capucine lacht wieder. Willst du den Kleckerbetrag anlegen, oder einfach dumm dastehen?, fragt sie. Ich verstehe, es geht ihr nicht ums Geld, sie will mich nur ... Die kommen mir eh drauf, sage ich. Die kommen dir nie drauf, widerspricht sie. Das ist eine Behörde, sagt sie und lacht wieder, sie scheint sehr entspannt, ihre Geschäfte scheinen verdammt gut zu laufen. Also ..., ich zögere noch. Ich überleg's mir, schlage ich vor. Und Gott räuspert sich. Komm mal mit, sagt er, dreht sich um und verlässt den Raum. Ich folge ihm stante pede ohne ein weiteres Wort. Wir verschwinden im Keller. Und dort setzt Gott so umgehend wie unerwartet zu einem Vortrag an. Verbrechen und Schuld, beginnt er. Ein Verstoß gegen die Moral, gegen das eigene Empfinden von Recht und Ordnung, das die menschliche Kreatur existentiell ... Geldwäsche, werfe ich ungefragt ein. Derivathandel!, unterbreche ich weiter. Anstiftung zum Betrug, mafiöse Finanzspekulationen - pah, da kriegt man schon Muffensausen, sage ich. Nun, Gott hebt beschwichtigend eine Hand. Nähern wir uns diesem so viel vielfältigerem Themenkomplex etwas allgemeiner, bestimmt er. Und weniger emotional, präzisiert er. Schließlich steht der sich selbst gern als rationalisierendes Wesen betrachtende Mensch in steter kognitiver Dissonanz mit ... Fasziniert nachdenklich lausche ich. 


Lektion 7
oder


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