Freitag, 6. März 2015

Lektion 3 oder Das Verhängnis


Heute Morgen habe ich die Patin zufällig auf ein, zwei Waffeln in der Küche getroffen. Sie isst sie, in dem sie sie in ein Honigglas taucht. Lecker! Ich beobachtete sie aus den Augenwinkeln, alles an ihr ist perfekt. Niemals lässt sie sich aus der Ruhe bringen, ihre Bewegungen sind wohlkalkuliert. Selbst wenn ihr ein Malheur passiert, ein Honigtropfen herabfällt und ihr über das Kinn rinnt, sieht sie dabei umwerfend aus. Beobachtest du mich, ma p'tite ?, hat sie gefragt und sich den Honig mit einer fast lasziv langsamen Geste über die Lippen gestrichen. Du weißt, wie's geht, du siehst verdammt gut aus, habe ich geantwortet, sie hat gelacht. Du aber auch, hat sie großzügig geantwortet, da musste auch ich lachen. Doch, beharrte sie, bei dir ist alles etwas kleiner geraten als normal. Aber es ist ja nichts Knabenhaftes an dir. Ich nickte, stimmt. Sogar ein richtiges Bäuchlein hast du, fuhr sie fort. Ich schwieg. So schnell also kann ein Kompliment zurück in die Realität katapultieren. Im Geiste strich ich unverzüglich die Sonntags-Berliner aus unserem Wochenend-Ritual. Und die Chips. Und die Sahne in der Sauce. 
Inzwischen sitze ich auf die allabendliche Lektion wartend auf der Treppe. Gott verspätet sich, ich hatte um früheren Beginn gebeten. Und generell wollte ich diesen Abend mit einem recht überflüssigen Thema, das allein von Männern erfunden und als Hirngespinst immer wieder jämmerlich aufgeköchelt wird, überspringen. Gott war dagegen. Und schon stürmt er durch die Tür und eröffnet mit einem unerwarteten didaktischen Schachzug den Vortrag. Nenne eine der aufregendsten Frauenfiguren, die dir in Erinnerung geblieben ist, beginnt er. Éliane, antworte ich als Musterschülerin unverzüglich, Gott runzelt die Stirn. Wer?, fragt er. Été meurtrier, murmle ich. Oder Betty?, schlage ich großzügig eine zweite vor. Sehr schön, lobt Gott diesmal. Aber ich klopfe mit meinem Zeigefinger ungeduldig auf das Zifferblatt meiner Armbanduhr, es wird Zeit, Polydoros steht gleich vor der Tür, sicherlich wäre es fatal, ihn warten zu lassen. Schieß los, sage ich. Und Gott beginnt. 


Lektion 3
oder 


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