Samstag, 28. März 2015

Langeweile


Mehrfach habe ich gestern Abend - genau, akute Langeweile - versucht Gott anzurufen. Er sprach allerdings mit der Patin, das konnte ich ja hören, sie war im Nebenzimmer, und er drückte mich ständig weg. Klar. Also, stellte ich die Glotze an, stieß irgendwo beim Rumschalten auf die Sons und? Also! Da kann man mir erzählen, was man will, da war ja früher jede Colt Seavers-Folge ein cineastischer Höhepunkt gegen. Mann, war das mies, eine Parodie? Wer weiß, aber den bösen Kinder-Porno-Ring haben sie dann bestimmt noch gesprengt, ganz sicher, denn tief im Herzen sind sie gut. Egal. Ich hatte längst ausgeschaltet, denn Gott rief dann doch zurück. Du hast wieder Ärger gemacht?, fragte er. Langsam geht es mir auf die Nüsse, dass hier jeder hinter meinem Rücken jedem alles erzählt. So war's, sagte ich. Hat sich Robin bei dir entschuldigt, fragte Gott. Der Mülleimer hat gebrannt, sagte ich statt einer Antwort. Der Mülleimer?, fragte Gott. In der Küche, bestätigte ich. Gott seufzte. Ich bin bald wieder da, sagte er. Wann?, fragte ich. Bald, sagte er. Ziehst du jetzt eine Schnute?, fragte er, weil er immer alles weiß. Nein, sagte ich, was eine Lüge war. Und nach diesem netten Gespräch wanderte ich ein wenig durch die Wohnung und spazierte wie ungewollt in Gottes Zimmer. Ich vermisse ihn. Und langsam glaube ich auch nicht mehr, dass die Götter so viel ausrichten können. Dass ihre vielen Notsitzungen und Krisenreisen viel bewirken. Sie versuchen eben einfach, das Schlimmste zu verhindern. Zuweilen mit wenig Erfolg. Andererseits ist ihre Arbeit auch viel schwieriger als Politik oder so. Die Götter haben sich ja nicht den Belangen der Wirtschaft untergeordnet, niemand sagt ihnen, was sie tun sollen. Sie sind sozusagen Vorreiter des menschlichen Wesens. Und sitz dann mal mit Ares als Verbündetem an einem Tisch und versuch, mit ihm Frieden zu stiften. Wozu?, wird Ares sagen, das ist nicht meine Aufgabe. Aber es gibt größere Ziele, werden friedlich gestimmte Götter einwenden. Größere Ziele als immer nur Mord, Totschlag und Katastrophen und Krieg. Argumenten, denen Ares nicht folgen kann, er wird lachen, er ist ein Kriegsgott. Tja. Polydoros ist auch noch unterwegs, es war Freitagabend und ich seufzte, saß im dunklen Zimmer und hing düsteren Gedanken nach. Plötzlich ging das Licht an, und die Patin stand in der Tür. Was machst du hier?, fragte sie. Im Dunklen. Du solltest hier nicht sein. Ich überlegte. Das ist mein Gästezimmer, überlegte ich, der Gast ist nicht da, also. Andererseits ... Wahrscheinlich sollte ich nicht hier sein, räumte ich ein. Ich vermisse ihn auch, sagte die Patin, was meine Laune nicht aufheitern konnte. Er kommt bald wieder, sagte sie. Ich nickte. Wenn sie nur nicht so gut aussähe, dachte ich. Sie hat die perfekte Knochenstruktur, von der Gott letztens schwärmte. Dunkle Haare, dunkle Augen, eine kleine Hakennase. Im Gegensatz zu mir sieht man ihr sofort an, dass man sich mit ihr besser nicht anlegen sollte. Ich hab den falschen Knochenbau, ich stecke in einem zu kleinen Körper, sagte ich unüberlegt. Die Patin runzelte die Stirn. Geh doch rüber zu Serge, schlug sie dann vor. Ich zuckte die Achseln. Er mag dich, fuhr sie fort. Er spricht oft von dir. Ich warf ihr einen Blick zu, Serge spricht nie, sagte ich. Eben, sagte die Patin. Umso verwunderlicher, wenn er es dann doch tut. Lispelt er eigentlich, fragte ich, denn als er so schnell zu Robin sprach, hatte ich den Eindruck. Die Patin lächelte, manchmal, sagte sie. Wenn er wütend wird. Ich nickte. Nahm die Flasche Wein, die auf einem kleinen Tischchen neben dem Sessel stand, und schlenderte hinüber zu Serges Raum. Ich hörte den Fernseher, aber erst als ich die Tür öffnete, wurde mir klar, dass Robin auch im Zimmer war. Ich musterte ihn, er musterte mich. Ich ihn von unten nach oben, er mich von oben nach unten, irgendwo trafen sich unsere Blicke. In seinem stand 'Putain' geschrieben. In meinem leuchtete in großen Lettern 'Schwachmat' auf. Ta biche, sagte er zu Serge, was beweist, dass sein Wortschatz irgendwo im Adoleszentenalter steckengeblieben sein muss. So hat mich bestimmt schon seit ... Jahrzehnten niemand mehr genannt. Serge knurrte etwas, Robin erhob sich mit einem dämlichen Grinsen. Das kann ich auch. Wir grinsten uns blöde an, bis mir auch das zu blöd wurde. Mit einer weiträumigen Geste wies ich zur Tür. Schon klar, sagte Robin und verließ mit unschuldig erhobenen Händen den Raum. Crétin, murmelte ich. Amusez-vous !, sagte Robin, fast so, als würden doch ein paar seiner Synapsen zusammengreifen.


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