Mittwoch, 25. März 2015

Energie


Zuerst machen wir heute einen Spaziergang. An einem Bach entdecke ich Blumen, die ich noch nie gesehen habe. Was ist das? Wie heißen die? Nicht einmal Gott kennt die Antwort. Fällt ihm bestimmt später noch ein.

Unbekannte Blumen am Bach mit Schmetterling

Und dann zapfen wir endlich Wasser an der Marienquelle. Dort ist Stau. An einem ganz gewöhnlichen Mittwochmorgen stehen die Leute Schlange. Das Wasser steht nämlich zu hoch, ein kluger Mann öffnet unten am Brunnen den Abfluss, so dass das Wasser ablaufen kann. Derweil lese ich mir die Warnhinweise durch, dort steht, das Quellwasser sei auf keinen Fall als Trinkwasser geeignet. So ne rechtliche Sache, sagt die Frau hinter mir, die ungefähr fünf Kisten und 7 riesige Kanister auftanken will. Trinken Sie das schon länger?, frage ich, ich bin vorsichtig. Das ist das Beste, sagt sie. Hab alle Quellen hier im Umkreis durchprobiert, wir kommen immer wieder hierher. Und zwar mit dem Vorhaben mindestens 50 Liter mitzunehmen, wie es scheint. Na gut, immerhin - gläubig scheint sie weniger, wohl eher eine Gourmande bei den Mengen, die sie tanken will. Ein Gourmet? Wassergenießerin? Wer weiß. Viele stehen hier auch zunächst lange vor der Statue und sprechen mit der Mutter Gottes. Manche bewegen sich dazu in sonderbaren Rhythmen, andere schlagen die Hände über dem Kopf zusammen usw. Rituale. Es soll ein Energie-Kraftort sein, ich aber merke nichts davon. Letztens als wir auf dem Friedhof - genau - da waren wir ja nicht, weil das verboten ist. Wären wir dort aber gewesen, ich sag dir - das ist ein echter Energieort. Ich war mir nur, wäre mir nur nicht sicher gewesen, ob das wirklich positive Energie war. Aber da auf dem Friedhof, den man nicht besuchen darf, da könnte einiges los sein. Wissen wir ja nicht. Egal. Als ich dran bin, zapfe ich klug in Glasflaschen und probier gleich mal einen Schluck! Passt! Ohne dem Heiligen Liborius zu nah treten zu wollen, das Wasser hier könnte noch frischer schmecken. Sanfter? Zuhause werden wir einen Vergleichstest durchführen.
Und dann endlich müssen wir auf dem Heimweg unsere Patienten besuchen. Serge schwächelt bereits im Eingangsbereich. Ich weiß, dass seine Mutter in einer Pflegeeinrichtung gestorben ist, er hat sich um sie gekümmert. Doch! Das hat er mir erzählt, als wir auf dem Sofa lagen und unsere ayurvedische Kräutermischung tranken, wie es da empfohlen wird: Zweimal täglich vor dem Zubettgehen. Also halten wir, wenn möglich, eine kleine Siesta. Man muss nur sehr aufpassen, dass man vor Serge einnickt, er schnarcht nämlich gewaltig. Viel Masse eben, so kann man sich auch gut an ihn kuscheln, wenn er nicht so schrecklich ... Ja, für Frauen kann auch der ganz normale Alltag Horror pur sein. Wenn Serge vorher einschläft, schaue ich ein wenig Die Schatzinsel. Klar, vintage, die alte Serie, die wollte Gott eigentlich mit mir schauen, bevor die Patin aufgetaucht ist. Prioritäten, er hat die Kinderserie längst vergessen. In der Pflegeeinrichtung ist Robin in seinem Element, entweder kommt ihm zugute, dass er nicht der hellste Kopf ist, oder ihn ihm schlummert das Bedürfnis, sich um Menschen zu kümmern. Sofort setzt er sich zu einigen Herrschaften an den Tisch und erzählt ein paar seiner Witze, er füttert einen älteren Herrn wie nebenbei. Eigentlich ist er auch ganz nett, sage ich zu Gott, der die Achseln zuckt. Er wird eine Dame nicht mehr los, die ihn ständig begrüßt. Was für ein Zufall, dass ich Sie hier gerade treffe, sagt sie nun bereits zum dritten Mal. Nach 48 Stunden in diesem Heim hätte ich einen Nervenzusammenbruch, raunt mir Gott zu. Ja, Hochachtung vor dem Pflegepersonal. Gott begrüßt die Dame erneut, selbst hier, stehen sie halt auf ihn - die Frauen, wie macht er das bloß? Ich erledige ein paar Besuche, der Mann mit der Melone? Ist er verstorben? Oh. Dabei schien er doch letztens noch ... Ja, ich weiß. Er vermisste seine Frau. Ich geh mal raus zu Serge, sagt Gott und geht zielstrebig auf die schwere Tür am Ende des Flures. Die Dame möchte hinterher, ich versuch's einfach mal, ich lenke sie ab. Was für ein Zufall!, sage ich laut. Ich hätte nicht gedacht, dass ich gerade Sie ... Und schon hat sie Gott vergessen und freut sich, mich zu sehen.
Giersch
... ein glücklicher Zustand? Wie auch bei unseren Patienten. Alle freuen sich, mich zu sehen, begrüßen mich überschwänglich. Doch drehe ich mich zum Abschied noch einmal um um zu winken, haben sie mich bereits vergessen. Wir können gehen, sage ich zu Robin, der einen gar nicht so alten Herrn versucht davon abzubringen, ein extra mit Sicherheitsschloss versehenes Fenster aufzubrechen. Ja, manche sind hier auch unglücklich. Da bist du aber ganz schön in deinem Element, sage ich zu Robin, der mich heute beeindruckt hat. Irgendwann sitzen wir alle mal da, prophezeit er mit düsterer Miene. Wer weiß. Vermutlich hat er Recht, noch setzen wir ja - trotz aller Sünden - auf die Wildkräuter. Schade, dass ich heute nirgendwo ein Bärlauchfeld entdeckt habe. Dafür aber? Der Giersch kommt schon aus der Erde. Und die Brennies, die ich extra im Garten züchte, sind auch längst da. Ein Schlemmerfest wächst heran! Energie.


Brennessel


~


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen