Freitag, 20. März 2015

Emotionen


Kaum daheim eingetroffen, staune ich, ein überraschender Lärm hallt durchs Haus. Passt überhaupt nicht zu Gott. Ich folge dem Sound und finde ihn im Wohnzimmer auf dem Boden vor einem alten Kassettenrecorder hocken. Wie es seit jeher meine Art ist, nutze ich die Gunst des Moments und springe, und? Sofort wird wieder nur gemeckert, denn was früher einmal für viel Freude gesorgt hat, ziemt sich für ältere Damen wohl einfach nicht. Was soll denn das?, murrt Gott, und ich steh schnell wieder auf und schließe das Fenster. Was sollen denn die Nachbarn denken? Bei so einem Lärm, sage ich nun meinerseits vorwurfsvoll. Du hast meine alten Kassetten gefunden, stelle ich fest. Du hast sie nach Männern sortiert, stellt Gott seinerseits fest. Nach Jungs, sage ich, das waren alles Jungs. Gott legt eine andere Kassette ein, wer war's?, fragt er. Ich lächle, manchmal passt's halt nicht, sage ich, sehr frustrierter Typ. A propos passen, ich habe wunderbare Neuigkeiten! Spencer ist vermittelt! Ist das nicht großartig, ich klatsche in die Hände! Die freche Stolperfalle, sagt Gott. Schön, sagt er. Der kleine zahnlose Rammler, ich lache, ich mochte ihn wirklich. Er ist jetzt allein bei Leuten, die ganz dezidiert so einen kleinen, alten Hund suchten. Er ist da richtiger kleiner König, hat die Frau gesagt. Das passt auch gut zu ihm, ich freue mich. Gott scheint weniger emotional, legt eine andere Kassette ein. Wer war's? Ich lausche, der Holländer, sage ich verträumt, Gott prüft das überflüssigerweise auf der Kassettenhülle, als hätte ich auch schon ... Gedächtnisstörungen. Die eiert, sagt er. Wie's halt so oft ist - mit der Romantik. Was soll's. Wie geht's eigentlich deinem besten Freund, fragt er dann. Ich seufze. Ich hab der netten Frau, die sich um ihn kümmert, noch einen Brief geschrieben, sage ich. Ich rufe erst nach Ostern bei ihr an, weil sie so nett war, mir ihre Nummer zu geben. Vielleicht kann ich ihn besuchen, wenn es ihm besser geht. Aber wenn sie mir jetzt sagt, dass er da so ganz langsam wegdämmert, verkraft ich das nicht. Immer erst drei gute Neuigkeiten, dann eine schlechte, wenn's überhaupt sein muss. Das ist die neue Parole. Gott nickt, der arme Kerl, sagt er. Ich gehe d'accord. Und jung. Und lieb, ein klasse Typ. Lieber wechsle ich das Thema. Ich hab mit dem Dings geredet, sage ich. 70-100.000 Euro hat er gesagt, weil die ja gleich gebaut sind, die hat er damals bezahlt. Und sie haben bei sich alles neu gemacht. Sogar Solar etc. Also .. Kann ich damit erst mal kalkulieren, schon vor dem Gutachten. Das ist theoretisch viel günstiger, als ich dachte. Kommt auf die Theorie an, wirft Gott ein, aber wer muss nicht investieren, wenn er kassieren will. Und jeder will's kaufen, glaubst du das? Freiwillig hierhin ziehen? Ich versteh immer nicht, dass Leute das freiwillig machen. Na, Geld ist ja momentan ... Und alle scheinen mich für ziemlich dämlich zu halten, wie's aussieht. Das kann ein großer Vorteil sein, sagt Gott. Ich wiege den Kopf, ich find's eher etwas sonderbar. Mach ich so einen dämlichen Eindruck?, frage ich, Gott lacht. Nun, beginnt er, aber ein warnender Blick lässt ihn verstummen. Die Wahrheit - man muss sie nicht immer zur Kenntnis nehmen. Selbst die Banken, die mir zuerst irre viel Schwierigkeiten machen, wollen dann am liebsten gleich mitverdienen. So ist's halt, sagt Gott. Nur in den schönen Künsten arbeitet man umsonst. Pah! Selbst dieser kleine Jüngling, der in einem halbstündigen Gespräch in seiner nicht nachvollziehbaren Funktion als Sachbearbeiter siebenmal mit der Rechtsabteilung Rücksprache halten muss, weil er keine Ahnung hat, bietet mir am Ende? Hilfe an. Vermittlung. Provision. So einen Job hätt ich auch gern. Warten Sie mal eben, ich bin sofort wieder da, ich frag schnell den Boss. Und dann gleich noch mal. Und noch mal. Und immer wieder! Gibt's das? Gibt's, bestätigt Gott. Experten eben. Wir werden übrigens nicht mehr von den blauen Tellern essen, sage ich. Das ist schön, sagt Gott, der, seit ich sie in den Schrank geräumt habe, ständig über das irre Muster stänkert. Was Porzellan betrifft, ist er definitiv kein Schnickschnack-Typ. Ein Teller kostet 87,00 Euro, sage ich, denn heute hab ich mich diesbezüglich mal beraten lassen. Königlich, die Damen der alten Schule wussten eben, wie man auftischt, Gott scheint zu zweifeln. Die kommen also unter den Hammer, so fein müssen wir nicht speisen, sage ich. Gott nickt zufrieden. Die hässlichen Dinger, sagt er. War der Mann schon da?, frage ich dann. Gott schüttelt den Kopf. Sehr gut! Denn der hat mir letztes Jahr um diese Zeit seinen ganzen Dreck einfach hinter die Hecke geworfen. Genau, da wo gerade jetzt der Bärlauch sprießt! Das gab Ärger, da werde ich ihm gleich noch mal Bescheid stoßen, dass ... wenn er noch einmal denkt, das so und gerade dort so zu hinterlassen. Ohmmm, sagt Gott, der inzwischen tatsächlich daran glaubt, dass mit einem Mantra die Herzfrequenz reguliert werden kann. Stimmt ja auch. Was meinst du, frage ich, wie oft sind die alten Inder wohl am Tag ins Bett gegangen. Gott runzelt die Stirn. Abends?, fragt er. Könnte sein. Und noch ein Mittagsschläfchen? Siesta? Ich hab mir hier nämlich so eine ayurvedische Kräutermischung besorgt, die ist gut für die Beruhigung der Emotionen. Und? 



Zweimal täglich vor dem Schlafengehen, liest Gott vor. Nun, das ist ... Einfach abends zwei Becher hintereinander wegkippen? Wir probieren's einfach aus. Verlassen sollte man sich besser auf nix. Nicht mal auf Verzehrempfehlungen. Was ist das hier wohl?, frage ich dann und reiche Gott einen irre dicken Brief.  Die überweisen 8000 Euro zurück, sagt Gott nach längerer Prüfung. Ich nicke. Schau dir mal die komplizierten Berechnungen an, sage ich. Ouh, sagt Gott, ich nicke. Wenn man von falschen Grundvoraussetzungen ausgeht, kann man alles mögliche als Resultat erzielen. Ich wollte mal mit meinem Freund, da waren wir vielleicht fünf, einen Katalog wegwerfen. Der war uns zu dick, nimmt in der Mülltonne so viel Platz weg. Wir hatten die famose Idee, ihn in seine Einzelteile zu zerreißen, ist ja auch viel klüger, hat man erstmal den ganzen Tag was zu tun. Jedes Blatt einzeln rausreißen und knüllen. Am Ende war das Zimmer voll mit Papier. Man konnte sich nicht mehr bewegen, nur noch reinwerfen, drin rumtoben. Aus dem Fenster vorbeifahrende Autos bewerfen. Und der Papa war dann sauer. So viel Müll. Physik, sagt Gott. Tja. Man lernt halt am besten durch Versuche. Manchmal sogar durch Fehler. Jetzt muss ich da also wieder anrufen. Und denen das Geld zurücküberweisen. Ich fass das alles nicht. Wenn jemand bloß mal anständig seinen Job machen würde. Andererseits! Was der da berechnet hat, steht uns zu. Es wurde bloß nicht bewilligt. Aber mehrfach hat man mir von neutraler Seite bestätigt, dass es uns zusteht. Kommt immer auf den Gutachter an. Und ich weiß jetzt, dass ich den sogar ablehnen kann. Man hat das Recht, einen inkompetenten Gutachter abzulehnen. Muss man nur erst wissen! Also fülle ich gerade mal wieder einen zwölfseitigen Antrag aus, damit es so kommt, wie es kommen muss. Laut dem Gesetz. Was bedeutet? Der Mann, der's berechnet hat, war seiner Zeit einfach voraus, sagt Gott. Ich nicke finster. Jetzt muss ich's erst zurücküberweisen. Aber schon in ein paar Monaten, ich schwör's dir, ich reg mich gar nicht erst auf, in ein paar Monaten heißt es dann ... Genau!


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