Donnerstag, 26. März 2015

Das starke Geschlecht



Schlender mal morgens nach dem Training im Yoga-Outfit durch den Baumarkt. Ja, all die Herren, die sich dort so zahlreich herumtreiben, mutieren unerwartet zu einer homogenen, hilfsbereiten Masse. Sonderbar, eine spezielle, oft vergessene, selten anzutreffende Spezies? Nein, danke, ich suche nichts Bestimmtes. Ich schau mich nur mal um. Und irgendwann dann ungeduldig auf die Uhr. Nein, danke! Ich warte hier auf meinen Mann, sage ich etwas später, eine Antwort, die umgehend verstanden wird und tatsächlich für Abstand sorgt. Vielleicht wäre zuweilen ein Schild um den Hals günstig, 'Mein Mann kommt nach!' Oder so. Auf alle Fälle freue ich mich extrem, als Serge  tatsächlich endlich auftaucht. Ein Mann wie aus dem Bilderbuch, groß, viereckig, Stiernacken. Ein Griesgram. Endlich, sage ich, und er murmelt ein paar Entschuldigungen bezüglich seiner Verspätung. Die Schar hilfsbereiter Baumarkt-Herumtreiber scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Bedauerlicherweise müssen wir dann allerdings doch unverrichteter Dinge den Heimweg antreten, da unser Anliegen hier nicht bearbeitet werden kann. Ich suche nämlich echtes Holz und keine geklebten, dünnen Bretter. Tja. Ab zum Sägewerk also. Doch vorher erkundige ich mich lieber, wie es heute Morgen so war. Nachdem ich das Haus in aller Früh verlassen habe. Wie sieht's aus?, frage ich Serge, der nickt. Was wahrscheinlich bedeutet, dass sich die Dinge beruhigt haben. Und Robin?, frage ich. Wird sich entschuldigen, sagt Serge, ich lasse mir meine Überraschung nicht anmerken. Mit Robin gab es nämlich gestern Abend in einem kurzen Moment eine kleine Kollision. Er wollte in den Puff. Ich sagte meine Meinung. Und ja, man macht sich wenig Freunde, wenn man längst nicht so tolerant ist, wie man sich zuweilen gibt. Ich legte das Näschen in die Luft, schnupperte, roch seine dämlichen Zigarillos, die er am liebsten in der Küche raucht, und deren qualmigen Odeur er anscheinend versuchte, mit etwas anderem zu überlagern. Ich sagte, glaubst du wirklich, dass so ein billiges Rasierwasser noch irgendwas für dich rausreißen kann? Robin tat, als hätte er mich nicht gehört, sicherlich, weil mich seine Angelegenheiten einen feuchten Kehricht angehen. Stimmt. Ich hakte dennoch nach. Im Herrenclub schon eine Dame ausgesucht?, fragte ich. Standard? Oder ... Obsessive Bedürftigkeit? Ich zählte einige spezielle, Zusatzkosten erzeugende Extra-Services auf. Traf dabei sicherlich irgendwo ins Schwarze, Robins Miene verdüsterte sich zusehends. Ta gueule, knurrte er zu mir rüber. Ich wollte allerdings der Rede noch einige Gedanken anfügen. Und dann? Bums. Ich weiß gar nicht genau, was passierte. Ich denke, er hat mir lediglich mit den Fingerspitzen irgendwo vor die Brust geschlagen. Nichts Schlimmes, und doch ein harter Stoß, der mich vor ein Bücherregal schubste, ein paar Bücher vielen zu Boden. Ich schwieg. Es war kein Moment der Nachdenklichkeit oder des Rückzugs gar, man soll sich nicht einschüchtern lassen. Vielleicht handelte es sich einfach um spontane Verwirrtheit. Ich holte Luft. Strategie für den Überlegenen? Die Wut nutzen. Strategien für den Unterlegenen? Eine gesunde Distanz aufbauen. Ich stand indes ungünstig vor dem Regal, Robin zu nah. Und tapfere, neue Gedanken fassen. Schwachmat, sagte ich, denn Zurückweichen ist Schwäche. Robin trat auch sogleich einen Schritt auf mich zu. Schwachmat, wiederholte ich tapfer. Oder dümlich. Und daraufhin trat Robin einige Schritte zurück, doch nicht etwa, weil meine gefassten Gedanken ihn irritiert hätten, sondern weil Serge plötzlich im Türrahmen aufgetaucht war. Er feuerte ein paar wirklich schnelle, zischende Sätze auf Französisch in Robins Richtung, die ich, immer noch verwirrt wie ich war, nicht verstand. Robin hob unschuldig die Hände. Antwortete trotzig, ich hätte ihn gereizt. Das habe ich verstanden. Das stimmt!, sagte ich ebenso trotzig zu Serge, der missmutig den Kopf schüttelte. Immerhin - es gab an diesem Abend keinen Ausgang mehr für Robin, der in seiner billigen Zigarillo-After-Shave-Duftwolke von der Patin kurz darauf in ein Nebenzimmer zitiert wurde. Auch ihr Französisch habe ich durch die Tür nicht verstanden, sie schien recht aufgebracht. Tut mir Leid, sagte Serge derweil zu mir. Der Schwachmat, wiederholte ich laut. Mir fiel kein neuer Gedanke ein. Es ist sicherlich keine Rechtfertigung, aber man sollte ihn nicht reizen, sagte Serge. Ich dachte daran, wie freundlich Robin am Mittag noch zu den alten, verwirrten Leuten in der Pflegeeinrichtung war. Tja. Er ist nicht der Hellste, räumte ich ein. Serge nickte. Er wollte nur einen Abend in einem Herrenclub verbringen, sagte ich, was gesellschaftlich ja durchaus seit Jahrtausenden gang und gäbe ist. Serge seufzte. Und ich wunderte mich, ja, ich wartete darauf, dass er mir endlich - ganz entre nous -  Vorwürfe machte. Doch er schwieg.


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