Sonntag, 1. März 2015

Choleriker


Letztens schrieb irgendwo jemand über sich selbst, er sei Choleriker und schwer manisch-aggressiv. Darüber musste ich nachdenken. Hast du in der Zeitung über den Typen gelesen, der fernsehen wollte, dem sie aber wegen ausstehender Zahlungen den Saft abgedreht haben?, frage ich Gott. Der Typ, der ein Loch in die Wand schlug, nickt Gott, um die Leitung anzuzapfen. Was für eine famose Idee! Leider hat er damit allen anderen auch den Hahn abgedreht, stellt sich die Frage, war es eine spontane Idee? Manisch-aggressiv ausgeführt. Wir wissen es nicht, aber es ist eine wunderbare Story. Flaubert sagt: "L'auteur dans son oeuvre doit être comme Dieu dans l'univers, présent partout et visible nulle part." Und an anderer Stelle: "Hat der liebe Gott jemals seine Meinung gesagt." Wissen wir hier längst, doch wäre es nicht wünschenswert, wenn sich zumindest einige Autoren danach richten würden? Indes. Mal nachdenken. Was ist dann mit dem Leser, frage ich Gott. Soll der dann die Lücken füllen? Weiß der dann am Ende Bescheid? Gott zuckt die Achseln. Z. B. der Herr Zeltserman, dieser Leonard ist ja wohl grandios gelungen, schwärme ich. Aber nach der Lektüre von Kyle misstrauen wir ein wenig dem Autor. Wo wird er ihn hinschreiben. Zumindest in den ersten Kapiteln lässt er ihn wunderbar offen, ein Mörder - klar. Aber er weiß selbst nie genau, was er wieso tut. Oder v. v. Er folgt einfach einer Logik, auch wenn er sie nicht durchschaut. Ist das auch wieder nach einem realen Fall?, frage ich. Angeblich inspiriert durch Martorano, sagt Gott. Und will uns der Autor vor diesen Typen warnen? Gott wiegt den Kopf. Zumindest scheint er einer gewissen Affinität zu folgen? Und - Achtung! Psychologie! - selbst Hass soll angeblich auf Liebe beruhen. Lies doch einfach weiter, schlägt Gott vor, der sehr müde scheint. Ausgelaugt, gestern Nacht wurde es sehr spät, hast du Kopfweh?, frage ich, obwohl ich nicht glaube, dass sie gefeiert haben. Womöglich war es doch eine Krisensitzung. Gott schüttelt den Kopf und dehnt die Schultern. Nacken scheint verspannt, dagegen habe ich ein wunderbares Mittel. Ich hab mal beim Krakenmann-Autor gestöbert. Immer geht's in düstere Abgründe? Alles verstörend? Schonungslos. Die Leser sind da sehr freigebig mit Vokabular, das Grauen widerspiegeln soll. Ich denke darüber nach, bei meiner Halblektüre vom Krakenmann ist mir nichts dergleichen begegnet. Ich werde doch noch einmal einen anderen Titel von ihm antesten - ja, reizt mich. Wie haben wir's gerade festgestellt? Hass - Liebe. Worauf beruht wohl Antipathie? Gibt sich der Autor immer klüger als seine Figuren, frage ich Gott. Tut er nicht, behauptet der in gestressterem Tonfall, ich lache. Intellektuell reiche ich den zweien einfach nicht das Wasser. Ist dieser ganze Klassiker-Verruchte-Femme-Fatale-Blödsinn eigentlich nicht schlimmer Unsinn?, frage ich Gott. Bei welchem Autor sind wir jetzt, fragt er. Zieht sich als Linie irgendwie durch, sage ich. Aber - wir werden keine Antwort bekommen, denn: 'Hat der liebe Gott jemals seine Meinung gesagt?' Und was ist jetzt bloß mit dem Leser? Darf der am Ende urteilen? Wäre der Text nicht hoffnungslos missraten, wenn er es am Ende könnte? Was halten wir von dem Mann, der ein Loch in die Wand schlug, um endlich wieder fernsehen zu können. Ein Irrer? Eine gute Idee etwas zu impulsiv oder auch einfach nur dilettantisch ausgeführt? Nachrichten. Texte. Meinungen. Darf der Leser nun urteilen?, frage ich. Wäre ein Text dann nicht missraten? Eindimensional? Nach Flaubert's Einschätzung womöglich schon, räumt Gott ein. Er plaudert aus dem Nähkästchen. Und für diesen klugen Satz kümmer ich mich umgehend um seinen steifen Nacken. Es ist ganz einfach, sage ich, hebe dein Herz! Gott wirft mir einen Blick zu. Es ist ein kleiner Strang genau zwischen den Schulterblättern, öffnet das Herz, den Brustkorb, das Zwergfell, die Schultern senken sich wie von selbst. Und jetzt schön kreisen, die Schultern kreisen lassen. Langsam. Sehr sehr langsam. Gott tut, wie ihm geheißen. Und es donnert im Gebälk. Siehst du, nicke ich zufrieden. Da sitzt es.
Liebevoll. Liebevoll kreisen lassen.



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