Dienstag, 31. März 2015

Bibliotheken


Führ mal sechs oder sieben oder weiß der Geier wie viele sich in vielen Jahrzehnten in vielen Haushalten ansammelnde Bibliotheken zu einer zusammen. Ja, Sammeln, Bücher, Walter Benjamin usw. Doch bedenke dabei, dass du dich auch zukünftig in deinen vier Wänden zuweilen noch bewegen willst. Ergo? Respekt vor dem gedruckten Wort. Doch leider - wir müssen uns trennen. Von einigen Werken, einer Menge Werken. Gott hat damit angefangen, indem er sich mit einem uralten Buch mit güldenem Ledereinband in eine Ecke verzogen hat. So kommen wir nie voran. Das ist unwahrscheinlich gut, sagt Gott geistesabwesend. Vor allem alt. Und chic, sage ich. Und gut, sagt er. So kommen wir definitiv nie voran. Ich blättre alte Zeitschriften durch. Rezensionen. Guck mal, sage ich, Baumgart, so hieß der, dessen Namen mir letztens wieder nicht einfiel. Und dann lese ich was andres. Sag mal, hast du hier mal unter Pseudonym geschrieben?, frage ich. Und zwar unter einem ..., ich überlege. Als wär die Phantasie vor mir als fliehendes Pferd daherhergaloppiert?, Gott lacht. Suggerierte Meinungsvielfalt. Wer eine Schreibe hat, wird eh erkannt. Oder eben nicht. Wer möchte sich als Leser schon auf eine Meinung verlassen? Dem Opferlamm folgen? Nun, vermutlich ist es zumeist recht egal, welcher Name unterm Text steht, Rezensenten sind womöglich längst nicht so wichtig, ja, wie sie sich auch selbst nicht nehmen. Vermutlich eine Frage des Einkommens? Der Versuch zu überleben? Als Akademiker? Ich schreibe auch bald unter Pseudonym, kündige ich an. Nenn es nicht, sagt Gott, weil er immer alles weiß. Ich nenn es nicht. Man muss auch gönnen können, sagt Gott. Von Herzen, nicke ich, wer auf Eigen-Promo steht, soll diese auch bekommen. Gratis. Als wäre es bedeutsam. Ich schwenke zurück zur Bibliothek - in vielen Kartons stapeln sich Unmengen von Taschenbüchern. Ein Schocker steht auf einem Buch, ich greife zu: 'Colonell Parnell erhält eines Tages einen Brief von Frederick Jackson, dem Inhaber einer Froschfarm.' Du sagst, wenn du's erkennst, erinnere ich Gott an unser Spiel. 'Parnell schickt sofort seinen besten Mann los, um die Sache...' Was steckt hinterm Feigenblatt?, unterbricht Gott, um den Titel zu nennen. Sehr gut. Nächster Titel, wir haben ja genug, ich lese: 'Bellende Hunde sprangen mordgierig gegen die schlecht geflickten Zäune, die Autoskelette starrten aus den dunklen Höhlen, in denen einst Scheinwerfer gesessen hatten, der Wind spielte mit quietschenden Scharnieren und wimmernden Kunststoffteilen', ich seufze bei so viel Atmosphäre. Ganz harte Hunde - diese schreibenden Männer. Lebenslänglich Pizza, benennt Gott den Titel, weil er einfach alles weiß. Ich greife zu einem weiteren Buch. 'Cousinen sind mir heilig. Ich bekreuzigte mich. Ah, zweifelnder Blick. Wieder ein Schlagloch. Ich rummste mit dem Kopf gegen den Wagenhimmel. Der Fahrer fiel gegen mich. Blitzschnell tastete seine Hand über meinen Oberkörper. Dann stemmte er sich an meinem Schenkel wieder zurück in seinen Sitz. Heilige Nuttenscheiße ...', ich unterbreche die vorgetragene Lektüre, weil ich lachen muss. Die Königin der Bienen, sagt Gott wie nebenbei und blättert in seinem güldenen Buch. Wenn ich jeden Titel erst erraten soll, kommen wir nie voran, erinnert er mich. Er hat recht. Aber, sagt er. Das hier, das ist wirklich gut. Okay! Dann behalten wir das. Ich mach mal alleine weiter, denn von einigem anderen werden wir uns wohl trennen. Müssen.


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