Montag, 2. Februar 2015

Wandern


Wir sitzen bei Gericht und reichen einen Antrag ein, es ist simpel. Lesen Sie sich das durch, ob die Tatsachen richtig erfasst wurden, im Zweifel verändern wir, dann unterschreiben Sie. Ich lese und verändere so, dass die Tatsachen auch richtig erfasst wurden. Auch am Stil würde ich gern einiges verändern, das ist Amtsdeutsch, sagt Gott. Und wer das erfunden hat, hatte keinen Sinn fürs Ohr: Wir sind hier erschienen - Punkt - Wir legen die original Vollmacht vor - Punkt - Rechtschreibfehler verbesser ich nicht, am Ende führt das zu Antipathien, die ich bei Gericht nicht gebrauchen kann. Nebensätze kennen sie hier nicht. Dann gibt's auch nicht so viele Kommafehler, sagt Gott vieldeutig, weil ich sie so gern sinnstiftend für Leser mitten in den Satz haue. Für Leser, die den Text laut wiedergeben möchten. Schließlich soll der Text immer klingen! Flaubertgemäß - einem Rhythmus folgend. Egal. Nachdem alles geklärt ist, sitzen wir in einem langen Gang und warten noch einen Augenblick, bis man uns die Originale und die Kopien wieder aushändigt. Gott hält ein Nickerchen, ich sehe einen Mann und bin fasziniert. Er trägt eine Robe, so dass wir davon ausgehen können, wir sind bei Gericht, dass er Anwalt ist. Neben ihm steht ein hübscher Mann, der dann eventuell Klient ist. Was der wohl auf dem Kerbholz hat, sage ich zu Gott, der aber lieber weiterdöst. Der vermeintliche Anwalt ist indes auch viel interessanter, ständig schaut er sich um, als sei er enorm nervös, gehetzt, mit den falschen Pillen zugedröhnt. Er trägt einen sonderbaren Scheitel, einen Pony und eine dicke Brille, durch die er anscheinend sehr schlecht sieht, und er macht den vermeintlichen Mandanten völlig nervös, ständig schlägt er mit der Faust vor die Wand - das ist mehr als unterschwellige Aggression, die sich dort sinnlos offenbart. Den könnte man in jedem Film perfekt als verwirrten Amokläufer einsetzen, sage ich zu Gott, denn Casting-Director ist auch so ein Traumjob von mir, gleich nach Richter und Amtsärztin und Box-Promoter. Der könnte tatsächlich einer sein, sagt Gott, dem selbst beim Rumdösen niemals etwas entgeht. Gott - der Held - der meisterkochende Panzerknacker, denn nur deshalb können wir hier sein. Mit all den Vollmachten. Und kaum halten wir die Papiere in Händen, wird Gott bei dem Versuch, die Straße zu überqueren, von einem Radler angefahren. Pass doch auf Mann, brüllt ihn der Typ an. Sonst heißt es morgen in der Zeitung: Mann in Fahrrad qualvoll verendet. Gott gibt sich sprachlos. Mir fallen zu so einem Schwachsinn aber gleich ein paar Takte ein, denn - Haben Sie mal das Schild gesehen? Da! Einbahnstraße! Sonst heißt es hinterher noch: Gnadenloser Rüpelradler wurde direkt vor Gericht verhaftet. Wegen Körperverletzung, schweren Vergehens gegen die Straßenverkehrsordnung und Rumpöbelei. Gott nickt, der Typ fährt maulend weiter. Und wir machen uns rasch auf in den Wald, denn bevor Gott zurück auf den Olymp muss, machen wir lieber noch eine schöne Wanderung an der frischen Luft. Gute Luft hier, sage ich in die trüb-graue Witterung. Und etwas später frage ich in das missmutige Schweigen: Nimmst du mich mit? Auf den Olymp, mein ich. Nein, sagt Gott und stapft durch den Wald. Warum nicht, frage ich, denn letztens, als ich ihn abholte, sah ich einen Typen ... Wer war das eigentlich? Adonis selbst? Dafür war eigentlich viel zu ... Unsinn, sagt Gott, das war einer dieser Nachkommen von Ares, hat nichts als Krawall im Sinn, macht nur Ärger, immer auf Konfrontation. Ich nicke, das war er, bestimmt, genau so sah er aus. Wie heißt er, frage ich also wie nebenbei. Weiß ich nicht, sagt Gott, die Götter haben es so wild gebtrieben früher, er ist nur ein Halbgott, höchstens, in der x-ten Generation. Ich nicke. Schwere Zeiten für die Nachkommenschaft. Aber du hältst dich von ihm fern, sagt Gott. Und ich frage mich, seit wann Gott mir Direktiven gibt. Vermutlich seit ich ihn ständig als beschützenden Begleiter einsetze, ein Fehler - vermutlich. Ein unvermeidbarer schlimmer Fehler. Ich hatte immer noch keine Zeit den neuen Zeltserman zu verschmökern, wende ich mich einem anderen Thema zu. Aber ich las letztens doch tatsächlich, niemand könne den Protagonisten im neuen Buch mögen. Gott winkt ab, denn? Derartige Behauptungen können selbstverständlich ausschließlich durch Eigenlektüre bestätigt bzw. widerlegt werden. Der selbstdenkende Leser weiß das, wir konnten erst letztens feststellen, dass die Dialogaufsagerei beim Krakenmann - wie sie in einer Rezension angepriesen wurde, und auswendig lernen fällt mir ja nicht sonderlich schwer, längst nicht so viel Spaß machte, wie man hätte glauben können, hätte man sich auf den Rezensenten resp. seine Meinung verlassen wollen. 'Willst du einen Blowjob' ist im Übrigen auch irgendwie missverständlich übersetzt, sage ich. Klingt ja, als hätten wir da ein Angebot von jemandem, der's nötig hat, aber es muss erst noch über den Preis verhandelt werden, und wer dann am Ende das Elend übernehmen will. Schließlich gibt's überall nur noch Dumpingpreise ..., sage ich voller Empörung, denn wenn ich mich mit Dialogen auseinandersetze ... Und ich habe Ahnung, denn ich weiß, wie viel man heutzutage und früher dafür bekommt. Und ich weiß das, weil ich u. a. Studentinnen kannte, die so ihr Studium verdient haben, nebenbei. Einige von denen haben sogar in der Schweiz studiert, wo alles so irre teuer ist. Und wer nicht gleich in ein Hotel gebeten wird, macht es eben auf der Straße. Hübsche junge Damen, die internationales Recht studieren oder simples Jura, Medizin. Und später wundert man sich über ihre Misophallie, so heißt es doch, nicht wahr?, frage ich nach langem Nachdenken, denn ich hatte niemals Altgriechisch. Aber gyn muss ja Frau heißen, klar. Also ist Mis- die Silbe für Hass? Misogynie, Misanthropie, ich denke logisch. Prima! Beim Wörtererfinden am besten immer besonders klug mitdenken! Phallophobie, sagt Gott. Angst und Stresssymptome, die auf einschlägiger Erfahrung beruhen, sage ich. Wie auch immer, sagt Gott. Es war die falsche Stelle, sagt er dann. Die Aussage des Herrn bezog sich auf andere Dialoge, die man auswendig lernen möchte, sagt Gott. Ich lache, aber Gott hat immer
Recht, natürlich. Kyle war einfach ein klasse Typ, lenke ich das Thema um. Schwer zu führen, gibt Gott zu bedenken, der - seit er etwas mit der Patin am Laufen hat - in jeder Hinsicht viel entspannter ist. Wie ich immer sage, auf den Umgang kommt es an! Kyle war so überdreht, weil ihn sein Autor nicht mochte, das ist ein hartes Los, sage ich. Man sollte seine bad-boys schon mögen. Einer muss schließlich die Drecksarbeit erledigen, du weißt das inzwischen, sage ich ... Gott nickt grimmig. A propos - soll ich dich heute Abend wieder abholen? Wenn ihr Feierabend macht. Auf dem Berg? Du hältst dich von ihm fern, sagt Gott drohend. Der Typ muss ganz schön was ausgefressen haben. Ein Sohn von Ares, überlege ich. Ares. Wer war das überhaupt genau? Ich hol dich ab, sage ich. Ist dieses Rinnsal wirklich die Ems?, fragt Gott, ich nicke.


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