Montag, 23. Februar 2015

Misstrauen


Was ist das?,fragt Gott in barscherem Ton und hält ein Zettelchen in der Hand. Nun, das ist? Eine sich selbsterklärende To-Do-Liste, kläre ich ihn freundlich auf. Das Rüttelrost kann nicht mehr rütteln, es liegt falsch im Ofen. Wir müssen es aber erst freischaufeln, sonst fällt weiterhin alles daneben, dann funktioniert die Heizung nämlich bald nicht mehr. Der Fenstergriff ist - wie ich gestern bereits erwähnte, so locker, dass man die Tür nicht mehr verriegeln kann, das ist ungünstig. Es sei denn, man ist als Einbrecher unterwegs. Und drüben ist ein Fenster aus dem Rahmen gefallen, ich dachte erst, jemand wäre da schon eingebrochen. Es scheint sich allerdings allein zerschmettert zu haben. Und! Es ist alles so, wie ich es notierte, drüben fällt der Zaun um, bevor sich am Ende noch die Nachbarn beschweren, dachte ich ... Und ich soll das ...?, Gott klingt ein wenig unfreundlich. Ja! Ich hätte sehr gern drei Brüder, denke ich sehnsuchtsvoll vor mich hin, große Kerle, keine Akademiker, echte Handwerker, die man zu etwas gebrauchen kann. Die könnten sich jetzt um alles kümmern. Ach, sage ich dann lieber ganz freundlich, weißt du, ich habe immer schon drei Brüder haben wollen. Ich muss umsichtig vorgehen, ich habe sie nie gehabt, und momentan bleibt all der Ärger und die Arbeit, die wir den dreien so gern zuschanzen würden, an Gott hängen. Ich wünschte, du hättest sie, sagt Gott, der die drei ebenfalls vermisst. Ich auch, sage ich. Ich auch. Schau mal lieber hier, sage ich dann und zeige ihm eine Mail. Gott runzelt die Stirn. Von der Patin?, fragt er. Ich nicke. Wusstest du, dass sie Enkelkinder hat?, frage ich, Gott runzelt noch mehr die Stirn, anscheinend war ihm diese Tatsache bislang unbekannt. Komme ich jedoch zum Wesentlichen: Wieso schreibt sie mir? Sie mag dich?, schlägt Gott vor. Das wär mir neu. Sie hat mir schon einige Male geschrieben, ich weiß nicht, wieso. Sie schreibt so lapidare Dinge, sehr freundlich, sehr privat. Sie mag dich, sagt Gott erneut, aber ich bin mir nicht sicher. Sie hat, wenn wir uns begegnet sind, nicht gerade Sympathie zum Ausdruck gebracht. Zumal sie auch nicht versteht, wieso Gott so viel Zeit mit mir verbringt. Er versteht es selbst nicht, aber, wie wir eben erst feststellten, könnte es an meinen ungeborenen Brüdern liegen? Man weiß schließlich niemals, wieso man gemocht wird. Oder nicht! Oder gebraucht oder geliebt. Menschendenke. Ich bin mir nicht sicher, wie ich ihr antworten soll, sage ich. Ich kenn sie doch kaum. Sie mag dich, versteift sich Gott auf eine Idee. Aber ich trau der Sache nicht. Irgendwas stimmt da nicht, wenn Leute unerwartet so nett sind. Ohne Grund. Oder - offensichtlichen Hintergedanken. Ich werde darüber nachdenken. Was meinst du, kannst du ein Fenster neu einsetzen, konzentriere ich mich dann wieder auf die Unbill des Alltags? Nein, sagt Gott. Ich seufze, dann rufe ich eben wieder den Handwerker an. Das mache ich sehr ungern. Immer wenn ich mich bei ihm melde, hilft er sofort. Der ist viel zu nett, sage ich. Der ist so nett, sage ich, dass man gar nicht weiß, wie man ihm danken soll. Der kann auch alles. Handwerker eben. Vom Bau, nickt Gott, die können immer alles. Und immer wenn ich ihn treffe, sage ich, jetzt müssen Sie aber mal eine Rechnung schicken. Und jedes Mal lacht er. Kommt, sagt er dann. Die kommt noch, sagt er. Die kommt aber nie - die Rechnung, der hat mir schon so viel geholfen. Der ist so nett, sage ich zu Gott, dass ich nicht weiß, ob ich ihn überhaupt noch um etwas bitten darf. Doch, darfst du, sagt Gott, der eindeutig fürchtet, dass die Arbeit doch noch an ihm hängenbleibt. Die Patin fragt sogar nach dem ChiWa und Spencer, wechsle ich erneut das Thema. Gott runzelt wieder die Stirn, egal, was er sagt, er findet diese Korrespondenz auch sonderbar. Das ist sehr aufmerksam von ihr, sagt er. Um den kleinen Knilch muss ich mich auch noch kümmern, sage ich. Denn von den geschätzten 85 Haushalten, die ich momentan betreue, kann ich nun langsam mal ein oder zwei auflösen. Ich werde den Damen vom Tierschutz sagen, dass sie haben können, was sie wollen. Tische, Stühle, Decken, Kissen. Ich werde mich nach Wochen der schweigenden Überdenkungs-Phase ordentlich beschweren, sie haben vornehmlich dem kleinen Kerl geschadet. Sie wollten sein Bestes. Oder ihr Bestes. Sie müssen überleben, wirft Gott ein. Sie haben uns angelogen. Die Wahrheit verdreht, verbessert Gott. Nach innen gewachsene Hoden als kastriert zu verkaufen, sage ich. Und verkaufen meine ich im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Geld wollte zumindest die eine Dame sofort sehen! Alter Hund, niemals der Tierärztin vorgestellt, durchaus nicht ganz unproblematisches Tier, sehr dominant, wohl auch aggressiv - im Zweifel. Aber erst mal akbassieren. So geht das nicht, beharre ich. Ich werd denen noch mal ganz klar meine Meinung sagen. Und mich nach dem Zwerg erkundigen. Er hat wirklich Pech. Mal abgesehen von dem Unsinn, der hier gelaufen ist, muss er, bevor er ausgesetzt wurde, richtig gemästet worden sein. Mit Schokolade oder so. Er war so dick. Und längst nicht so verfressen wie der Chief z. B. Er war wirklich gemästet. Und er hat kaum mehr Zähne, die restlichen müssen noch gemacht werden. Wollen wir ihm den Zahnarzt spendieren? Wenn sein Herz für die Narkose stark genug ist?, schlage ich vor. Das ist eine schöne Idee, nickt Gott. Aber ich bin mir langsam nicht mehr sicher. Guttaten von Gutmenschen - enden irgendwie immer in der Scheiße. Nein, widerspricht Gott. Du hast nur unüberlegt gehandelt. Die zwei haben sich gut verstanden, sogar in einem Körbchen geschlafen. Er war nicht kastriert, er war dominant, der Chief war sein ideales Opfer. Ich nicke, wobei Opfer das falsche Wort ist. Menschendenke. A propos - ich habe jetzt auch den Artikel über die Öko-Hysterie endlich ganz gelesen, ja, Altpapier muss auch mal entsorgt werden. Der ist gut geschrieben, ich denke, hervorragend recherchiert, aber das sagen Rezensenten immer gern - selbst wenn sie selbst von Tuten und Blasen keine Ahnung haben - "der Autor hat die Thematik hervorragend recherchiert ... blablabla". Und trotzdem ist die Wortwahl, sind die Formulierungen, die gesamte Richtung des Textes so geradeaus! So stringent der eigenen Überschrift hinterhergeschrieben, dass ... Ich seufze. Ist es guter Journalismus, wenn man Fakten simpelst zu etwas zusammenreiht, dass die eigene These am Ende bestätigt? So macht man das, sagt Gott. Das ist ganz großer Mist, sage ich. Menschendenke, nicht mal den eigenen Gedanken sollte man trauen. Dann wird's schwierig, gibt Gott zu bedenken. Ich seufze. Es ist immer schwierig. Du kümmerst dich jetzt um den Fenstergriff, bestimme ich. Ich seh zu, was mit Spence ist. Wenn die was aus der Bude haben wollen, bekommen wir sie immerhin langsam leer! Keine guten Taten mehr! Alles ist nur? Nehmen und Geben, sagt Gott. Was bekomme ich?, fragt er dann der Logik folgend. Versuch's erst mal, sage ich. Versuch einfach mal den Fenstergriff zu reparieren. Und weil Gott etwas unsicher, vor allem indes unwillig wirkt: Schau, sag ich, hier sehen wir uns mal an, wie es der Fachmann macht. Es ist ganz einfach! Wie er es sagt: Die Abdeckkappe anheben, verdrehen! Und? Festschrauben. Wir sehen und das zusammen an, aber ... ob aus Gott jemals ein Heimhandwerker wird? Okay. Ich mach's selbst, sage ich.


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