Donnerstag, 26. Februar 2015

Lektüre


Sicherlich hat jemand einst die Bürokratie erfunden, als er selbst schwere Zeiten durchlebte. Morgens bereits beschleicht mich ein vages Gefühl der Schwermut, wird er sich gedacht haben. Mittags dann erliege ich einer nahezu katatonischen Starre. Was tun? Es müsste etwas geben, das ablenkt. Das möglichst viel Arbeit macht und so unsinnig ist, dass man sich beständig darüber aufregen kann. Bürokratie! Das ist die Lösung, hat er sich gesagt und vor Freude in die Hände geklatscht. So war es vielleicht und es hat funktioniert. Nimmt man sich eine Auszeit von derselben, und die Zeiten sind trübe, trübt sich auch umgehend das Gemüt. Bereits am Morgen beschleicht einen ein vages Gefühl von Schwermut und ... Das wollen wir nicht. Wenden wir uns also anderen Dingen zu:
Immer noch überlege ich, was wollen wir bloß zu 'Undercover' schreiben? Die zweite Staffel kommt ja jetzt schon raus. Ein Maulwurf in einer kriminellen Organisation. Der sich in die Frau vom Chef verliebt. Und? Gut gemacht - für etwas aus Bulgarien lese ich, wenn ich mal in anderen im Übrigen beigeisterten  Rezis stöber. Ja, da ich das bulgarische Fernsehen resp. Kino nicht kenne, könnte ich das auch behaupten. Wie eben Rezensenten sind ... Alleswisser! Ist immer so schwierig, sage ich zu Gott, wenn etwas gut ist, und man weiß nicht genau, wieso es das eben doch nicht ist. Wie bei den Sons, die starten immer gut, werden dann aber derart moralisch zwischendurch. Ach, ich seufze, und der Dings, der ... Jax, der wird nie ein Schauspieler, das wird nix mehr. Nörglerin, sagt Gott. Darüber denke ich nach. Viel einfacher sind schlechte Filme, miese Romane, man kann die so wunderbar auseinandernehmen, macht man natürlich nicht. Wenn man sogar aus den Erzählungen der Autoren selbst z. B. weiß, wie viel Mühe sie sich mit ihren Fiktionen und ihren schweren Schreibblockaden, der Einsamkeit beim Schreiben usw. usw. Andererseits sollte einen das wirklich nicht interessieren, wenn einer beim Schreiben keinen Spaß hat. Na und? Lese ich lieber den inzwischen gar nicht mehr neuen Deon Meyer aus, der ist nicht schlecht zusammengedrechselt. Hervorragende Ideen. Wie hieß noch mal das Buch, in dem der eine der komatösen Frau nebenbei sein ganzes Leben erzählt?, frage ich Gott. Ach, das war ... Fällt mir gleich ein, sagt Gott mit einem nachdenklichen Finger an der Stirn. Ja, denn dieser Meyer tendiert trotz allem immer ein wenig zur Langatmigkeit. Nein? Also diese Story am Nebenschauplatz war schon recht behutsam unaufregend. Lese ich auch endlich den neuen Tony Hill bis zum Schluss. Ebenfalls sehr unaufregend. Aber eben Tony Hill. So alten Bekannten gräbt man keine Grube. Wie hieß das Buch, das noch gekommen ist?, frage ich, denn manche Verlage bleiben hartnäckig, die merken gar nicht, dass ich kaum Zeit zum Lesen habe. Oder zum Rezi-Verfassen. Linskey?, schlägt Gott vor. Ähäh, nee, bei dem bin ich mir nie sicher, ob er's kann. Oder nur ein guter Imitator ist. Wäre auch eine Kunst. Die rechte Hand des Teufels, sagt Gott. Genau! Das fing gut an. Allerdings nicht gut genug, es ist irgendwo verschwunden, man müsste es mal wieder suchen. Meinst du, ich sollte von dem großen Kultautoren des Krakenmanns mal einen anderen Titel lesen, frage ich. Bloß nicht, sagt Gott. Lass mal. Klar, das ist nur Lektüre für echte Männer. Die die Welt durchschauen. A propos, ich wollte Gott doch letztens mein Lieblingsbild zeigen, das habe ich jetzt wiedergefunden - nein! - jetzt können wir es nicht mehr sehen, denn leider hat mein Lieblingsblog dicht gemacht. Aber vorher habe ich Gott noch rasch einen Blick drauf werfen lassen. Und?, fragte ich. Hat sie nicht einen famosen Blog? Das ist von keiner Frau, sagte Gott wissend, der sich die wundervollen Photos mit den feinen Texten genauer anschaute. Niemals, sagte er. Und! Interessant! Obwohl der Blog definitiv von einer Frau ist oder inzwischen müssen wir sagen - war, hat Monsieur das einst auch behauptet. In denselben Worten, wie Gott es formulierte. 'Das ist von keiner Frau. Niemals!' Stellt sich die Frage, wie kommen die darauf? Ich weiß es nicht, keine Ahnung. Aber - wäre der Blog von einem Mann gemacht - wäre der Typ aber ganz nach meinem Geschmack! Das ist auch kein Blog von einem Knastbruder, der kein Akademiker ist, sagte Gott. Ganz ohne boshaften Unterton. Sondern? Egal. Und à propos, beginne ich doch endlich mal den Zeltserman, der wartet da schon so lange, der setzt schon Staub an. Und gleich nach einer halben Seite hat er mich! "Die Staatsanwaltschaft hat mich wegen einer ganzen Latte von Straftaten bei den Eiern, Schutzgelderpressung, Menschenhandel, Prostitution und versuchter Mord inklusive. Dass ich einem verdeckten Ermittler den Schädel mit einem Brecheisen eingeschlagen habe, setzt aus deren Sicht dem Ganzen die Krone auf." Famos! Ein Mann, der auch in den schlimmsten Momenten den Sinn fürs Absurde nicht verliert. Hoffentlich schreibt ihn sein Autor nicht wieder so überspannt wie den armen Kyle. Fieses Kerlchen, der sich immerhin niemals die Mühe machte zu gefallen. Wie einst Ares, der indes viel klüger war als Kyle. Hat den eigentlich Homer erfunden?, frage ich. So, wie wir ihn heute noch lesen. Geprägt, schlägt Gott vor. Es gab andere Autoren. Gott weiß alles. Ich seufze. Stell dir vor, Phobos und Deimos sind deine Söhne, sage ich und grübel. Schließlich propagieren wir hier nicht gerade Gewalt und Krieg. Es geht vielmehr ums Menschsein. In Krisenzeiten. Oder anders - das Verständnis von Menschsein. Wer heutzutage nicht mit dem Zeigefinger alarmiert aufs Böse weist, ist ja fast schon selbst ein Täter. Moral. Was machst du denn, wenn Kyle dein Sohn ist?, frage ich Gott. Oder Putin? Dich gruseln? Weil eine Faszination von ihnen ausgeht? Über Menschen die Nase rümpfen, die deren Biografie lesen. Faszination. Ich wüsste gar nicht, welche. Sie sind aus ganz anderer Perspektive interessant. Ares eben - als Menschsein. Dazu Moral. Da braucht es keine trinkenden, depressiven Ermittler. Weil Gott indes auf Albernheiten nie antwortet, stellt er selbst eine Frage. Triffst du dich wieder mit Polydoros?, fragt er. Klar!, antworte ich. Schließlich will ich wissen, wieso der Typ so überaus an Gott interessiert ist. Arbeitet ihr eigentlich auch an gemeinschaftlichen Projekten?, frage ich. Gezwungenermaßen, seufzt Gott. Gezwungenermaßen. 


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