Donnerstag, 12. Februar 2015

Dynamik


Aufgebracht
Da ich in den letzten Wochen wie ein Schweizer Uhrwerk immer genau 10 Minuten zu spät das Ziel erreicht habe, bin ich heute Morgen einfach 30 Minuten früher aufgestanden, um dann gerade noch 15 Minuten früher loszukommen, um dann endlich einmal exakt auf die Minute vor Ort einzutreffen. Bei so einer ausgeklügelten Zeitrechnung durfte wohl auch kaum etwas anderes erwartet werden. Stehe ich also morgens um 8 Uhr parat zum Training, und die Trainerin sagt: So viel Stress setzt sich auch im Körper ab, wir werden das heute mal runterfahren. Also trainieren wir im Zeitlupentempo, schlimmer als diese Qigong-Leute. Ja, nickt die Trainerin, das liegt dir nicht. Als Pitta-Vata-Typ muss nämlich alles immer schnell gehen. Hier aber konzentriert man sich aufs Halten. Fokussieren auf langsame Präzision, Gelassenheit in Slowmotion. Das liegt mir in der Tat nicht, ganz im Gegenteil schon in frühester Jugend schlug die Pitta-Konstitution durch, Ärger immer inbegriffen. Auf dem Bild z. B. wollten wir fischen, und wer hat mir den Catcher abgeknöpft? Ich weiß es noch, als wäre es gestern erst gewesen. Genau. In Rødbyhavn, im Hafen von Rødby - man spricht es ungefähr: Röllthbi. Mit einem Th ganz hinten im Rachen. Und knappem, harten HauN am Ende! Das lässt die Dänen lachen, wie die Deutschen das aussprechen. RÖTbihaFN oder so. Egal. Damals war es im Hafen also, als die Claudi plötzlich meinte, dass das jetzt ihr Catcher sei. Und muss man sich das gefallen lassen? An einem Tag, der so schön begann? Willkür? Nur weil man drei Jahre jünger ist? Natürlich nicht! Im hohen Alter indes merkt man, dass es manchmal durchaus besser ist, die Dinge etwas ruhiger anzugehen. Mit freudig gelassenem Gemüt. Auf dem allumfassenden Weg, der sonderbarerweise so beschwerlich ist. Das bringt viel weniger Ärger, weniger Stress, es gibt nicht ständig diese Endlos-Rumstreitereien. Im besten Fall kann man selbst in schlechteren Phasen nachts durchschlafen, anstatt zwischen 2 und 5 Uhr morgens noch einmal alle Probleme zumindest im Geist durchzugehen. Nur um erneut auch spät nach Mitternacht im unruhigen, dynamischen zwischen den Laken Hin- und Herwälzen keine Lösungen zu finden. Um dann morgens wie gerädert aufzustehen. Also? Trainiere ich Zeitlupendynamik. Und dann sehen wir mal, wie der Tag heute so läuft. Manchmal muss man einen Schritt zurücktreten, sagt die Trainerin. Das Tempo runterfahren. Na gut. Danach geht's aber schnell mit dem ChiWa durch den Wald. Doch schon auf der Heimfahrt treten erste schwere Erschlappungsanzeichen auf, ich trödel mit Tempo 30 durch die 50er Zone und überfahre fast eine rote Ampel. Natürlich nicht wirklich, das wäre ja nicht richtig, fast schon ein Vergehen. Ich schlafe aber auch schon fast ein, Schlafen am Steuer ist wohl auch ein Vergehen. Ich reibe mir die Augen, gähne, versuche, wach zu bleiben. Vor der nächsten Ampel telefoniere ich - Freisprechanlage! klar - mit meinem Lieblingsarchitekten, der sich jetzt um einige Dinge für mich kümmern muss. Aber? Ich sage den Termin vorsorglich ab. Schätzelchen, sagt mein Lieblingsarchitekt. Willst du heute etwa feiern? Nein! Hast du gestern etwa schon zu viel Karneval gefeiert? Nein! Willst du mich denn nicht sehen? Doch, ich gähne, aber mir geht's heut nicht so gut. Sekundenschlaf überfällt mich. Wir einigen uns auf einen anderen Termin. Dem Typen, der mir ständig alle Originale abnehmen will, sage ich ebenfalls ab. Diesem Unsinn bin ich heute nach meinem Schritt-Zurück-Zeitlupentempo-Training nicht gewachsen. Nach Rücksprache mit dem Gericht ist es nicht zulässig, dass Sie das Original einkassieren, lasse ich ihn vorab wissen. Er räuspert sich, er muss das erst wieder mit der Rechtsabteilung besprechen, er selbst hat nämlich keine Ahnung. Aber seit mich dieser wirklich nette und auch kompetente Mann berät, weiß ich immerhin, was ich auf keinen Fall machen darf, Originale verteilen z. B. Egal, welche Rechtsabteilung darauf besteht. So! Und dann bin ich endlich mit letzter Kraft daheim angekommen, schließe die Tür auf, und der Chief rast an mir vorbei und springt zu Gott aufs Sofa. Was machst du denn hier? Musst du nicht arbeiten? Schwerwiegende Entscheidungen über die Menschheit fällen? Nicht feiern? Sich Schlips und Unschuld von feschen Damen rauben lassen? Lieber einen Tee, sagt
Streitobjekt wurde zurückerobert.
Der Gerechtigkeit somit Genüge getan
Gott. Es muss ihm sehr schlecht gehen. Hast du Temperatur?, frage ich. Grippe? Lege eine Hand auf seine Stirn und fühle? Das ist ein klarer Fall für meine Wasserreiniger-Medizintropfen. Ich nehme auch gleich ein paar davon - Prophylaxe - , bevor er mich ansteckt. Serviere als pflichtbewusste Krankenschwester noch rasch einen Tee. Und dann? - Rückt ihr zwei mal in die Ecke! - hau ich mich ebenfalls aufs Sofa. Was willst du denn jetzt hier?, sagt Gott. Ich bin krank, sagt er. Schon klar. Aber ich? Muss jetzt mal ganz dringend ein Nickerchen halten. Und nächste Woche? Da werde ich mich beschweren, denn wenn wir das Gemüt und die Dynamik im Training mal so richtig runterfahren wollen? Dann machen wir das bitte nicht morgens um 8 Uhr! Aber ich weiß jetzt schon, was die Trainerin sagen wird - gänzlich zufrieden und ohne Schuldbewußtsein: Das war halt mal nötig. Schlafen! Schön!



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