Sonntag, 15. Februar 2015

Die Brötchen


Roggenbrötchen
Spezial
Ja, es waren die Brötchen, die heute morgen einfach nicht geliefert wurden, so dass sich vor der nicht wirklich gefüllten Bäckereitheke eine größere Ansammlung von empört bis geduldig amüsierten Dörflern staute, um auf ihre Frühstücksgrundlage zu warten. Wann sollen sie denn kommen? Der letzte Stand? Der Chef kümmert sich jetzt selbst darum, 10 bis 15 Minuten wird es noch dauern. Wenn sie warten möchten? Einen Kaffee? Nun, ich möchte nicht warten, ich möchte auch keine Brötchen, ich esse später einen Sonntagsberliner, auch wenn ich damit immer enorm rumkrümle und sich Zucker und Marmelade irritierend verselbstständigen. Möchtest du auch einen, frage ich Gott. Den da, sagt er und deutet auf den Senf-Berliner, ja, den isst Monsieur auch sehr gern - Männersache eben! Wir kommen indes trotzdem nicht recht vor in der langen Schlange der Aufs-Brötchen-Wartenden, Kaffee wird ausgeschenkt - ein spontanes Sonntagmorgen-Happening! Ich sehe meine liebste Sonntags-Zeitung und greife zu! Ja, zuletzt habe ich sie nicht mehr gelesen. Ich hatte Lese-Sperre! Das war fast schon so schlimm wie damals, als eine Rezension an anderer Stelle mit der Feststellung begann: Ich war vermutlich die einzige im Kinosaal, die nicht mit den falschen Erwartungen gekommen war. So, oder ähnlich war es formuliert. Natürlich! Das Superhirn, das alles weiß. Usw. - sofortige Lesesperre stellt sich da bei mir ein. Also lieber zurück zu meiner Sonntags-Zeitungslektüre, von dieser war ich zuletzt ja in der Tat auch nur wenig begeistert. Irritiert von ... dem Humor-Terror-Spezialisten, der nur Akademikern ein Recht auf - keine Ahnung, Feinsinn und Nuller-Aggro - zusprechen wollte. Wer weiß. Dann kam die vermeintlich schwere Öko-Hysterie. Und dann auch noch die Praktikantin im Vorschulalter, die sich mit Freundinnen über Themen beratschlagen durfte, von denen sie - das sagen sie selbst - kaum Ahnung haben, da sie sich nicht dafür interessieren. Ein klarer Beweis, dass das Verbot von Kinderarbeit ein durchdachtes ist. Was bist du wieder so krawallig?, fragt Gott. Bin ich nicht, ich sage nur zuweilen, was ich denke. Und das ist nach den Zeiten, in denen 'Jeder ist ein Rezensent' verboten werden sollte, nun aber die vermeintlich freie Welt für Presse- Meinungs- und Redefreiheit agiert, endlich! kein Problem mehr. Und!, füge ich an, es ist auch in meinem Fall völlig harmlos, da ich quasi keine deutschen Leser habe. Keine Fans, keine followers, keine Daumen-Hoch, keine Wie-Hast-Du-Das-Schön-Formuliert-Schmeichler. Nein, das meiste geht über die Fotos, und ich finde das passt auch, die passen nicht nach Deutschland, die sind nicht wirklich schön, nicht scharf, nicht professionell, nicht offensichtlich. Was soll man also damit anfangen? Mit dem Quatsch drumrum? Zitate und Sound. Ich weiß es nicht, wir müssten die anderen fragen, ob sie's mögen, oder nicht. Warum? Die Nicht-Deutschen anscheinend. Aber es sollte uns vor allem egal sein! Vielleicht hat alles einfach keine Bedeutung. Wer weiß. Wir müssen uns dementsprechend nicht sorgen, sage ich also. Wir können stänkern. Wir werden nicht wahrgenommen. Du, sagt Gott, du denkst, du müsstest dir keine Sorgen machen. Und könntest stänkern. Du musst dir auch keine Sorgen machen, und kannst stänkern, sage ich. Schließlich bist du kein internationaler Star, sage ich. Niemand kennt dich. Letztens hat mich indes doch wieder jemand gefragt, wer denn nun eigentlich Gott sei. Ach, habe ich frei nach Odysseus geantwortet. Gott? Ist Niemand! Gott? Ist perfekt, als Materie indes? Quasi inexistent. Gott schaut bös. Mein idealer Begleiter, es gibt dich nicht, sage ich. Gott glaubt das nicht! Egal, wir stehen also vor meiner liebsten Sonntagszeitung, und ich schlage sie auf. Findest du sie, sie hat ja gerade einen Bären gewonnen, findest du sie auch scharf?, frage ich. Ach, sagt Gott mit so einem ganz lang gedehnten Vokal, also ... die hat schon was. Tja, das sagt Monsieur auch immer. Was?, frage ich also, denn ich gehe den Dingen gern auf den Grund, und Feldforschung ist hochinteressant, allerdings auch kompliziert, man muss sich das Vertrauen der Probanden in ihrem sozialen Milieu hart erarbeiten. Was genau hat sie? Gott wiegt den Kopf und schweigt. Das Rampling-Nude-Model-Phänomen muss also später erneut erkundet werden. Ich blätter mich dann über den "Egomanen" Putin, den Zotisten von der Lippe, den Bio-Mann, die Sopranistin mit Sexszenen, die sie, wenn ich das richtig überfliege, gar nicht hat, hinweg, nur um bei dem O-Artikel hängen zu bleiben. Ist das nicht von dem boops-Spezialisten, frage ich Gott, denn ich kann mir zwar keine Namen merken, das geschriebene Wort trifft aber immer wieder auf einen Teil meines Gehirns, der für das Wiedererkennen zuständig sein muss. Buchstabenfolgen, Bedeutung. Gott nickt, er erinnert sich auch. Ich habe also wahrscheinlich Recht, der Orgasmus-Gesichts-Artikel wurde von dem Kate-Moss-Experten geschrieben. Er muss der Mann fürs Spezielle sein, ein Frauenversteher? Nur das mit den Brüsten hatte uns ja damals schon verstört. Für ein Model hat sie kleine Brüste, behauptete der Moss-Experte. Und fand außerdem, ich zitiere hier aus der Erinnerung, sie sähe aus, als könne man sie kennen. Wunschdenken? Nun, orientieren wir uns einfach an Fakten, ich zitiere mal von hier: "Wichtig für weibliche Models: Weibliche Rundungen haben auf dem Laufsteg nichts zu suchen. Eine etwas größere Oberweite ist dementsprechend nicht gerne gesehen." Und - wie gesagt - es gibt nur sehr wenig Frauen mit XS-Größen, Magermodels eben, deren Oberweite das Shirt sprengt. Proportionen - wie ebenfalls bereits gesagt - das ist bei den Herren anders, da überrascht oft vieles unvorhersehbar, sind bei Damen nun mal oft harmonisch. Egal, jetzt geht's ja um den Orgasmus. Besser - um seine Darstellung im Kino, ist ja gerade alles so sexualisiert. Und das nur, weil - wie ich indes in einer anderen Zeitung las, Akademiker! haben das herausgefunden, Frauen mit ihrem schlechten Geschmack diese 50 Grauschattierungen zum Erfolg gehypt haben. Frauen! Das Elend der Menschheit, das Ende des Geschmacks! 'Man stelle sich mal vor, ich würde als Mann irgendein Pornoheft auspacken', sagt einer der Akademiker in dem Artikel. Und Akademikern trauen wir alles zu, selbst dass sie ihre Pornoheften in der Bahn auspacken, nur weil sie sich darüber echauffieren, dass mehrere Frauen im Abteil das Shades-Schmuddelbuch lesen. Nun, gehen wir darüber hinweg, muss sich dieser gebildete Geist eventuell erst noch mit der Idee von Fiktion und Phantasie und Körpern, der Macht von Bildern und Pornodarstellung vertraut machen. Ist eh egal, denn Frauen ... Pah. Lese ich lieber beim sonntäglichen Experten weiter, der kennt nämlich
Berliner-Massaker
die "Bedürfnisse durchschnittlicher Frauen"! So! Und er weiß, 'Frauen sind keine Mikrowellengerichte'. LESESPERRE! Bei Frauen, den durchschnittlichen bestimmt, dauert es nämlich. Da können nur Experten ran. Echt, sach ma, wende ich mich empört Gott zu. Frauen sind aber auch keine Knet- und Rührteige, die man möglichst lange gären lassen sollte. Schlaftabletten-Wegdös-Sex. Wenn manN's nicht drauf hat, maule ich. Und du bist also sicherlich ein Mikrowellengericht, rein-raus-fertig, gesundheitsschädlich und ohne Nährwert. Ein Mann eben. Aber die Brötchen sind inzwischen geliefert worden, die Kundenschar bedient, und gerade sind wir dran, und Gott beachtet mich im Gegensatz zu anderen Umstehenden nicht im geringsten. Er schäkert schon wieder mit der jungen Dame hinterm Tresen: Zwei Senfberliner und einen normalen, bitte, sagt er. Die scharfen?, fragt sie und lächelt ihn an. Für mich, nickt Gott. 



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