Dienstag, 24. Februar 2015

Der Tritt in den Hintern



Weißt du, wie ich mich fühle?, frage ich nach der Durchsicht der heutigen Post. Weil Gott das nicht die Bohne zu interessieren scheint, spreche ich eben ins Leere. Als bekäm ich jeden Tag einen Tritt in den Arsch. So schlimm, sagt Gott und liest weiter. So schlimm, bestätige ich, habe aber schon den Hörer in der Hand, es gibt Dinge zu erledigen. Ich habe nämlich nun z. B. erfahren, dass man, wird man in die Pflegestufe 0 einsortiert, wird in dem Gutachten ein Nachgutachten dringend empfohlen, dieses nicht einfach gestellt wird. Da die Kassen in der Stufe 0 schön sparen, muss das immer wieder neu beantragt werden. Das machen wir jetzt mal sofort! Wird nämlich z. B. derselbe Sachverhalt vom Gutachter empfohlen, man ist aber in der Pflegestufe 1- 3, passieren derartige Dinge automatisch. Die Kassen müssen sparen! Die Rechte der Versicherungsnehmer müssen, wenn sie die meisten Kosten selbst tragen, eben auch beständig von ihnen selbst beantragt werden. So läuft das! Wie sagt man noch, die Frau Dings sagt immer, der Teufel kackt immer auf den größten Dingshaufen. Wenn's schwierig ist, wird's eben komplizierter. Klar!
Wir haben hier gerade Grippewelle, sagt die Frau am Apparat.
Tja.
Aber um Ihr Anliegen wird sich sicherlich jemand kümmern.
Ich hoffe! Sonst melde ich mich wieder. Morgen.
Nein, nein, sagt sie. Ich veranlasse das schon.
Gut, dann alles Gute.
Ja, sagt sie. Ich denke, mich hat's auch erwischt. Wir verbleiben freundlich und mit den besten Wünschen.
Ich telefoniere weiter. Schauen Sie mal in die Vollmacht. Ja, sagt die Frau am anderen Ende. Da steht, Sie seine befugt, die Post zu öffnen.
Genau! Aber wenn Sie sie weiterhin an die nicht mehr existente Adresse senden, wird das schwierig. Man hört, dass dieser Einwand am anderen Ende der Leitung überdacht wird. Ich weiß nicht, sagt sie. Ich kann das weiterleiten.
Schön. Die Post sollte entweder zu meinen Händen geleitet werden, als c/o. Oder direkt in die Pflegeeinrichtung. Dann indes kostet es doppelt Porto, da die es an mich weiterleiten müssen.
Ich weiß, sagt die Frau. Aber da steht nur, sie dürfen die Post öffnen.
Die Vorformulierungen so einer Vollmacht sind offensichtlich von jedem unterschiedlich auszulegen.
Ich leite das an den Kollegen weiter, schlägt sie freundlich vor.
Prima! Mit einem Anruf eine Angelegenheit zu regeln, die Hoffnung scheint vermessen!
Ich tätige daraufhin noch einige andere Telefonate, bis ich - blöde Idee - zuletzt den netten großen Mann anrufe. Und der ist wirklich nett. Und ich reiche ihm bis zum Bauchnabel. Ich würd mir da keinen Stress machen, sagt er. Ich sprech mal eben mit dem Kollegen. Hören Sie, sagt er dann. Das ist nur eine offizielle Angelegenheit, reichen Sie ein, was sie finden. Wenn etwas Wichtiges fehlt, meldet man sich bei Ihnen. Wenn es unauffindbar ist, finden wir eine Lösung!
Das ist zwar noch nicht die Lösung, aber ich atme erstmal durch. Nach einem frühmorgendlichen
Bizeps-, Trizeps-, Schulterblattmuskeltraining, einem Walk mit dem Walks und all den neuen Anforderungen ist Durchatmen eine perfekte Idee. Vor allem, da ich jetzt bereits den Muskelkater spüre. Man merkt schon, obwohl ich ein ganzes Jahr allein weitertrainiert habe, dass ein Training doch nur unter Anleitung der Trainerin effektiv ist! Wenn die bloß nicht immer sofort alle Schwachstellen erkennen würde! Andererseits - das Ausmerzen eben dieser ist sicherlich wünschenswert. Schwachstellen, das (eigene) Unvermögen, das Nicht-Funktionierende! Und auf eine sonderbare Weise macht all das - auch Bürokratie, in der jeder einzelne Vorgang ungefähr fünf neue eröffnet, aggressiv! Man möchte jemanden rammen, obwohl es mit Höflich- oder Freundlichkeit doch wesentlich besser geht. Man vergisst das schnell. Im Eifer. Ich atme. Und denke an den Chicolino, wie hieß er noch bei Nani? Cooper. Charlie Cooper. Auf alle Fälle hat der auch immer gesagt, was will das kleine, dicke Knäuel von mir? Das mich ständig rammt? Tja. Das war nicht mal Frust, das war Liebe. Es ist Liebe, habe ich ihm gesagt. Die Kleine steht auf dich. Pfff, hat der Chicolus gemacht, denn die? Hat ihn nicht die Bohne ...
Gott interessiert sich für etwas anderes. Hast du der Patin inzwischen geantwortet?, fragt er. Nope. Noch nicht, keine Zeit, sage ich. Und auch keine Ahnung, was ich mal schreiben soll. Ist sie mir sympathisch? Was will sie von mir? Die Stories über ihre Familie. Soll ich die an Gott weiterleiten? Will sie meine Verschwiegenheit testen? Bin ich so unsicher, weil ich sie bewundere? Weil sie so knallhart ist? Kommt noch, sage ich, kommt noch. 
Findest du eigentlich die Photos auf dem Blog zeigenn eine 'Nacktheit im sexuellen Sinne'?, frage ich dann. Auf welchem Blog, fragt Gott. Ich seufze. Man darf nämlich bald keine Nacktheit zeigen, die explizit sexuell ist. Gut so! Wären die Photos das, wäre das ganze Projekt hoffnungslos gescheitert. Ich poche auf den künstlerischen Aspekt, sage ich zu Gott. Der lacht! Bis mein Ellbogen in seiner Seite landet. Da stöhnt er. Ja! Rammen, selbst wenn die Aggression eigentlich schon runtergefahren war. Immer rammen. 
Ich habe nämlich darüber nachgedacht, sage ich. Ich glaube nicht, dass ich wissen muss, was ich warum tue. Wer weiß das schon. Und was das für andere bedeuten könnte. Trotzdem. Die Photos - wir wissen, dass mir viele Fotografen nicht gefallen, sie zeigen Frauen, wie Männer sie eventuell gern sehen würden. Wie der uralte Blick sie immer wieder und wieder zeigt, sich selbst bestätigend. Ob Männer das tatsächlich mögen, oder ob es einfach Konditionierung ist, weiß ich nicht. Wissen die wahrscheinlich auch nicht. Wer weiß schon was. Zumindest weiß ich allerdings, dass mir das nicht gefällt, es erscheint mir doch zu dämlich. Schauen wir uns die Kunst von Frauen an. Hier z. B. eine Künstlerin, die Nacktheit in einen anderen Kontext setzt. Ist es die Brechung der Konventionen? Des Blicks? Progressiv. Oder nur provokativ? Halten wir es kurz und simpel, es mag Kunst sein, es gefällt mir nicht. Die Kinder in die Bilder, meinetwegen in die Kunst, einzubauen, gefällt mir auch nicht. Würd ich nie machen. Die Frage ist ja schon, ob der Chief überhaupt auf'n Blog will? Doch, sagt er, das geht in Ordnung, ich seh gut aus! Stimmt! Für einen so alten Mann sieht er verdammt gut aus! 
Denken wir an Newton, der war grandios. Doch bin ich zu dem Schluss gekommen, er ist nicht wirklich nach meinem Geschmack. Bei ihm geht es immer um Macht. Okay, er sagte: 'Meine Frauen gewinnen immer'. Aber: "My women ...", damit wäre - halten wir es kurz, ebenfalls alles gesagt. Und Jonvelle? Die m. E. schönsten Photos hat er von seinen Lebensgefährtinnen gemacht. Man sieht die Liebe darin - neben der Meisterschaft des Handwerks. Zurück zu unserem liebsten und besten - Sieff. Wieso ist er der wirkliche Meister? Weil er das Detail über alles andere gestellt hat. Die Leidenschaft für das Licht z. B. Nur so kann das Model, das Gesamtbild dann Kunst sein. Die Leidenschaft für das Bild! Und die Offenheit aller möglichen Bedeutung. Für die Schönheit, wie er es formulierte. In ganz ähnlichem Wortlaut, wie es einst Flaubert formulierte. Und jeder von beiden war sich der Konsequenzen bewusst. Stil und Schönheit über alles andere zu stellen. 
Und ich habe mich in Doisneau verliebt. In ihn
z. B. Ist er nicht wundervoll? Absolut! Und der gesamte ja, hier sehr kurze, aber eigentlich recht komplexe und komplizierte Diskurs über Bilder, ihre Macht, die Darstellung, von Frauen auch, das Offene der Deutung, der Bedeutung ist im Bild enthalten. Perfekt! Grandios! Und - um es simpel zu halten, denn es ist komplizierter, sagte Doisneau selbst: "Le monde que j'essayais de montrer ètait un monde où je me serais senti bien, où le gens seraient aimables, où je trouverais la tendresse que je souhaite recevoir. Mes photos ètaient comme une preuve que ce monde peut exister." Parfait ! Wer möchte das nicht? Auch wenn er es nicht kann. Und Menschen fotografieren heute ein heikles Thema ist. Auf der Straße. Persönlichkeitsrechte etc. Wenn man also nur ein Model hat. Und Inès ist nicht mal ein Model ... Es ist alles so schrecklich schwierig, sage ich zu Gott, während ich über den Papieren brüte, ich fülle einen Antrag aus. Weißt du, was ich gern machen würde? Dich in ein kleines Mädchen zurückverwandeln, sagt Gott. Du würdest gern auf einer Bank sitzen und keine Verantwortung haben. Und den großen Mann ratlos um Hilfe bitten. Ja, Gott hat immer Recht! Blödmann, sage ich. Und schmolle.


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