Freitag, 6. Februar 2015

Der letzte Mann


Großartig gelaunt, stürme ich ins Dorfcafé, in eins der vier Dorfcafés, um genau zu sein. Auf alle Fälle hab ich gute Laune, denn beim morgendlichen Spaziergang habe ich gleich mal wieder 5,79 Euro wie nebenbei in die Portokasse gesammelt. Ich kenne nämlich einen Ort, ja, gleich dahinten, wo's immer so düster ist abends. Und dort müssen sich gleich mehrfach im Monat schwere Alkoholiker treffen, die in den Tiefen des Suffs vergessen, ihr Leergut einzusammeln. Prima! Am liebsten sind mir die, die Coca-Whisky aus Dosen trinken und zwar in dionysischen Mengen. Wie auch immer - Dosen sind bekanntermaßen längst nicht so schwer wie Glasflaschen, bringen aber einen besseren Schnitt ins Portemonnaie. Gott braucht allerdings nichts davon zu wissen, er findet nämlich, dass man sich beim Rumspazieren nicht bückt. Pah! 5 Euro würde er aber auch nicht liegen lassen. Und außerdem! Ist die Sammelei auch eine Aktion für eine bessere Zukunft! Für eine saubere Umwelt, und vor allem? Für Ressourcenverwertung! Okay, ich gebe zu, die vielen Vodkaflaschen, auf denen kein Pfand ist, die lasse ich liegen, die Jungs schlucken da aber auch was weg. Tja, und da kann man wieder sehen, wie die Politik versagt. Pfand! Wertvolle Wertstoffe. Aber natürlich nicht auf alle Flaschen und Dosen! Das wäre viel zu logisch. Und so ist die Sammelei eine kleine Wissenschaft. Und längst nicht aller Müll profitabel, sondern einfach Müll. Und die Natur? Nicht zu retten. Nun gut. Hey, sage ich und erlöse Gott, der wird nämlich schon wieder von seiner allerliebsten Lieblingsbäckerei-Fachverkäuferin belagert. Ich weiß nicht, wieso er so einen Schlag bei den Frauen hat, aber sie stehen nun mal auf ihn - alle. Gerade erzählt ihm diese, wie gern sie im Winter dick eingepackt im Sonnenschein spazieren geht. Wenn Schnee liegt, sagt sie, Gott nickt. Ach, sagt sie enttäuscht, da ist schon Ihre Frau. Gott schaut erfreut auf, ich lege lächelnd meine Hand auf seine Schulter. Sie haben ja so einen netten Mann, schwärmt sie. Ich habe ihm hier schon einen eigenen Keksteller hingestellt, sagt sie, ich drohe scherzend mit dem Zeigefinger. Ja, sage ich dann und schaue mit einem Augenaufschlag zu Gott auf, er ist einfach bezaubernd! Die Frau nickt.
Die treibt mich in den Wahnsinn, knurrt Gott, als wir hinausgehen. Aber du willst dich immer hier treffen, sage ich und nehme einen ordentlichen Schluck von meinem Café Royal, lecker! Sie haben hier verdammt gute Kekse, sagt Gott. Ja, und über mich lästern sie im Dorf, weil mein Mann, und letztens hatte ich noch einen ganz anderen, hier mit jeder rumflirtet. Wir sind hier auf dem Dorf, sage ich. Ich flirte nicht mit ihr, sagt Gott. Sie steht auf dich, sage ich. Und wir sind kein Paar, sagt Gott. Ich nicke zufrieden, denn - das wäre ja auch noch schöner. A propos Paare. Ich glaube, irgendwie mag ich die Frau von Georges nicht so richtig, sage ich. Nein?, fragt Gott. Du mochtest sie doch, hast du gesagt. Ja, vom Foto, sage ich. Aber ..., sie liebt ihn ja, okay, ganz große Liebe. Aber im Buch liest es sich oft so, als halte sie sich für viel klüger als ihn. Tust du auch, sagt Gott. Was? Dich für klüger halten, behauptet er. Ich bin empört. Ich bin doch nicht klüger als du, sage ich also voller Ingrimm. Natürlich nicht, stimmt Gott zu, aber Frauen benehmen sich trotzdem gern so, behauptet er. Wir sind eben die besseren Menschen, wechsel ich unvermittelt die Fronten. 
Circe hatte ja gar nicht so viel zu tun, als sie Männer in Schweine ... Gott wirft mir einen Blick zu, aber - so ist es halt, wenn man an akuter ähm ... Misophallie leidet. Wie ich. Statt an Misogynie - wie so viele Männer. Über einige Dinge im Buch, die ich vielleicht doch für indiskret halte, denke ich nach. Es ist ja bestimmt auch nicht leicht, wenn der eigene Mann an nicht viel andres denkt, als nackte Frauen zu skizzieren. Immerzu das Gleiche. Ich überlege. Würdest du mich weiterreichen?, frage ich also. Sehr gern, sagt Gott, ich räusper mich. Im Ernst, meine ich. Denn um es vorab zu sagen, ich wäre nicht ganz einverstanden. Wäre ich der Meinung, du machst deinen Job nicht gut, zu selten, zu langweilig, zu isoliert, was auch immer, ich würde mich dann selbst um Abwechslung bemühen. Und solltest du ... Ich schaue Gott böse an. Gott ergibt sich und hebt in aller Unschuld die Hände. Du solltest nicht immer alles, was du liest und siehst auf dich übertragen, rät er. Tu ich nicht, ich setze mich nur damit auseinander. Versetze mich in Situationen. Und der Typ letztens, den du mir vorgestellt hast ... Der Dings?, sagt Gott. Das ist ein guter Mann, sagt Gott voller Anerkennung. Der hat mir auf den Hintern gefasst, rücke ich die Dinge gerade. Hat er, fragt Gott ohne jede Empörung in der Stimme. Einfach so, sage ich. Du standest neben mir, neben ihm. Ach, sagt Gott, und ich schweige bei so viel Ignoranz. Hier, sagt Gott, die Post war schon da, ich hab dir einen Brief mitgebracht, dachte, du wolltest ihn lesen.
Oh, sage ich. Jetzt schon? Vom Gericht? Ich reiße den Umschlag auf, dann lese ich das kurze Schreiben einmal. Dann noch einmal und noch mal, noch mal, dann noch einmal. Was steht denn drin?, fragt Gott. Ich versteh's nicht so ganz, sage ich mit gerunzelter Stirn. Ich lese den letzten Satz: ... XY wurde bereits darauf hingewiesen, dass die dort vertretene Ansicht, dass die Vollmacht nicht wirksam sei, rechtlich unzutreffend ist. Und dann reibe ich mir die Hände und strahle. Prima, sage ich, die haben nicht Recht, hab ich denen ja gleich gesagt. Das dürfen die gar nicht, sage ich zufrieden. Gott nickt, ich überlege, sagt er, ob ich - nur für den Fall - auch eine Vollmacht schreibe, man weiß ja nie, wann's einen mal trifft. Ich nicke, denn Dinge passieren einfach - wie aus heiterem Himmel. Und man sollte vorbereitet sein. Dann kannst du dich darum kümmern, sagt Gott. Ich?, frage ich. Wieso denn ich? Inzwischen kennst du dich ganz gut aus, sagt Gott. Und du lässt dich nicht abwimmeln. Oh nein, sage ich, wir kämpfen mit harten Bandagen. Wie heißt es bei le Carré: Ich kämpfe bis zum letzten Mann. Und der bin ich, oder so ähnlich. Dabei denke ich an Polydoros und seine strahlende Kampfesausrüstung. Und den Opa, den boxenden Opa, der hat mir das nämlich beigebracht - lange schon vor le Carré. Kämpfen - bis man bekommt, was einem zusteht. Es war ganz gut, sage ich zu Gott, dass der Opa dachte, ich sei ein Junge. Hat er das?, fragt Gott. Ich überlege. Nein, wahrscheinlich dachte er, als Mädchen muss man härter sein. Gott nickt. Ich muss jetzt los, sagt er. Grüß mir Polydoros, rufe ich ihm nach.


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